Keksschule oder warum Bindung keine Zirkusnummer ist

Gestern wieder Keksschule.

Sehr kleine Gruppe.

Vier Hunde.

Zwei davon Listenhunde.

Und mittendrin Enjah.

Sehr bei mir.

Sehr fokussiert.

Sehr:

„Sag, was ich machen soll. Ich kann das. Und wo ist der Keks?“

Bis die Sache mit dem Streicheln kam

„Platz.“

Enjah legt sich hin.

„Gut.“

Blick zu mir.

„Keks?“

„Gleich.“

„Was heißt gleich? Ich liege. Aufgabe erledigt. Das System ist eindeutig.“

Dann kommt die nächste Übung.

Hund ins Platz bringen.

Und streicheln.

Ich beuge mich runter.

Enjah schaut mich an.

„Was machst du?“

„Ich streichle dich.“

„Warum?“

„Das ist die Übung.“

„Nein.“

„Doch.“

„Das ist keine Übung.“

„Doch.“

„Eine Übung wäre Sitz. Platz. Bleib. Mitte. Fuß. Irgendwas mit Struktur. Das hier ist Übergriffigkeit mit pädagogischem Etikett.“

Ich muss lachen.

„Du sollst dich einfach entspannen.“

„ICH BIN IN DER KEKSSCHULE.“

„Ja.“

„Hier wird gearbeitet.“

„Und jetzt wird gestreichelt.“

„Zu Hause.“

„Hier.“

„Nein.“

„Enjah.“

„Ich komme hierher, konzentriere mich, arbeite für Trockenfutter und jetzt willst du plötzlich Gefühle.“

Punkt für sie.

Stellen wir uns das bei Menschen vor

Ich:

„Aber Hunde müssen doch lernen, sich anfassen zu lassen.“

Enjah:

„Gut. Dann machen wir das jetzt mit dir.“

„Wie bitte?“

„Du sitzt morgen hochkonzentriert an deiner Masterthesis.“

„Ja.“

„Du bist gerade mitten in einem komplizierten Gedanken.“

„Ja.“

„Und dann kommt jemand, fasst dir über den Kopf und sagt: Na, wer ist denn eine Feine?“

„Okay.“

„Und?“

„Ich würde vermutlich beißen.“

„Siehst du.“

Touché.

Keks ist Keks. Liebe ist Liebe.

Ich versuche es noch einmal.

„Aber du machst doch sonst alles für einen Keks.“

Enjah sieht mich an.

Diesen Blick.

Diesen sehr klaren Enjah Blick.

„Fast alles.“

„Aha.“

„Zirkusnummern ja.“

„Zirkusnummern?“

„Sitz. Platz. Dreh dich. Fuß. Mitte. Bleib. Gib Pfote. Lauf dahin. Komm zurück. Mensch freut sich. Keks. Sauberes Geschäft.“

„Und Streicheln?“

„Ist kein Geschäft.“

Oh.

„Nähe ist Nähe.“

Noch mehr oh.

„Wenn ich kuscheln will, komme ich.“

„Stimmt.“

„Wenn ich nicht will, will ich nicht.“

„Stimmt auch.“

„Warum willst du daraus jetzt eine Übung machen?“

An dieser Stelle hätte ich gern noch etwas pädagogisch Kluges gesagt.

Mir fiel aber nichts ein.

Enjah hingegen wirkte ausgesprochen zufrieden mit dem Gespräch.

Opportunistin mit Geschäftsbedingungen

Hunde gelten ja gern als opportunistisch.

Keks vorhanden?

Hund kooperiert.

Enjah hat dieses Prinzip grundsätzlich verstanden.

Sogar hervorragend.

Sie besitzt allerdings AGB.

Und irgendwo ziemlich weit oben steht offenbar:

Körperliche Nähe ist von der Kekswirtschaft ausgenommen.

Flusen ist da schon eigen.

Enjah ist noch konsequenter.

Wenn sie nicht will, will sie nicht.

Punkt.

Man kann ihr dann natürlich erklären, dass das gerade ungünstig ist.

Sie hört auch aufmerksam zu.

Und bleibt bei Nein.

Ich bewundere diese Klarheit gelegentlich.

Vor allem, weil ich selbst Jahrzehnte gebraucht habe, um ein halbwegs vernünftiges Nein auszusprechen, während dieser Hund es seit Welpenalter mit Ganzkörpereinsatz beherrscht.

Ja, ich höre die aufmerksamen Leser schon

„Moment mal.“

„Soll Enjah nicht sechs Wochen Ruhe halten?“

Ja.

Soll sie.

Und trotzdem waren wir in der Keksschule.

Weil ich mittlerweile verstanden habe, dass „Ruhe“ bei einem Junghund ein sehr dehnbarer Begriff ist.

Hier zu Hause gibt es Flusen.

Flusen bewegt sich.

Flusen guckt.

Flusen atmet verdächtig.

Und sofort könnte daraus theoretisch ein innerfamiliäres Sportfest werden.

Die Keksschule dagegen?

Vier Hunde.

Klare Aufgaben.

Viel Denken.

Wenig körperlicher Wahnsinn.

Für Enjah ist das praktisch Wellness.

Nur eben mit Leberwurstgeschmack.

Am Ende hatte sie vermutlich recht

Wir machten weiter.

Sitz.

Platz.

Fokus.

Keks.

Enjah war wieder voll da.

Glücklich.

Konzentriert.

Bereit.

„Siehst du?“

„Was?“

„Arbeit kann ich.“

„Und Streicheln?“

„Später.“

„Zu Hause?“

„Vielleicht.“

„Auf dem Sofa?“

„Wenn ich komme.“

„Und wenn ich dich rufe?“

„Dann reden wir über die Bezahlung.“

Ich fürchte, ich habe keinen Hund erzogen.

Ich habe eine sehr kleine Gewerkschaft gegründet.