Wenn Frohsinn Gewicht hat
Begegnung mit einem wandelnden Sofa
Wir waren spazieren.
Mit einer Bekannten und ihrem Labrador.
Acht Monate alt.
Hell.
Verspielt.
Über dreißig Kilo.
Also im Grunde ein gut gelaunter Kühlschrank mit Schlappohren.
Oder ein beiger Fiat Panda im Hundekostüm.
Enjah sah ihn und ihr Gesicht sagte:
„Oh.“
Dann:
„Sehr groß.“
Dann:
„Ich bin fast erwachsen, aber meine Lebensversicherung ist noch nicht aktualisiert.“
Flusen sah ihn auch.
Flusens Blick war sofort klar:
„Der hat keine Hausordnung gelesen.“
Ein Labrador betritt den Raum. Draußen.
Der Labrador war natürlich nicht böse.
Er war süß. Fröhlich. Jung. Voller Liebe. Und leider ungefähr so feinfühlig wie ein Einkaufswagen mit Rückenwind.
Er wollte spielen.
Er wollte schnuppern.
Er wollte Kontakt.
Er wollte vermutlich wissen, ob man andere Hunde durch freundliches Drauffallen besser kennenlernt.
Flusen fand das fachlich schwierig.
Enjah stellte sich zwischen meine Beine.
Sehr souverän.
Sehr erwachsen.
Sehr:
„Ich leite diese Situation aus dem Homeoffice.“
Ich stand also da wie ein menschlicher Fahrradständer, während Enjah diskret einparkte.
Flusen eröffnet die Distanzabteilung
Flusen übernahm die Kommunikation.
Nicht unfair.
Nicht hysterisch.
Aber deutlich.
Ein kurzer Blick.
Ein klares Abschnappen.
Eine pädagogische Luftschere.
„Junger Mann. Abstand ist kein Gerücht.“
Der Labrador verstand es.
Kurz.
Sehr kurz.
Etwa so lange, wie ein Toast braucht, um aus dem Toaster zu springen.
Dann war seine innere Hüpfburg wieder aufgeblasen.
Konferenz zwischen Flusen und Enjah
Enjah: „Flusen?“
Flusen: „Ja.“
Enjah: „Der ist sehr groß.“
Flusen: „Das ist korrekt.“
Enjah: „Der ist auch sehr nah.“
Flusen: „Das ist sein Problem.“
Enjah: „Nein. Es ist gerade mein Problem.“
Flusen: „Deshalb stehst du ja im Menschenparkhaus.“
Enjah: „Ich bin fast erwachsen.“
Flusen: „Natürlich.“
Enjah: „Ich werde im September ein Jahr.“
Flusen: „Das weiß ich.“
Enjah: „Dann darf ich sagen, dass der doof ist.“
Flusen: „Ja.“
Enjah: „Der ist doof.“
Flusen: „Präzise Analyse.“
Der Labrador kam wieder angefedert wie ein übermotivierter Sofakissensturm.
Flusen seufzte innerlich.
„Ich regel das.“
Dreißig Kilo Frohsinn mit fehlender Bremse
Man muss ihm zugutehalten:
Er meinte es nett.
Aber Nettigkeit mit dreißig Kilo und Junghundhirn ist eben manchmal wie ein Liebesbrief, der per Abrissbirne zugestellt wird.
Er war kein Rowdy.
Er war ein Glückscontainer auf vier Beinen.
Ein helles Riesenkind, das der Meinung war, die Welt sei ein einziger Spielplatz und alle anderen hätten nur vergessen, sich anzumelden.
Flusen hatte also zu tun.
Sehr zu tun.
Alle anderen Hundebegegnungen waren plötzlich egal.
Normalerweise scannt Flusen die Umgebung wie ein Sicherheitsdienst beim Staatsbesuch.
Aber heute?
Keine Kapazitäten.
Da war der Labrador.
Dieses beige Großprojekt mit Wackelheck.
Dieses laufende „Hallo, ich bin auch noch da“.
Flusen musste ihn im Auge behalten.
Für das Gemeinwohl.
Enjahs erwachsene Entscheidung
Enjah bellte nicht.
Sie pöbelte nicht.
Sie tat etwas viel Klügeres.
Sie verschwand halb hinter mir und überließ Flusen die Außenpolitik.
Das fand ich ehrlich gesagt ziemlich erwachsen.
Nicht mutlos.
Eher strategisch.
Man muss sich nicht jedem sozialen Ereignis frontal aussetzen, nur weil es freundlich wedelnd auf einen zugallopiert.
Manchmal ist Selbstfürsorge einfach ein sicherer Platz zwischen zwei Menschenbeinen.
Mit guter Aussicht.
Und Fluchtweg.
Der kleine große Bruder
Und dann war da dieser schöne Teil.
Flusen wurde nicht kleiner in dieser Begegnung.
Er wurde größer.
Nicht im Körper. Der Labrador blieb weiterhin das Möbelstück unter den Anwesenden.
Aber innerlich.
Flusen war nicht der Pöbler.
Nicht der Unsichere.
Nicht der, der „schon wieder“ reagiert.
Er war der, der Grenzen setzte.
Der, der sagte:
„Freude ist schön, aber bitte nicht als Ganzkörperlieferung.“
Er sortierte.
Er erklärte.
Er hielt aus.
Er war genervt, ja.
Aber auf diese sehr würdevolle Art, auf die ältere Hunde genervt sind, wenn junge Hunde glauben, die Welt bestehe aus Kontaktformularen.
Am Ende war alles ganz einfach
Der Labrador blieb fröhlich.
Enjah blieb sicher.
Flusen blieb empört.
Und ich blieb beeindruckt.
Weil Hundekommunikation manchmal so fein ist wie ein Blick.
Manchmal so klar wie ein Abschnappen.
Und manchmal kommt sie als dreißig Kilo helles Glück angerannt, ohne Gebrauchsanweisung, ohne Abstandssensor und mit der festen Überzeugung:
„Wenn ich dich liebe, muss ich mich nur noch ein kleines bisschen auf dich draufstellen.“
Und vielleicht war genau das das Rührende.
Dieses ganze Durcheinander aus Jungsein, Grenzen, Schutz, Spiel und Überforderung.
Ein großer Labrador, der einfach noch nicht weiß, wohin mit seiner Freude.
Eine zehn Monate alte Enjah, die schon sehr erwachsen sein möchte und dann doch findet, dass mein Beindreieck eine ausgezeichnete Eigentumswohnung ist.
Und Flusen, der an diesem Tag nicht einfach Flusen war.
Sondern Abstandsbeauftragter.
Kommunikationstrainer.
Und kurzzeitig Leiter der Abteilung:
„Nein heißt nein, auch wenn du hell bist.“