Tag 76. Ein Stein, ein Lachen und dann diese kleine Wunderwucht
Vor ein paar Tagen hatte ich einen Unfall mit dem Auto.
Nicht schlimm.
Nur nervend.
Diese Sorte nervend, die nicht nach Schmerz klingt, sondern nach Papierkram und dem Gefühl, dass das Leben gerade absichtlich auf meinen Schuh tritt.
Ich fahre rückwärts aus einer Lücke, unten liegt ein dicker Stein, und der macht hinten an meiner Stoßstange genau das, was Steine offenbar nachts üben.
Einbeulen.
Zerkratzen.
So ein Schaden, der sich anfühlt wie ein Knöllchen aus Metall.
Unnötig.
Unverschämt.
Und natürlich zeitfressend.
Versicherung.
Werkstatt.
Gutachten.
Diese Erwachsenenwelt, die sofort aufpoppt, wenn man einmal kurz nicht aufpasst, wie so ein nerviges Cookie Banner, das man nie wegklickt.
Und dann war da noch diese Frau.
Sie stand da.
Sie sah es.
Und als ich ausstieg, um mir das anzusehen, hat sie sich kaputt gelacht.
Ha ha, Sie sind voll in den Stein gefahren.
Ich war so kurz davor, hinzugehen und ihr eine reinzuhauen, wirklich.
Nicht, weil ich Gewalt toll finde.
Sondern weil es Momente gibt, da will etwas in mir einfach nur Gerechtigkeit in der Hand halten, ganz körperlich, ganz heiß.
Warum sagt man nichts.
Warum lacht man.
Wie kann man so sein.
Ich habe dann sehr erwachsen auf Karma gesetzt.
So ein inneres: Irgendwann fährt sie in ihren eigenen Stein.
Und trotzdem blieb dieses Gefühl.
Dieses Zischen.
Diese Mischung aus Scham und Wut und dem doofen Wissen, dass ich jetzt auch noch meine Zeit für einen dicken Stein opfere, der sich nicht mal entschuldigt.
Ich war richtig angefressen.
Nicht mal hauptsächlich wegen des Geldes.
Eher wegen dieser unnötigen Reibung.
Wie wenn man sich den kleinen Zeh stößt und plötzlich ist das Universum persönlich beleidigend.
Eine Woche später. Die Werkstatt als Bühne für etwas Unerwartetes
Ich komme mit Ärger an und werde viel zu früh freundlich empfangen
Heute hatte ich dann endlich den Termin in der Werkstatt, Kostenvoranschlag, Gutachter, das ganze Programm.
Und weil Enjah noch nicht alleine bleiben kann, musste sie mit.
Flusen kann das schon, der würde zuhause wahrscheinlich einfach würdevoll in der Ecke liegen und so tun, als wäre Alleinsein eine freiwillige Fortbildung.
Enjah dagegen ist ja noch in dieser Phase, in der sie denkt, dass wir beide eine gemeinsame Existenzpflicht haben.
Also packe ich sie ein, fahre hin, viel zu früh, wie immer, weil mein Nervensystem gern Reservezeit sammelt.
Und dann passiert das erste kleine Wunder.
Ich komme an, und sie nehmen mich sofort dran.
Kein Prinzipwarten.
Kein Machtdemonstrationsstuhl.
Einfach nett.
So nett, dass mein Ärger kurz nicht weiß, wo er sich hinstellen soll.
Der Satz „ein Welpe“ macht aus Blech plötzlich Herz
Dann sagt die Frau, das Auto müsse auf die Hebebühne.
Ich sage, ich hole Enjah raus, ich würde draußen warten, sie sei noch ein Welpe.
Und ich wünschte, ich hätte ihre Augen fotografiert.
Da ging ein Strahlen durch ihr Gesicht, als hätte ich gerade eine Geheimtür in einem grauen Raum gefunden.
Ein Welpe.
Sofort reinholen.
Ich muss Hallo sagen.
Und ich denke noch: Oh nein, bitte nicht, Enjah ist eine Wundertüte mit Zähnen.
Und dann mache ich es trotzdem.
Weil irgendwas in mir plötzlich Lust hat, zu glauben, dass Menschen auch einfach schön sein können.
Nicht perfekt.
Schön.
Der Moment, in dem ein Welpe einen Erwachsenenraum weich macht
Liebe auf den ersten Blick, ohne Sicherheitsabstand
Die Frau konnte gar nicht aufhören, Enjah zu streicheln.
So eine Freude, die nicht geschniegelt ist.
Nicht höflich dosiert.
Sondern echt.
Als hätte Enjah in ihr einen Schalter umgelegt, auf dem steht: Erinnerung an Zärtlichkeit.
Enjah war am Anfang ein bisschen schüchtern, dieses kurze Zögern, wenn sie merkt, dass jemand sie wirklich sieht.
Und dann hat sie es erstaunlich gut mitgemacht.
Als hätte sie verstanden, dass hier gerade etwas passiert, das größer ist als Streicheln.
Dass es um etwas geht, das man nicht repariert bekommt wie eine Stoßstange.
Meine Angst vor der Strumpfhose und ihr völliges Egal
Ich stand daneben und dachte die ganze Zeit nur an die Strumpfhose der Frau.
Sie war so gestylt.
So perfekt.
Und in meinem Kopf lief ein Film darüber, wie Enjah gleich mit einer Kralle irgendwo hängen bleibt und ich dann offiziell zur Frau werde, die in Werkstätten Strumpfhosen ruiniert.
Aber nichts.
Und selbst wenn.
Der Frau wäre es wahrscheinlich egal gewesen.
Das war das eigentlich Berührende.
Diese Art von Zuneigung, die nicht rechnet.
Die nicht fragt, ob sie sich lohnt.
Die einfach passiert, wie ein warmer Lichtfleck auf dem Boden.
Dann kamen noch andere aus der Werkstatt.
Natürlich.
Wie Motten zum Licht.
Alle wollten Hallo sagen.
Alle wollten diesen kleinen Hund einmal anfassen, als könnte man sich daran erinnern, dass es auch noch etwas anderes gibt als Termine, Schäden und Rechnungen.
Enjah stand da, ließ sich bewundern, und ich sah förmlich, wie ihr inneres Ego einen Stempel bekam.
Bestätigt.
Außergewöhnlich.
Hübsch.
Unwiderstehlich.
Sie nahm das auf wie eine Influencerin kurz vor dem Durchbruch, nur dass ihr Management aus meinem Herzschlag besteht.
Wie aus Mist plötzlich etwas Warmes wächst
Ein Satz, der mehr repariert als jede Versicherung
Am Ende sagte die Frau zu mir: You made my day.
Und ich habe richtig gemerkt, wie mich das erwischt.
Weil ich da eigentlich mit meinem Ärger hingekommen bin.
Enjah wird berühmt
Natürlich wurde Enjah danach ein bisschen eingebildeter.
Sie läuft jetzt, als hätte sie einen Laufstegvertrag.
Sie überlegt offensichtlich, ob sie nicht doch Model werden soll.
Weil alle gesagt haben, sie sei so hübsch, so besonders, so außergewöhnlich.
Ich habe das Gefühl, sie plant schon ihren nächsten Auftritt.