Tag 93: Ein weinender Smiley und mein plötzliches Herz

Manchmal ist es kein großer Satz.

Kein Drama.

Keine Erkenntnis, die man später in hübsche Worte wickeln kann.

Manchmal ist es einfach nur ein weinender Smiley.

Und ich sitze da, starre auf dieses kleine gelbe Gesicht, und mir kommen die Tränen.

So richtig.

Als hätte jemand in mir einen Schalter umgelegt von Denken auf Fühlen.

Ich finde das selbst ein bisschen absurd.

Ich bin erwachsen.

Ich habe schon echte Dinge erlebt.

Und dann bringt mich ein Emoji zum Weinen.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Dass manche Dinge mich nicht über den Kopf erreichen, sondern über die Haltung.

Und diese Hundetrainerin.

Diese Frau fasziniert mich immer wieder, weil sie Haltung nicht spielt.

Sie ist sie.

Die WhatsApp Gruppe als kleines Versuchslabor

Wir sind seit ein paar Monaten eine kleine Welpen Gruppe gewesen, jetzt sind wir in der Junghundegruppe.

Sechs Hunde.

Zwei neue dazu.

Wir sind in einer WhatsApp Gruppe, damit man absagen kann und die Trainerin planen kann.

Und weil wir so wenige sind, kann sie unglaublich intensiv auf uns eingehen.

So richtig.

Nicht dieses allgemeine “Ja, macht mal mehr Ruhe”.

Sondern: genau dein Hund, genau deine Situation, genau dieser kleine Dreh.

Individuell.

Präzise.

Warm.

Und dann schreibt diese Hundemama, die erst dreimal da war, gestern Abend in die Gruppe: Ich melde mich ab, ich komme nicht mehr, hat nicht viel geholfen leider.

So.

Zack.

In den Raum.

Wie ein Teller, der ohne Vorwarnung auf den Boden fällt.

Und ich merke sofort, wie es in mir heiß wird.

Dieses innere: Das macht man nicht.

Warum nicht direkt an die Trainerin.

Warum in die Gruppe.

Warum so.

Warum kein Gespräch.

Warum nicht sagen: Ich brauche mehr davon, weniger davon, ich wünsche mir.

Warum diese offene Tür und dann dieses Ding da reinwerfen.

Ich kann gut verstehen, dass man irgendwo nicht mehr hingehen will.

Wir haben selbst Entscheidungen getroffen.

Nur diese Art.

Diese öffentliche Spitze.

Dieses Nebensatz Urteil.

Das trifft mich.

Obwohl es mich eigentlich gar nicht treffen müsste.

Und genau daran merke ich, wie mein Nervensystem funktioniert.

Wie schnell es in mir anfängt, Ordnung herstellen zu wollen.

Fairness.

Respekt.

Augenhöhe.

Ich will, dass Dinge “richtig” laufen.

Und ich merke, wie mein Kopf sofort anfängt zu argumentieren, wie ein Anwalt, der ohne Mandat auftaucht.

Dann kam der weinende Smiley

Und die Trainerin antwortet.

Nicht mit einer Erklärung.

Nicht mit Rechtfertigung.

Nicht mit passiv aggressiver Höflichkeit.

Nicht mit dem kleinen Gift, das man so gut in scheinbar sachliche Sätze packen kann.

Sie antwortet mit einem weinenden Smiley.

Nur das.

Und ich werde weich.

Weil sie damit alles macht, was ich in meinem Kopf nicht sofort hinkriege.

Sie entkoppelt.

Sie nimmt es nicht als Angriff auf ihren Wert.

Sie macht keinen Gegenangriff.

Sie schiebt es nicht zurück in die Gruppe, damit alle sehen, dass sie auch kann.

Sie bleibt bei sich.

Und zeigt Trauer.

Schade.

Verlust.

Nicht Wut.

Und ich merke, wie sehr mich das berührt, weil es so selten ist.

Diese Fähigkeit, das Primärgefühl stehen zu lassen.

Ohne Urteil.

Ohne Maske.

Ohne die zweite Schicht aus Stolz und Schutz.

Ein Smiley als Beweis, dass da ein Mensch sitzt.

Kein System.

Keine Rolle.

Ein Mensch.

Warum wir so schnell wütend werden

Ich denke an Gewaltfreie Kommunikation, an diesen Satz, der mir immer wieder in den Kopf fällt.

Wut ist oft ein Sekundärgefühl.

Wut ist häufig ein Primärgefühl plus ein Urteil.

Und ja.

Mich hat die Nachricht wütend gemacht, weil ich die Hundemama verurteilt habe.

Ich habe ihr Verhalten sofort eingeordnet.

Unfair.

Unreif.

Unhöflich.

Und mit jedem inneren Urteil wird die Wut schärfer.

Wie ein Messer, das sich selbst nachschärft.

Wut fühlt sich aktiv an.

Handlungsfähig.

Sie gibt mir das Gefühl, ich könnte etwas tun.

Primärgefühle sind anders.

Traurigkeit ist weich.

Scham ist still.

Enttäuschung ist eine leere Hand.

Und viele von uns sind nicht besonders gut darin, mit leeren Händen dazustehen.

Also greifen wir lieber zur Wut.

Das ist wie ein Mantel.

Der kratzt.

Aber er hält warm.

Die Trainerin trägt diesen Mantel nicht.

Sie steht da.

Ohne den Schutz.

Und genau deshalb wirkt sie so integer.

Weil ihr Gesicht nicht etwas anderes sagt als ihre Worte.

Weil sie nicht “professionell” spielt, während innen alles brennt.

Sondern weil sie innen und außen miteinander sprechen lässt.

Warum die Hundemama das vielleicht so schreibt

Und ja, ich frage mich auch, warum Menschen so agieren.

Warum in eine Gruppe schreiben statt direkt.

Warum so schneidend.

Warum ohne Gespräch.

Vielleicht, weil direkte Gespräche Risiko sind.

Weil man sich dann zeigen muss.

Dann müsste man sagen: Ich habe mir mehr erhofft.

Dann müsste man vielleicht hören: Was genau hat dir gefehlt.

Dann müsste man genauer werden.

Und Genauigkeit ist intim.

Ein Gruppenchat ist dagegen wie ein Fenster, aus dem man etwas rausruft und sofort wieder verschwindet.

Man steht nicht da.

Man bleibt nicht im Kontakt.

Man wirft nur.

Und oft steckt hinter so einem Wurf gar nicht Bosheit, sondern Überforderung.

Oder Unsicherheit.

Oder dieses alte Muster: Wenn ich zuerst bewerte, kann mich niemand bewerten.

Wenn ich zuerst gehe, muss ich den Moment nicht aushalten, in dem ich enttäuscht bin.

Das sind Strategien.

Nicht schön.

Aber menschlich.