Tag 95: Junghund, offiziell
Enjah ist jetzt Junghund.
Das klingt nach eigenem Konto und eigener Steuerklasse.
In meinem Kopf trägt sie schon so ein winziges Blazerchen und hat eine Visitenkarte.
In der Realität stolpert sie immer noch über ihre eigenen Pfoten, als hätte jemand ihr nachts neue Beine geliefert, ohne Montageanleitung, ohne Schrauben, ohne Geduld.
Der Gegenstand, der gestern noch okay war
Gestern und heute hatte ich diese Momente, in denen ich kurz stehenbleibe, weil ich nicht sicher bin, wer von uns beiden gerade das Update falsch installiert hat.
Enjah reagiert plötzlich anders auf Dinge, die sie tausendmal gesehen hat.
Nicht ein bisschen anders.
So richtig anders.
Als hätte jemand die Welt über Nacht neu möbliert und dabei aus Versehen alles eine Spur bedrohlicher beleuchtet.
Die Mülltonne ist nicht mehr Mülltonne.
Sie ist jetzt ein schwarzes Loch mit Deckel, das Geräusche sammelt und irgendwann als Plopp zurückgibt.
Der Busch ist kein Busch.
Er ist ein Busch mit Agenda.
Und Enjah guckt dann so, als wäre sie in einer True Crime Doku gelandet und ich hätte vergessen, ihr den Kontext zu erklären.
Dieser Blick, der gleichzeitig fragt und anklagt.
Warum ist das da.
Warum ist das heute so.
Warum tut das so, als hätte es Gefühle.
Ich stehe daneben wie eine Museumsführerin, die verzweifelt versucht, ein modernes Kunstwerk zu verkaufen.
Hier sehen Sie eine Installation aus Plastik und Scham.
Bitte nicht anfassen.
Bitte nicht interpretieren.
Bitte einfach weitergehen.
Umbau im Kopf, Baustelle im Bauch
In ihrem Gehirn ist gerade Großbaustelle.
Nicht so eine mit Plan, Kaffee und Menschen, die wissen, wo die Wasserleitung liegt.
Eher so eine, auf der plötzlich alle gleichzeitig anfangen, Wände zu versetzen, weil irgendwer gerufen hat, Wachstum.
Hormone stürmen rein wie eine Truppe Praktikanten mit zu viel Energie und null Überblick.
Einer ruft, wir brauchen mehr Gefühl.
Eine andere klebt neue Schilder auf alte Türen.
Hier stand Gelassenheit, jetzt steht da Alarmanlage.
Und irgendwo blinkt ein Schild, das niemand liest.
Achtung, kurzzeitige Verwirrung.
Bitte rechnen Sie mit spontanen Mülltonnenkrisen.
Das Gemeine ist.
Sie kann nicht sagen, Entschuldigung, mein Nervensystem macht gerade ein Update, ich brauche kurz WLAN.
Sie kann nur stehenbleiben und plötzlich vorsichtig werden.
Oder groß tun.
Oder beides gleichzeitig, weil Pubertät offenbar bedeutet, gleichzeitig Sicherheitsdienst und Baby zu sein.
Mit ernstem Blick und sehr weichem Bauch.
Das Baby im Teenagerkostüm
Per Definition Junghund.
In der Praxis meistens noch Welpe mit großem Anspruch.
Und im nächsten Augenblick trägt sie innerlich Sonnenbrille, lehnt lässig an einer unsichtbaren Wand und tut so, als wäre sie schon immer erwachsen gewesen.
Dieses Hin und Her ist wie Wetter mit schlechter Laune.
Gestern Sonne.
Heute Nebel.
Morgen beides, plus Seitenwind, plus der plötzliche Wunsch, alles erstmal skeptisch zu finden.
Noch sind es nur diese Mini Aussetzer. So kleine Hänger im System, als würde Enjah kurz den Ladebalken anschauen und dann so tun, als wäre nichts gewesen.
Wir kennen das von Flusen. Erst ist es ein einzelner schräger Blick auf einen ganz normalen Busch. Dann werden es mehr. Und irgendwann ist Normalität das Außergewöhnliche, so ein seltener Feiertag im Kalender, an dem plötzlich alles klappt und man sich dabei ertappt, wie man fast misstrauisch wird.
Noch freuen wir uns drauf. Also so eine vorsichtige Vorfreude, die den Helm schon mal bereitlegt und trotzdem lächelt. Wir wissen, dass das eine große Herausforderung wird. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Dass wir da reinlaufen, nicht weil es leicht wird, sondern weil wir inzwischen wissen, wie gut wir zusammen improvisieren können.