Tag 96: Frust hat eine Excel Tabelle im Herzen
Heute war wieder so ein Arbeitstag, an dem ich gemerkt habe, wie nah Erwartungen an meiner emotionalen Grenze wohnen.
Sie wohnen nicht nebenan.
Sie wohnen in mir.
Sie stellen sich morgens auf wie eine kleine Theatertruppe und rufen, wir haben schon mal das Stück aufgebaut, du musst nur noch spielen.
Und dann sitze ich im Meeting, lächle professionell, und innerlich steht da ein Bühnenbild aus Pappe, auf dem in großen Buchstaben steht
So sollte es laufen.
Und das Leben kommt rein wie ein Hund mit nassen Pfoten und stellt sich genau da hin.
Erwartung ist ein Drehbuch, das keiner unterschrieben hat
Ich glaube, mein Frust entsteht selten aus dem, was passiert.
Er entsteht aus dem Abstand zwischen dem, was passiert, und dem, was ich innerlich bestellt habe.
Ich bestelle Klarheit.
Ich bekomme Nebel.
Ich bestelle Timing.
Ich bekomme Menschen, die erst mal noch kurz leben müssen, bevor sie liefern.
Ich bestelle einen sauberen Ablauf.
Ich bekomme einen Haufen lose Enden, die mich anschauen wie Spaghetti im Topf, kurz bevor sie überkochen.
Und je mehr ich innerlich denke, so müsste es sein, desto lauter wird dieses kleine Geräusch in mir, das klingt wie
Nein.
So war das nicht geplant.
Als wäre Planung ein Schutzzauber.
Als wäre mein Kalender eine Art Wetterbericht mit Anspruch auf Wahrheit.
Flusen, Enjah und der Blick, der zu eng wird
Wenn ich nach der Arbeit mit Flusen und Enjah rausgehe, sehe ich sofort, wie Erwartungen auch bei ihnen aussehen.
Es ist dieser Fokus Blick.
Dieses Tunnel Gesicht.
Wenn Flusen erwartet, dass hinter der Ecke ein bestimmter Hund steht, wird er zu einem Scanner auf vier Beinen.
Er riecht nicht mehr die Wiese.
Er riecht nur noch Abwesenheit.
Und wenn der Hund nicht kommt, läuft Flusen ein Stück weiter, als würde er sagen, das kann nicht sein, ich habe das doch innerlich schon organisiert.
Enjah macht es anders, aber genauso schön absurd.
Wenn sie erwartet, dass gleich etwas passiert, wird sie zur Eventmanagerin.
Ohren auf Empfang.
Augen wie Scheinwerfer.
Körper in Alarmbereitschaft.
Die Welt ist dann nicht mehr Welt.
Sie ist Bühne.
Und auf dieser Bühne soll jetzt bitte etwas stattfinden, damit sich dieses innere Hochfahren lohnt.
Das Tragische ist
Je stärker die Erwartung, desto weniger bekommen sie mit, was wirklich da ist.
Und ich merke, wie ich mich da sofort anschließe.
Als wäre Erwartung ansteckend.
Wie Gähnen.
Nur mit Stirnrunzeln.
Enttäuschung ist der Preis, den ich vorher schon bezahle
Enttäuschung fühlt sich für mich oft nicht an wie ein Ereignis.
Eher wie eine Quittung.
Ich habe Erwartungen ausgegeben wie Kleingeld.
Hier ein bisschen Hoffnung auf Struktur.
Da ein bisschen Wunsch nach Kompetenz.
Dort ein bisschen Sehnsucht nach einem Tag, der nicht an meinem Nervensystem zieht.
Und abends halte ich die Quittung in der Hand und denke, warum bin ich eigentlich so müde.
Manchmal kommt die Enttäuschung sogar, bevor überhaupt etwas schiefgeht.
Schon im Voraus.
Wie ein innerer Sicherheitsdienst, der sagt, wir sind vorbereitet, falls es wieder nicht so wird.
Was für eine romantische Art, das Leben zu begrüßen.
Agility ist der einzige Ort, an dem Erwartung plötzlich nett ist
Es gibt eine Stelle, da sehe ich die gute Seite von Erwartung.
Agility.
Da ist Erwartung nicht Forderung.
Da ist sie Absprache.
Da ist sie ein gemeinsamer Plan, den ich mit Enjah durch den Körper schicke.
Jetzt hier.
Dann da.
Dann scharf links, als wären wir kurz zwei Komplizen in einem sehr schnellen Spiel.
Da macht Fokus auf.
Da macht er nicht eng.
Da wird Erwartung zu Rhythmus.
Zu Musik.
Zu diesem Gefühl, dass wir zusammen etwas treffen.
Und ich liebe das.
Vielleicht auch, weil es so selten ist, dass Erwartung mich nicht stresst, sondern trägt.
Im Job ist Erwartung oft eine Falle mit hübscher Schleife
Beruflich ist es bei mir eher anders.
Da fühlt sich Erwartung oft an wie ein schick verpacktes Geschenk, in dem ein Stein liegt.
Ich erwarte, dass Menschen Dinge so sehen wie ich.
Ich erwarte, dass Zwischentöne gehört werden.
Ich erwarte, dass ein Projekt sich benimmt, als hätte es Manieren.
Und dann passiert das Leben.
Ein Termin kippt.
Eine Info fehlt.
Eine Entscheidung wird vertagt, bis sie irgendwann von selbst alt wird.
Und ich merke, wie mein inneres System gleichzeitig kämpfen und funktionieren will.
Ich werde wütend und beherrscht.
Ich werde übervoll und sehr freundlich.
Ich werde müde und klinge trotzdem nach Lösungsorientierung.
Und irgendwo da stoße ich an diese Grenze, die ich im Moment immer wieder treffe.
Nicht weil der Tag unmöglich ist.
Sondern weil ich innerlich ständig mit etwas ringe, das nie existiert hat.
Mit meiner Version davon, wie es sein müsste.
Heute will ich es anders versuchen
Ich will es beruflich mal wieder mit weniger Erwartung probieren.
Nicht als große Erleuchtung.
Eher als Experiment.
Ich will ausschließlich das nehmen, was kommt.
Und dann damit arbeiten.
Egal wie viel oder wenig es ist.
Egal wie passend oder unpassend es ist.
Wie beim Spaziergang, wenn Flusen und Enjah plötzlich stehenbleiben, weil ein Busch heute eine Geschichte erzählt, die gestern noch nicht da war.
Man kann sich darüber aufregen.
Man kann den Busch innerlich verklagen.
Oder man kann kurz anerkennen, dass das jetzt gerade die Realität ist, und dann schauen, was sich daraus machen lässt.
Ich sage das so leicht.
Und ich weiß, wie schwer sich das im Büro anfühlen kann, wenn mein Kopf schon wieder ein Drehbuch aufgeschlagen hat.
Aber vielleicht reicht für heute dieser kleine Anfang.
Ein bisschen weniger Bühne.
Ein bisschen mehr das, was ist.
Und vielleicht, ganz vielleicht, ist Glück oft einfach nur der Moment, in dem niemand mehr versucht, die Gegenwart zu korrigieren.