Sonntag, Tag 98: Sonne, Spiel und ein Streit, der klingt wie Weltuntergang

Sonntag hatte dieses Licht, das so tut, als wäre alles einfach.

So ein Tag, an dem die Sonne auf die Hunde fällt und sie aussehen lässt wie Werbefiguren für ein Leben ohne innere Konflikte.

Wir waren lange draußen.

Sehr lange.

So lange, dass mein Kopf irgendwann aufgehört hat, Pläne zu machen, und stattdessen nur noch mitgelaufen ist.

Flusen in seinem ruhigen, königlichen Trab.

Enjah mit diesem jungen, federnden Übermut, der immer ein bisschen so wirkt, als hätte sie heimlich Koffein gefunden.

Der lange Spaziergang, auf dem alles kurz richtig war

Draußen war es erstaunlich friedlich.

Sie haben gespielt.

Schön gespielt.

So ein Spiel, bei dem man kurz vergisst, dass es überhaupt so etwas wie Hierarchie gibt.

Als würden sie sagen, heute sind wir einfach nur Hunde.

Ohne Politik.

Ohne Regeln.

Ohne Küche.

Und ich bin mitgegangen, in diesem seltenen Zustand, in dem man nicht ständig irgendwas optimieren will.

Ich habe die Sonne auf der Haut gemerkt.

Den Wind.

Und diesen ganz leisen Luxus, dass niemand gerade etwas von mir erwartet, außer vielleicht, dass ich die Leinen nicht verknotete.

Das kriege ich sogar an guten Tagen hin.

Manchmal.

Küche ist ein anderes Land

Und dann kam der Abend.

Wir waren wieder daheim.

Die Küche, dieser Ort, an dem bei uns nicht gekocht wird, sondern verhandelt.

Kaum bereite ich Nahrung zu, wird aus dem Haus eine kleine Börse.

Alle Kurse steigen.

Aufmerksamkeit steigt.

Nerven steigen.

Und Flusen ist bei Futter weiterhin empfindlich.

Nicht uns gegenüber.

Ich kann ihm alles wegnehmen, ich könnte ihm theoretisch sein Testament vorlesen und dabei den Napf wegtragen, er würde nicht mal blinzeln.

Das ist klar bei ihm.

Wir sind unantastbar.

Bei Enjah ist das anders.

Da reicht es, dass wir in der Küche etwas machen und sie sich vorfuscht.

So ein bisschen zu nah, ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu sehr.

Und plötzlich kippt die Stimmung, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, der nicht im Sicherungskasten steht, sondern in der Urzeit.

Es kam zu einem Streit zwischen Flusen und Enjah.

Ein Streit, der sich anhörte, als würde gleich eine mittelgroße Oper explodieren.

Es klang schlimm.

So schlimm, dass mein Körper sofort in diesen Modus geht, in dem alles in mir laut wird.

Auch wenn der Kopf später sagt, wahrscheinlich war es gar nicht so schlimm.

Nur.

Mein Gefühl hatte das Memo nicht bekommen.

Mein Gefühl war schon bei Katastrophe.

Mein „Hey Stopp“ und der Moment danach

Ich habe es beendet mit einem lauten Hey Stopp.

So ein Ton, der aus mir rauskommt, wenn keine Zeit für Diplomatie ist.

Wenn meine Stimme kurz zur Handbremse wird.

Danach habe ich als erstes Enjah untersucht.

Pfoten.

Flanken.

Alles.

Nichts.

Keine Verletzung, kein Drama, nur mein eigenes Herz, das sich immer noch anhörte wie ein zu schnell laufender Taktgeber.

Und dann passierte etwas, das mich gleichzeitig rührte und zum Lachen brachte.

Enjah ging zu Flusen und hat sich entschuldigt.

Nicht mit Worten.

Mit Hund.

Sie wurde klein.

Sie leckte unterwürfig an seinen Lefzen, so wie Hunde das machen, wenn sie sagen wollen, okay, verstanden, ich war zu forsch, du bist der ältere Herr im Haus.

Flusen ließ das zu wie jemand, der schon lange im Amt ist.

Kurz würdevoll.

Kurz streng.

Dann wieder Alltag.

Ich stand daneben und dachte, noch ist die Hierarchie klar.

Und ich bin sehr gespannt, wie lange noch.

Enjah hat nämlich diese Art, klein zu sein, die sich anfühlt wie ein Zwischenzustand.

Wie ein Mantel, den sie nur kurz trägt, bis er ihr zu eng wird.

Der Mähroboter, das Monster, das tagsüber lebt

Zwischendurch gab es auch diese sonntäglichen Komödien, die einem das Leben hinlegt, damit man nicht zu ernst wird.

Unser Mähroboter zum Beispiel.

Wir lassen ihn nur tagsüber laufen, wegen der Tiere, nachts ist das für mich unvorstellbar, da würde ich jedes Geräusch für einen Krimi halten.

Tagsüber jedenfalls fährt er da so stoisch über den Rasen, als hätte er eine Mission.

Enjah fand ihn beängstigend.

Er musste auch mal angebellt werden.

Das Witzige ist nicht das Bellen.

Das Witzige ist Enjahs Timing.

Sie bellt.

Sehr mutig.

Sehr laut.

Und versteckt sich dann in Lichtgeschwindigkeit hinter mir.

So nach dem Motto.

Ups.

Wer hat das gesagt.

Ich jedenfalls nicht.

Ich bin nur ein harmloser kleiner Hund, der zufällig ganz in der Nähe einer sehr großen Schutzperson steht.

Es ist, als würde sie auf den roten Knopf drücken und dann sofort so tun, als wäre sie nie im Raum gewesen.

Ein Miniheld mit Rückzugsplan.

Helm, Fahrradfahrer und die plötzliche Urangst

Und dann war da noch ein Fahrradfahrer mit Helm.

Helme sind bei uns offenbar ein eigenes Kapitel.

Flusen kannte das früher auch.

Dieses plötzliche.

Moment.

Warum glänzt dein Kopf.

Warum bist du Mensch und gleichzeitig so… anders.

Als hätte jemand dem Alltag ein Kostüm gegeben.

Enjah hat gebellt, als hätte sie einen Drachen entdeckt, und war gleichzeitig selbst erschrocken über ihre Entschlossenheit.

Dieses

Ich rette uns

aber bitte rette mich dabei auch.

Ich musste lachen, weil sie in solchen Momenten wirkt, als hätte sie Mut nur geliehen.

Und die Leihfrist läuft extrem schnell ab.

Enjah und das prickelnde Wasser der großen Welt

Und dann kam mein Lieblingsmoment des Tages.

Enjah hat Sprudelwasser getrunken.

Ich glaube, sie ist der einzige Hund auf der Welt, der Sprudelwasser trinkt.

Und nein, sie war nicht am Verdursten.

Ich habe getrunken, habe ihr ein bisschen in der Hand angeboten, so aus Spaß.

Sie probiert es.

Die Lefzen verziehen sich ein bisschen, weil das ja pickst auf der Zunge, so als würde man flüssige Luftschlangen trinken.

Sie knurrt ganz leise, eher beleidigt als wütend.

Und dann.

Trinkt sie wieder.

Als hätte sie beschlossen, dass sie das Konzept jetzt erziehen wird.

Flusen hat genau einmal probiert.

Einmal.

Dann hat er diesen Blick gemacht, den Flusen macht, wenn er innerlich einen Vertrag kündigt.

Und ich bin sicher, er würde eher verdursten, als das noch einmal anzufassen.

Enjah hingegen fand es irgendwann witzig.

Sie trank weiter, als wäre Sprudelwasser eine Mutprobe, die sie unbedingt gewinnen muss.

So ein bisschen.

Seht her.

Ich kann sogar prickelnde Dinge aushalten.

Ich bin Junghund.

Ich bin Abenteuer.

Ich bin ein Lifestyle.

Und ich stand daneben und dachte, natürlich bist du das.

Natürlich nimmst du sogar Wasser persönlich.

Sonntag endet, aber wir bleiben ein kleines Rudel

Am Ende des Tages war wieder alles ruhig.

Flusen lag da wie ein alter, weiser König, der zwischendurch kurz die Ordnung wiederhergestellt hat.

Enjah lag da wie ein kleines Wesen, das heute sehr viel Welt ausprobiert hat.

Sonne.

Spaziergang.

Spiel.

Ein Streit, der schlimm klang und sich schlimm anfühlte, auch wenn er wahrscheinlich gar nicht so schlimm war.

Ein Roboter, der Gras frisst.

Ein Fahrradhelm, der kurz zu einer Bedrohung wurde.

Und Sprudelwasser, das in Enjahs Kopf offenbar nicht prickelt, sondern glitzert.

Ich mag diese Sonntage.

Nicht weil sie perfekt sind.

Sondern weil sie so ehrlich zeigen, wie wir sind.

Ein bisschen Sonne.

Ein bisschen Chaos.

Und ziemlich viel Liebe dazwischen, die sich manchmal als Spiel zeigt und manchmal als lautes Hey Stopp.

Und dann wieder als zwei Hunde, die draußen gemeinsam rennen, als gäbe es keine Küche auf der Welt.