Tag 94: Versetzung, aber bitte mit Drama
Heute ist Enjah in die zweite Klasse gekommen.
Junghundegruppe.
Das klingt nach neuen Freundschaften, spontanen Existenzfragen und dem diffusen Gefühl, dass alle anderen wissen, wie man lebt, nur man selbst nicht.
Enjah hat das ganz anders verstanden.
Sie hat es verstanden als
Endlich erkennt es jemand offiziell an.
Elternsprechtag auf Pfoten
Die Trainerin stand da wie eine sehr freundliche Behörde mit Herz.
So eine, die niemanden anschreit, aber trotzdem weiß man plötzlich nicht mehr, wie man seinen eigenen Namen schreibt.
Zu jedem Hund gab es eine Rückmeldung.
Und Enjah saß da, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt.
Der Blick so fest, dass man damit Fliesen schneiden könnte.
Will to please, aber bitte im Maßanzug.
Die Sache mit den Keksen und der Fall der Monarchie
Dann kam die Nachricht.
Ich solle aufhören mit den Keksen.
Enjah sei fokussiert genug.
Sie brauche das nicht mehr.
Ich habe in diesem Moment innerlich meine Leckerli Tasche umarmt wie einen alten Freund, der jetzt ins Ausland zieht.
Und Enjah
Enjah hat nur kurz geblinzelt.
So ein Blinzeln wie jemand, der gerade eine Auszeichnung bekommt und versucht, nicht zu geschniegelt zu wirken.
Es hat nicht geklappt.
Sie wurde noch geschniegelt-er.
Zeugnisübergabe: Enjah wird zur Streberin
Zuhause lief sie, als hätte sie ein Zeugnis in der Brusttasche.
Sie hatte keine Brusttasche.
Aber sie hat diese Bewegung drauf, dieses minimal angehobene Kinn, das sagt
Ich bin nicht nur brav.
Ich bin zertifiziert brav.
Und ich schwöre, sie hat Flusen angeschaut, als wäre er ein sympathischer Quereinsteiger ohne Abschluss.
Flusen hat zurückgeschaut wie ein alter Beamter kurz vor der Pension.
Gelassen.
Wissend.
Leicht gelangweilt von Leistung.
Das Streberzeugnis
Ich lese es vor, damit es wirklich passiert.
Nicht, weil Zahlen so romantisch wären.
Eher weil es absurd ist, Bindung zu benoten, als wäre sie ein Mathetest mit Lösungsweg.
Und weil Enjah gerade so tut, als hätte sie das System erfunden.
Grundkommandos: 1
Distanzkontrolle: 1
Tierarztkontrolle: 2
Anti Giftköder: 1,3
Kommunikation und Körpersprache: 3, wobei das eher mein Fach ist und ich da regelmäßig durchfalle, sobald ich versuche, entspannt zu wirken
Leinenführigkeit: 1 in der Hundeschule und 6 sobald wir den Platz verlassen, weil außerhalb offenbar andere Gravitation gilt und ich dann nur noch ein tragbares Hindernis bin
Freifolge: 2
Umwelt Training: 2
Abruf: 1
Sozialverhalten mit anderen Hunden: 2, weil sie manchmal lieber elegant ausweicht, statt in diese höflichen Hundegespräche einzusteigen, in denen alle so tun, als wären sie total unkompliziert
Motorik: 1
Koordination: 1
Bindung: 1
Leinenführigkeit: Zwei Welten, ein Hund
Diese Leinenführigkeit macht mich fertig.
Auf dem Hundeplatz Eins.
Sobald wir rausgehen Sechs.
Das ist wie ein Kind, das in der Schule Gedichte analysiert und zuhause vergisst, wie ein Lichtschalter funktioniert, weil der Wind gerade komisch guckt.
Ich sehe uns schon beim nächsten Mal.
Auf dem Platz läuft Enjah neben mir wie ein Uhrwerk mit Ohren.
Sobald wir den Platz verlassen wird sie zu einer philosophischen Künstlerin, die erforschen muss, wie weit Freiheit eigentlich geht.
Sehr weit, sagt sie.
Sehr, sehr weit.
Bindung Eins, ich wiederhole: Bindung Eins
Bindung: 1.
Ich habe das laut gesagt und sofort dieses Bild im Kopf gehabt, wie Enjah mir eine Eins auf die Stirn klebt.
Mit Sternchen.
Mit Glitzer.
Und dann geht sie weiter, als würde sie leise sagen
Du darfst stolz sein.
Aber bitte nicht so peinlich, Dagmar.
Und ich merke, wie sehr mich diese Fremdbewertung gleichzeitig kitzelt und irritiert.
Als würde jemand von außen kurz unser Innenleben in eine Mappe heften.
Stempel drauf.
Erledigt.
Dabei fühlt sich das, was zwischen uns passiert, selten nach erledigt an.
Eher nach jeden Tag neu.
Umbauarbeiten im Junghundehirn und die Kunst, trotzdem geschniegelt zu sein
Heute war sie auch unsicher.
Ganz kurz.
Ganz fein.
Wie eine Hand, die an der Welt ruckelt, obwohl sie gestern noch gepasst hat.
Sie wollte mit keinem Hund spielen.
Sie stand da, als wäre das alles eine Party mit zu lauter Musik und sie hätte ihre soziale Batterie zuhause vergessen.
Und ich dachte sofort an diese Baustelle in ihrem Kopf.
Winzige Bauarbeiter in Neonwesten.
Neue Kabel.
Neue Abzweigungen.
Ein Vorarbeiter, der überzeugt ruft, wir machen das jetzt alles anders.
Und das Nervensystem sitzt daneben, trinkt kalten Kaffee und sagt
Können wir bitte einmal kurz nichts verändern.
Nur kurz.
Und trotzdem schafft Enjah es, in diesem Chaos so auszusehen, als hätte sie alles im Griff.
Das ist vielleicht ihr größtes Talent.
Sich innerlich neu zu sortieren und dabei äußerlich zu tun, als wäre sie ein professioneller Hund.
Heimweg mit erhobenem Kinn
Auf dem Heimweg lief sie, als hätte sie eine kleine Aktentasche.
Als würde sie gleich irgendwo klingeln und sagen
Guten Tag, ich bin Enjah.
Ich bringe Leistung.
Ich bringe Fokus.
Und ich bringe keinerlei Bedarf an Keksen mit.
Ich trottete daneben wie das Personal, das den roten Teppich ausrollt und dabei hofft, dass niemand merkt, wie sehr es sich gerade mitfreut.
Und wie sehr es gleichzeitig denkt
Das kann doch nicht alles in Zahlen passen.
Das kann doch nicht stimmen.
Und doch stimmt es auf eine sehr enjahige Art.
Sobald Enjah das Papier gesehen hat, hat sie innerlich sofort die Zahlen daneben geschrieben. Nicht die Trainerin. Nicht ich. Enjah. Mit sicherer Pfote, ohne zu zögern. Bei Bindung hat sie kurz gelächelt, der Eins extra Schwung gegeben und ein Herzchen daneben gesetzt.