Tag 97: Samstag ist Agility Tag und ich bin das Problem

Samstag ist Agility Tag.

Für manche Menschen klingt das nach Sport, Endorphinen und so einem leuchtenden Ich bin eins mit meinem Körper Moment.

Für mich klingt es nach einem sehr langen Parcours, sehr vielen Richtungswechseln und dem Gefühl, dass mein Gehirn in der Kurve aussteigt und mir nur noch hinterherwinkt.

Der Parcours diesmal war nicht einfach nur lang.

Er war lang wie ein Roman, den man im Stehen lesen muss.

Und er hatte so viele Richtungswechsel, dass ich kurz dachte, wir trainieren gar kein Agility, sondern Steuerhinterziehung.

Links. Rechts. Links. Rechts.

Einmal kurz zurück in die Vergangenheit.

Und dann bitte elegant so tun, als hätte man das alles geplant.

Parcours Beschreibung: Labyrinth mit Springen

Ich stand am Start und hatte diesen optimistischen Moment.

Dieses

Heute wird es besser.

Und dann lief ich los und war nach ungefähr fünf Sekunden wieder in meinem gewohnten Zustand.

Orientierung ist eine Gerüchteküche.

Meine Beine wussten was sie tun.

Meine Hände auch.

Nur mein Kopf war irgendwo am Rand und schrieb Notizen wie ein Sportkommentator.

Oh, spannend, sie hat schon wieder keine Ahnung.

Ah, jetzt kommt die Stelle, an der sie denkt, sie wäre schon weiter.

Oha, da hinten liegt die nächste Enttäuschung, direkt hinter Sprung Nummer keine Ahnung.

Ich habe keine einzige Runde vollständig richtig geschafft.

Keine.

Nicht mal so aus Versehen.

Nicht mal aus Mitleid des Universums.

Das Universum war heute streng und hat sich gedacht, wir fördern dich mal.

Fördern wie in Erdarbeiten.

Die Hälfte war super und ich so: welche Hälfte

Der Running Gag des Tages war der Moment, als ich ungefähr die Hälfte des Parcours ohne Fehler geschafft habe.

Die Trainerin lobt mich.

Ganz ehrlich, ganz warm.

Sie sagt, die Hälfte war super.

Und ich lache und sage, ja genau, die zwei Sprünge habe ich fehlerfrei absolviert.

Diese zwei Sprünge waren meine persönliche Meisterleistung.

Meine olympische Disziplin.

Zwei Sprünge am Stück, ohne mich selbst zu verlieren.

Ich wollte danach eigentlich ein Foto machen lassen.

Mit Medaille.

Mit Hymne.

Mit einem kleinen Interview.

Ich würde gern danken.

Meinem Hund.

Dem Boden.

Dem Zufall.

Und der Tatsache, dass ich kurz nicht nachgedacht habe.

Sobald ich nachdenke, wird es gefährlich.

Mein Denken ist beim Agility wie ein zusätzlicher Hund, der ungefragt mitläuft und ständig den Parcours umdekoriert.

Flusen: der Professor unter den Hürden

Flusen hat das beeindruckend gut gemacht.

Wie immer.

Flusen läuft Agility wie jemand, der das schon in der Grundschule als Wahlpflichtfach hatte.

Er ist so präzise, so klar, so bei sich, dass ich manchmal daneben stehe und mich frage, ob ich ihn eigentlich führen soll oder ob ich einfach mitlaufen darf, um mich besser zu fühlen.

Wenn Flusen springt, sieht das aus wie.

Ja, das war geplant.

Ja, so war es gedacht.

Ja, ich habe mein Leben im Griff.

Wenn ich springe, sieht es aus wie.

Oh, da war auch ein Hindernis.

Interessant.

Wusste ich nicht.

Ich habe heute wieder gemerkt, dass Flusen nicht mit mir trainiert.

Er toleriert mich.

Er nimmt mich mit.

Er trägt mich mental auf seinen Schultern wie eine Einkaufstüte, die droht zu reißen, und sagt, komm, wir schaffen das.

Und ich so, danke, ich bin sehr wertvoll, bitte nicht fallen lassen.

Enjah: drittes Mal und schon eine kleine Legende

Enjah war für ihr drittes Mal grandios.

Wirklich.

Sie war konzentriert.

Sie war da.

Sie hatte diesen Blick, der sagt, ich mache das jetzt.

Und mein Herz hat sich aufgeführt wie ein Fanblock.

So laut innen, dass ich kurz Angst hatte, sie hört es und wird eingebildet.

Wobei.

Sie ist Enjah.

Sie war wahrscheinlich schon eingebildet, bevor wir überhaupt aus dem Auto gestiegen sind.

Sie lief, als hätte sie einen geheimen Vertrag mit den Sprüngen.

Als würden die Sprünge ihr respektvoll Platz machen.

Und ich dachte die ganze Zeit, bitte bleib so, bitte bleib so.

Und gleichzeitig dachte ich, oh nein, jetzt fange ich schon wieder an, Erwartungen zu haben.

Klassischer Fehler.

Ich bin konsequent inkonsequent, aber wenigstens mit Stil.

Warteschleife am Rand: Enjah vs. Flusens Ruhm

Das einzige, was sie wirklich aus der Fassung gebracht hat, war.

Zuschauen.

Enjah am Rand ist eine ganz eigene Performance.

Sie sitzt da, soll warten, soll zugucken, soll ruhig bleiben.

Und in ihr drin sitzt ein kleines Wesen, das gegen die Fensterscheibe tippt und sagt

Hallo.

Ich bin hier.

Ich möchte jetzt.

Warum läuft der andere.

Warum nicht ich.

Warum existiert Zeit.

Warum existieren Regeln.

Sie wurde unruhig, als Flusen gelaufen ist.

So richtig unruhig.

Nicht böse.

Eher empört.

Als hätte jemand sie auf eine Party eingeladen und dann gesagt, sie darf nur an der Garderobe stehen und lächeln.

Und ich merkte, wie ich mit ihr mitleide, weil ich selbst beim Zuschauen innerlich schon wieder rennen wollte, um meine Fehler zu korrigieren.

Wir sind da sehr ähnlich.

Leider.

Vergleich des Tages: Flusen ist Annette und Enjah bin ich

Und dann sagte die Trainerin noch etwas, das mich erst lachen ließ und dann sofort in einen gedanklichen Loop geschubst hat.

Sie meinte, Flusen würde sie sehr an die Art von Annette erinnern.

Und Enjah wäre wie ich.

Ich stand da und hatte in meinem Kopf sofort eine Preisverleihung.

Flusen bekommt den Pokal für Stabilität, Klarheit, souveräne Körpersprache.

Annette nickt würdevoll.

Alle klatschen.

Und ich.

Ich bekomme den Pokal für kreative Linienwahl, innovative Richtungsinterpretation und die Fähigkeit, einen Parcours innerhalb von zehn Sekunden in eine persönliche Sinnkrise zu verwandeln.

Enjah nimmt den Pokal entgegen, sehr ernst, und sagt, ja, das stimmt.

Ich bin wie Dagmar.

Ich bin hochmotiviert.

Ich bin sehr gefühlvoll.

Ich bin manchmal leicht hektisch, wenn man mich zu lange warten lässt.

Und ich kann aus einem einfachen Hindernis eine ganze Geschichte machen.

Sie würde sich wahrscheinlich noch bedanken.

Bei ihrer inneren Dramaturgie.

Bei ihrer Präsenz.

Und bei ihrem Talent, gleichzeitig Baby und Profi zu sein.

Natürlich sind mir nur die positiven Eigenschaften eingefallen

Ich habe dann darüber nachgedacht, was genau die Trainerin da vergleicht.

Und natürlich sind mir nur positive Eigenschaften eingefallen.

Ist klar.

Flusen ist wie Annette, weil.

Er ist ruhig.

Er ist stabil.

Er ist freundlich, aber klar.

Er hat diesen Blick, der sagt, ich hab das.

Enjah ist wie ich, weil.

Sie ist engagiert.

Sie ist schnell.

Sie ist klug.

Sie hat Feuer.

Und dann hat mein Kopf kurz leise gehustet und gesagt.

Oder.

Enjah ist wie ich, weil sie gleichzeitig alles will, sofort, und dabei so tut, als wäre Geduld eine Option für andere.

Weil sie im Warten eine persönliche Beleidigung sieht.

Weil sie konzentriert ist, ja, aber auch ein bisschen sehr sehr begeistert von sich ist.

Und weil sie, wenn sie einmal im Modus ist, die Welt so ernst nimmt, als würde es Noten geben.

Und Flusen ist wie Annette, weil er wahrscheinlich sogar beim Chaos noch aufgeräumt aussieht.

Ich stelle mir vor, wie Flusen nach dem Training die Hürden ordentlich zurückstellt und leise sagt, danke für die Möglichkeit.

Während ich nach dem Training meine eigene Orientierung suche und Enjah am Rand versucht, den Parkplatz zu managen.

Fazit: zwei Sprünge, ein Traum, sehr viel Liebe

Ich bin heute nicht an meiner Leistungsgrenze gescheitert.

Ich bin an meiner Orientierung gescheitert.

Das ist etwas anderes und ich werde mir das so lange erzählen, bis es sich wie eine Auszeichnung anfühlt.

Flusen war großartig.

Enjah war für ihr drittes Mal unverschämt gut.

Und ich war.

Ich war da.

Ich war laut innerlich.

Ich war der Running Gag.

Und das ist vielleicht auch eine Rolle.

Nicht die, die ich mir im Kopf immer aussuche.

Aber eine, die ich inzwischen mit etwas Stolz tragen kann.

Wenn schon keine Runde vollständig richtig, dann wenigstens mit Humor.

Und mit zwei Sprüngen, die wirklich makellos waren.

Ich glaube, ich lasse mir das auf ein T Shirt drucken.