Tag 92: Zwei Hunde, ein Gesicht, und die Lüge, die keiner kauft

Ich habe mir angewöhnt, höflich zu sein.

Nicht als Entscheidung. Eher als Überlebensstrategie, die irgendwann so tief eingebaut wurde, dass ich sie nicht mehr von mir selbst unterscheiden kann.

Schlechter Tag? Stimme trotzdem freundlich.

Innendrin Toaster kurz vor dem Rauch? Außen: Lächeln, Schultern zurück, alles paletti.

Es funktioniert ganz gut mit Menschen. Menschen hören auf Worte. Menschen nicken, wenn man sagt „Mir geht’s gut„, weil sie selbst gerade auch so tun, als ob, und weil das der Gesellschaftsvertrag ist, auf den wir uns irgendwann alle stillschweigend geeinigt haben.

Mit Flusen und Enjah funktioniert es überhaupt nicht.

Flusen merkt es zuerst.

Er liegt meistens irgendwo, scheinbar halb schlafend, und sieht dabei aus wie ein Gelehrter, der nur so tut als würde er dösen, in Wirklichkeit aber alles mitschreibt.

Wenn ich nach einem solchen Tag nach Hause komme, freundlich, aufgeräumt, „Alles gut ihr zwei„, dann passiert bei Flusen nichts.

Kein freudiges Aufspringen. Kein Schwanzwedeln. Er hebt kurz den Kopf, schaut mich an, und senkt ihn wieder.

Nicht kalt. Nicht beleidigt.

Nur präzise.

Es ist der Blick eines Menschen, der sagt: Ich höre, was du sagst. Ich glaube dir nur nicht. Und weil ich dir nicht glaube, weiß ich auch nicht, was hier gerade wirklich gebraucht wird. Also warte ich.

Flusen wartet nicht aus Gleichgültigkeit. Er wartet, weil er mit dem, was ich ihm anbiete, nichts anfangen kann. Ein Signal, das nicht stimmt, ist für ihn kein Signal. Es ist Rauschen. Und auf Rauschen reagiert er nicht.

Das ist das Erste, was mich jedes Mal trifft.

Nicht dass er geht. Sondern dass er einfach nicht kommt.

Enjah ist anders.

Enjah ist die, die in die Lücke springt.

Wenn Flusen sich zurückzieht, fängt Enjah an zu ermitteln. Sie kommt näher. Legt den Kopf schief. Schnüffelt kurz in meine Richtung, als würde sie eine zweite Meinung einholen wollen, die ihr die Nase gerade gibt.

Und dann fängt sie an zu spielen.

Nicht weil sie spielen will.

Sondern weil sie genau weiß, dass ich es tue.

Sie zerrt an meinem Ärmel. Bringt mir etwas. Rennt einen Meter weg und dreht sich um. Das klassische: Komm schon, ich weiß, dass da noch was ist, lass es raus, ich helfe dir.

Sie hat verstanden, dass ich gerade nicht bei mir bin, und sie versucht, mich dahin zurückzuholen. Nicht mit Geduld wie Flusen. Mit Bewegung. Mit Albernheit. Mit dem Angebot, kurz etwas anderes zu sein als diese höfliche, zusammengehaltene Version von mir.

Und ich sage dann meistens: Nein, Enjah, nicht jetzt.

Mit freundlicher Stimme natürlich.

Während mein Körper eigentlich sehr gerne würde.

Enjah hört das Nein.

Und ignoriert es komplett.

Nicht weil sie frech ist, sondern weil sie das Nein für weniger echt hält als alles andere, was sie gerade liest. Die Worte kommen rein, werden kurz geprüft, und landen im Papierkorb. Abgelehnt. Nicht authentisch genug. Nicht weitergeleitet.

Das ist das Ding mit der Höflichkeit.

Sie überzeugt niemanden, der wirklich zuhört.

Wir haben uns das so beigebracht, als wäre Freundlichkeit eine Art Qualitätsmerkmal, das man unabhängig vom Innenzustand aufrechterhalten sollte. Als wäre „Ich bin immer nett“ ein Charakterzug und kein Alarmsignal.

Aber was wir dabei vergessen ist, dass jeder, der wirklich bei uns ist, gleichzeitig zwei Sendungen empfängt.

Was wir sagen.

Und wie wir klingen, wenn wir es sagen.

Menschen unterdrücken den zweiten Kanal oft, weil sie gelernt haben, dem ersten zu trauen. Weil es höflicher ist. Weil man jemandem den Benefit of the Doubt geben soll. Weil man nicht misstrauisch wirken will.

Aber das Unbehagen bleibt. Dieses komische Gefühl nach Gesprächen, bei denen alles „eigentlich gut“ war. Das leise Nicht-ganz-vertrauen-Können, ohne benennen zu können, warum.

Das ist keine Überempfindlichkeit.

Das ist das alte Programm, das noch funktioniert, während das neue drüber redet.

Flusen und Enjah haben nur das alte Programm.

Kein neues. Keine Höflichkeits-Schicht. Keine Vereinbarung, die Worte wichtiger zu nehmen als den Rest.

Sie lesen mich wie ein Dokument, das ich nie abschicken wollte, das aber trotzdem schon bei ihnen angekommen ist.

Ich denke manchmal, wir unterschätzen, was Inkonsistenz mit uns macht.

Nicht mit den Hunden. Mit uns.

Dieser Aufwand, freundlich zu klingen, wenn man es nicht ist. Dieser permanente kleine Verrat an dem, was gerade wirklich da ist. Er kostet etwas. Er macht müde auf eine Art, die mit Schlafen nicht weggeht.

Und Flusen und Enjah, diese zwei kleinen Lügendetektoren mit Fell, sie zeigen mir das jedes Mal.

Nicht weil sie mich erziehen wollen.

Sondern weil sie nie gelernt haben, das Falsche für das Echte zu halten.

Das werden sie auch nicht lernen.

Und ich bin, ehrlich gesagt, sehr froh darüber.