Die Zeit rast und Enjah übernimmt das Management

Die Zeit rast.

Nein, wirklich.

Falls jemand wissen möchte, was gerade mit meiner Zeit passiert, kann das hier nachgelesen werden:
https://kaia.rostek-dagmar.eu/tagebuch

Kurzfassung: Ich habe ein Team aus 13 AI Agenten gebaut, und diese 13 digitalen Kollegen zerren mehr an mir als Flusen und Enjah es je könnten.

Und das will etwas heißen.

Flusen und Enjah zerren wenigstens mit Fell.
Die Agenten zerren mit Logikfehlern, Tasklisten und dem emotionalen Charme einer Steuerprüfung.

Während ich versuche, eine kleine künstliche Intelligenz Kommune zu moderieren, hat Enjah privat beschlossen, dass auch hier Führung gebraucht wird.

Und zwar ihre.

Ich glaube inzwischen, sie hat sich nicht in unser Rudel integriert.
Sie hat es übernommen.

Nicht laut. Nicht plump. Nicht mit großem Schild auf dem steht:

ICH BIN JETZT HIER DIE ABTEILUNGSLEITUNG.

Nein, viel eleganter.

Sie korrigiert. Sie entscheidet. Sie beobachtet. Und Flusen?

Flusen hat ihr, so scheint es, das Feld überlassen.

Er splittet nicht mehr.

Splitten bedeutet, dass ein Hund sich zwischen zwei andere stellt, um Spannung rauszunehmen oder eine Situation zu unterbrechen. So eine Art vierbeinige Konfliktmoderation. Früher war Flusen da sehr aktiv. Wenn irgendwo Energie entstand, war er sofort da:

„Entschuldigung, ich bin vom emotionalen Ordnungsamt.“

Inzwischen schaut er eher zu.

Oder lässt sich von Enjah korrigieren.

Manchmal sogar mit einer Würde, die mich sehr beeindruckt. Wenn Enjah unbedingt vorne gehen möchte, zum Beispiel bei der Abendroutine, dann ergibt Flusen sich erstaunlich oft.

Und diese Abendroutine ist hier inzwischen sowieso kein Pflegeprogramm mehr.

Es ist ein Wellness Retreat mit Fell.

Augen sauber machen. Ohrenpflege. Ausgiebige Zahnpflege. Krallen kontrollieren. Sehr oft ganz kurz schleifen, damit es nie dramatisch wird. Fellpflege. Einmal absuchen, ob alles gut ist.

Warum die beiden das lieben?

Weil wir natürlich pädagogisch wertvoll arbeiten.

Also mit Keksen.

Keks für unangenehm.
Keks für stillhalten.
Keks für „du hast nicht versucht, die Zahnbürste zu heiraten“.
Keks für Flusen, weil er brav zusieht.
Keks für Enjah, weil hinter ihren Ohren offenbar ein geheimes Filzprojekt läuft.

Ich bürste sie täglich. Ich kontrolliere täglich. Und trotzdem entstehen dort Knoten, als würde nachts eine kleine Wollmaus mit Handwerksausbildung einziehen.

Enjah findet das Rausbürsten nicht toll. Aber sie macht mit.

Natürlich nicht umsonst.

Sie ist Junghund, keine Idealistin.

Besonders spannend war heute aber der Garten.

Flusen hatte lange die Angewohnheit, beim Rausgehen in den Garten zu pöbeln. Also bekam er fürs Durchqueren der Tür sein Halsband an und eine superkurze Leine. Nicht als Drama, eher als kleines Verwaltungsformular:

„Bitte verlassen Sie das Gebäude ruhig.“

Mittlerweile reicht das völlig. Ich gehe mit ihm angeleint durch die Tür, der Modus ist klar, ich leine ihn ab, und er sagt keinen Mucks.

Sehr schön.

Sehr zivilisiert.

Sehr „wir haben das im Griff“.

Dachte ich.

Heute hatte ich Wassermelone.

Und Wassermelone ist für beide nicht einfach Obst. Wassermelone ist Religion.

Flusen liebt Wassermelone so sehr, dass ich wusste: Der weicht mir sowieso nicht von der Seite. Also dachte ich ganz naiv:

Ach, dann brauche ich ihn für den Schwellenübertritt nicht anzuleinen.

Ein süßer Gedanke.

Ein kleiner menschlicher Denkfehler mit Fruchtaroma.

Enjah sah nämlich sofort:

Flusen hat keine Leine.

Und in ihrem Kopf blinkte vermutlich eine rote Lampe:

GARTENPÖBELN FREIGEGEBEN.

Also wollte sie schon mal vorab eine Runde Party machen.

Flusen sagte nichts.
Enjah sagte alles.

Ich korrigierte sie und machte die Tür nicht auf.

Das wiederholten wir drei Mal.

Drei Mal Enjah: „Aber Regel ist doch, keine Leine bedeutet Theater.“
Drei Mal ich: „Nein.“
Drei Mal Tür zu.

Daraufhin ging Flusen nach oben.

Sein Blick sagte ungefähr:

„Ich distanziere mich von dieser Laienspielgruppe. Außerdem komme ich an die Melone nicht ran, solange hier wieder pädagogisches Improvisationstheater aufgeführt wird.“

Als Enjah sich beruhigt hatte, kam er wieder runter.

Natürlich.

Wassermelone vergisst man nicht.

Am Ende bekamen beide ihre Melone. Enjah vermutlich mit der inneren Notiz:

„Tür öffnet sich nur bei Ruhe. Unangenehm. Aber essbar.“

Und dann war da gestern Abend noch so ein Moment.

Wegen der Hitze bleibt die Tür offen. Enjah kam nicht ins Bett, sondern legte sich vor die Treppe.

Wachposten Modus.

Unsere kleine Sicherheitschefin.

Sehr rührend. Sehr ernst gemeint. Und leider auch sehr unnötig.

Sie muss hier nichts beschützen.

Das ist unser To do.

Also nicht nur ihres. Auch unseres.

Wir müssen ihr erklären, dass sie nicht zuständig ist. Nicht für die Treppe, nicht für den Garten, nicht für Flusens Leinenstatus, nicht für das gesamte familiäre Risikomanagement.

Wobei ich zugeben muss:

Wenn ich mir anschaue, wie sie den Laden führt, bin ich fast versucht, ihr wenigstens einen Kalender freizugeben.

Aber nein.

Enjah ist Junghund.

Kein Sicherheitsdienst.
Keine Hausverwaltung.
Keine Teamleitung.
Kein emotionaler Wachschutz mit Fellohren.

Auch wenn sie das anders sieht.

Und während draußen die Zeit rast, die AI Agenten an mir ziehen, Flusen Wassermelone anbetet und Enjah an ihrer Karriere als Rudelmanagerin arbeitet, sitze ich manchmal da und denke:

Vielleicht ist das Leben gar nicht schneller geworden.

Vielleicht haben nur alle gleichzeitig beschlossen, dass sie etwas von mir wollen.

Die 13 Agenten.
Der Garten.
Die Eltern.
Der Master.
Flusen.
Enjah.
Die Wassermelone.

Und ich?

Ich stehe dazwischen, mit einem Stück Obst in der Hand, und versuche, nicht von einem Junghund im mittleren Management überholt zu werden.