All Inclusive im eigenen Garten

Drei Wochen Hängematte. Theoretisch.

Am Mittwoch beginnt unser Urlaub.

Drei Wochen.

Allein diese Worte fühlen sich an wie eine sehr große Hängematte, in die ich mich sofort hineinfallen lassen möchte.

In meiner Vorstellung liege ich dort bereits. Ein leichtes Sommerkleid, ein Buch in der Hand, irgendwo rauscht das Meer, und niemand möchte etwas von mir.

Die Wirklichkeit hat einen Schreibtisch.

Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop.

Im Laptop wartet meine Masterarbeit.

Sie wartet dort nicht still und freundlich, sondern eher wie eine leicht beleidigte Bekannte, der ich seit Wochen verspreche, mich bald ausführlicher zu melden.

Ich werde also auch im Urlaub schreiben.

Coden.

Auswerten.

Daten betrachten, bis sie entweder eine Geschichte erzählen oder ich beginne, ihnen eine Persönlichkeit zuzuschreiben.

Ich werde mit künstlicher Intelligenz kommunizieren, vermutlich häufiger als mit manchen Menschen, und irgendwann Sätze sagen wie:

„Nein, das war nicht meine Frage.“

Was in Beziehungen mit Menschen wenigstens gelegentlich zu einer echten Klärung führt.

Wir fahren nicht weg.

Meine Eltern sind da.

Wir kümmern uns.

Wobei Annette sich vermutlich mehr kümmert und ich dabei sehr engagiert aussehe.

Eigentlich ändert sich also nichts.

Der Schreibtisch bleibt.

Die Hunde bleiben.

Die Verpflichtungen bleiben.

Sogar ich bleibe, was bei einem Urlaub normalerweise schon ein gewisser Nachteil ist.

Und trotzdem konnte ich es heute zum ersten Mal spüren.

Dieses andere.

Dieses leise Gefühl, dass Zeit plötzlich nicht mehr nur zwischen zwei Terminen stattfindet.

Das exklusive Entspannungspaket

Es begann damit, dass wir länger geschlafen haben.

Dreißig Minuten.

Ich weiß, das klingt nicht nach Erholung.

Es klingt eher nach einem Angebot, das eine sehr sparsame Wellnessagentur zusammengestellt hat.

„Buchen Sie jetzt unser Entspannungspaket. Enthalten sind dreißig zusätzliche Minuten Schlaf und ein Kaffee, den Sie selbst zubereiten müssen.“

Aber wir sind erst um halb sechs aufgestanden.

Halb sechs.

Ich fühlte mich beinahe ausschweifend.

Fast ein bisschen unseriös.

Flusen wirkte ebenfalls überrascht. Enjah vermutlich auch, wobei sie Überraschung grundsätzlich ähnlich ausdrückt wie Begeisterung, Frust, Müdigkeit und die Entdeckung eines Blattes.

Mit Bewegung.

Sehr viel Bewegung.

Das ganze Rudel unterwegs

Dann sind wir spazieren gegangen.

Nicht ich mit beiden.

Nicht joggen.

Nicht effizient.

Nicht so, dass ich dabei schon innerlich den restlichen Tag sortiere.

Wir sind alle zusammen gegangen.

Das ganze Rudel.

Annette, ich, Flusen und Enjah.

Ein langer Spaziergang durch die Felder.

Der Morgen war noch weich.

Die Luft hatte dieses frühe Licht, das nichts beweisen muss.

Flusen lief zufrieden durch seine Welt, überprüfte Gerüche und vermutlich auch die ordnungsgemäße Verwaltung sämtlicher Feldränder.

Enjah lief mit der Ernsthaftigkeit einer jungen Geschäftsführerin, die soeben ein sehr großes Gelände übernommen hat und nun feststellen muss, dass dort bereits andere Lebewesen tätig sind.

Wir gingen einfach.

Alle gemeinsam.

Niemand musste irgendwohin.

Niemand war zu spät.

Nicht einmal ich, obwohl mein Gehirn vorsichtshalber mehrfach nachfragte, ob wir nicht wenigstens etwas optimieren könnten.

Wir optimierten nichts.

Wir liefen.

Und es war unfassbar schön.

Nicht spektakulär schön.

Kein Meer.

Keine Berge.

Kein Sonnenaufgang über einer Landschaft, für die man zuvor sechs Stunden im Stau gestanden hat.

Nur unsere Felder.

Unsere Hunde.

Unser Weg.

Vielleicht war genau das so besonders.

Dass nichts neu sein musste, um sich anders anzufühlen.

Frühstück mit Hoffnung auf Kontrollverlust

Danach gab es Frühstück.

Auch alle zusammen.

Ich mag diese Momente, in denen ein Tisch plötzlich mehr ist als ein Ort, an dem man möglichst schnell etwas isst.

Flusen lag in der Nähe und behielt die Lage im Auge.

Enjah hoffte auf einen unerwarteten Zusammenbruch unserer Erziehungsgrundsätze.

Wir tranken Kaffee.

Der Tag lag vor uns, aber ausnahmsweise saß er nicht schon ungeduldig mit verschränkten Armen daneben.

Der eigentliche Urlaub

Und dann kam der eigentliche Urlaub.

Wir gingen noch einmal ins Bett.

Einfach so.

Für eine Stunde.

Am Vormittag.

Ich glaube, die Hunde hielten das zunächst für einen Fehler.

Sie standen da und schauten uns an.

Wie jetzt?

Wir waren doch gerade erst aufgestanden.

Wir waren draußen.

Wir haben gefrühstückt.

Der Tag läuft bereits.

Man kann doch nicht mitten im ordnungsgemäß eröffneten Morgen wieder ins Bett gehen.

Flusen wirkte, als wolle er kurz die Hausordnung prüfen.

Enjah betrachtete uns mit dieser Mischung aus Misstrauen und Hoffnung, die sonst nur entsteht, wenn ich eine Leckerlitasche öffne.

Dann verstanden sie.

Es war kein Versehen.

Wir meinten das ernst.

Und plötzlich waren beide sehr glücklich.

Wir lagen zusammen im Bett.

Es wurde gestreichelt und gekuschelt.

Von mir.

Von Annette.

Die Hunde untereinander mit jener vorsichtigen Nähe, die bei ihnen manchmal nur wenige Augenblicke dauert und gerade deshalb so kostbar ist.

Flusen schlief ein wenig.

Enjah schlief ein wenig.

Ich lag da und spürte, wie mein Körper langsam begriff, dass gerade niemand etwas von ihm verlangte.

Nicht einmal ich selbst.

Natürlich hielt dieser Zustand nicht ewig.

Irgendwann wurde aus der zarten Geschwisterruhe eine kleine Tobeeinheit.

Bei Enjah ist der Übergang zwischen inniger Verbundenheit und vollständigem Körpereinsatz fließend.

Ein kurzer Blick.

Eine Pfote.

Ein freundliches Schnappen in eine Körperregion, die Flusen gern weiterhin allein verwalten würde.

Und schon war das Familienidyll wieder sehr lebendig.

Aber selbst das fühlte sich anders an.

Nicht wie eine Unterbrechung.

Nicht wie etwas, das schnell geregelt werden musste.

Es gehörte dazu.

Urlaub mit Hunden bedeutet vermutlich nicht, dass alles still wird.

Es bedeutet, dass das Laute gerade keinen Termin stört.

Zurück am Schreibtisch

Erst danach setzte ich mich an den Schreibtisch.

Ich finalisierte die letzten Dinge für den Job.

Ich öffnete die Masterarbeit.

Ich kehrte zurück zu Zahlen, Texten, Code und meinen regelmäßigen Gesprächen mit Maschinen, die sehr selbstbewusst antworten, auch wenn sie meine Frage offenbar nur flüchtig überflogen haben.

Es war derselbe Schreibtisch.

Derselbe Laptop.

Dieselbe Arbeit.

Und trotzdem war etwas anders.

Der Tag hatte nicht mit Leistung begonnen.

Er hatte mit uns begonnen.

Vielleicht ist das schon Urlaub.

Nicht weniger Alltag, sondern ein bisschen mehr Leben davor.