Tag 99

Tag 99 und Tag 100 klingen wie so ein kleines, rundes Fest. Wie Konfetti, das man schon mal vorsorglich in die Schublade legt, weil Zahlen manchmal so tun, als wären sie Meilensteine mit eingebauter Musik.

Und dann macht das Leben diese Sache, die es am besten kann: es wirft alles um, nur um zu zeigen, dass es die Regie führt.

Montag war ich noch unterwegs, als hätte ich einen inneren Stundenplan unterschrieben, den ich nicht mehr finden kann. Ich habe meinen Pa zum Arzt gefahren, damit geklärt werden kann, ob er am Auge operiert werden muss. Muss er. Sonst würde er blind werden. Diese Sätze kommen immer so nüchtern daher, und innen drin macht es trotzdem einmal kurz klack, wie eine Tür, die ins Schloss fällt.

Ich saß neben ihm und dachte gleichzeitig zu viel und zu wenig. Ich habe versucht, normal zu gucken. So, als wäre das alles nur eine weitere organisatorische Station in einem Alltag, der nicht merkt, wie sehr er manchmal zittert.

Tag 100

Und dann kam Dienstag.

Tag 100.

Ausgerechnet.

Mein Körper hat offenbar beschlossen, dass wir das Jubiläum anders begehen. Nicht mit Kuchen, nicht mit Fotos, nicht mit dem innerlichen Trommelwirbel, sondern mit einem Magen Darm Infekt, der mich einmal freundlich aber bestimmt von den Beinen geholt hat. Nicht schlimm, wirklich nicht. Eher so: Ich war plötzlich sehr klein, sehr langsam, sehr Sofa.

Enjah fand das zunächst hochgradig verdächtig.

Ich bin schlapp durchs Haus geschlichen wie eine schlechte Kopie von mir selbst, und sie hat mich angeschaut, als hätte ich heimlich die Regeln geändert. Dieses junge, klare Gesicht, das keine Ahnung hat, was “krank” bedeutet, aber sehr genau spürt, wenn jemand nicht richtig im Takt ist.

Nach ein paar Minuten hat sie eine sehr erwachsene Entscheidung getroffen.

Sie hat einfach mitgeschlafen.

Als würde sie sagen: Gut. Dann machen wir heute eben einen Ruhetag. Ich kann auch Zen. Ich bin zwar Enjah, aber ich kann auch Zen.

Flusen dagegen hatte einen anderen Plan.

Der kam immer wieder mit Spielzeug zu mir, vorsichtig optimistisch. Ein Ball hier, ein Zerrding da, so als würde er mich mit sanfter Hartnäckigkeit zurück ins Leben stupsen wollen. Seine Augen voller dieser charmanten Logik: Wenn wir spielen, bist du wieder du. Und ich lag da und dachte, es ist wirklich rührend, wie sehr ein Hund daran glaubt, dass man Probleme wegwerfen kann wie ein Stofftier.

Zwischendurch war ich wach genug, um mich zu wundern, wie absurd das alles ist.

Hundert Tage Enjah.

Hundert Tage, seit dieses kleine Wesen bei uns eingezogen ist und unser Leben mit ihrer Art von Energie neu sortiert hat. Und an Tag hundert liege ich da wie ein umgekipptes Möbelstück, während sie schläft und Flusen mir therapeutisches Spielzeug anbietet.

Ich hätte gern gefeiert.

Nicht groß. Eher so ein inneres Anstoßen, ein kurzer Moment von: Schau mal. Wir sind schon so weit gekommen. Wir drei. Dieses Rudel, das sich jeden Tag neu erfindet.

Stattdessen gab es Tee, Decke, leise Schritte durchs Haus und diese merkwürdige Mischung aus Dankbarkeit und Sorge, die manchmal gleichzeitig in einem Körper wohnt.

Da ist mein Pa, der operiert werden muss, damit er sehen kann.

Da bin ich, die plötzlich merkt, wie wenig glamourös ein Tag 100 aussehen kann.

Und da sind Enjah und Flusen, die mich auf ihre Weise halten, ohne darüber zu reden. Enjah mit ihrem Schlaf, der sich wie ein stilles Dabeibleiben anfühlt. Flusen mit seinem Spielzeug, das sagt: Ich geb dich nicht auf, nur weil du gerade horizontal bist.

Vielleicht war das mein Tag 100.

Kein Konfetti.

Aber eine ziemlich klare Erinnerung daran, wie Familie manchmal aussieht.

Ein bisschen krank.

Ein bisschen ängstlich.

Und mitten drin zwei Hunde, die das Leben nicht erklären, sondern einfach neben mir atmen.