Tag 91: Warum Tiere in mir ein Licht anknipsen
Die Stelle, an der ich weich werde
Manchmal lese ich eine Schlagzeile und es ist, als würde jemand in meinem Brustkorb einen Stuhl nach hinten schieben.
Plötzlich ist da Platz.
Für alles.
Für Wut, die heiß ist wie zu lange gekochter Tee.
Für Trauer, die sich anfühlt wie ein schwerer Mantel, den man nicht mehr ausziehen kann.
Und mitten drin dieser andere Impuls, der so zärtlich ist, dass er fast unpassend wirkt.
Liebe.
Gestern habe ich in dem Artikel:Esel gerettet, Kinder zurückgelassen, und was das über uns verrät über das Spannungsfeld geschrieben, über das Unauflösbare, das Nebeneinander, das nicht sauber wird, egal wie lange ich daran herumdenke.
Heute will ich nur die Liebe aufschreiben.
Nicht als Argument.
Als Temperatur.
Enjah ist ein Feuerzeug, Flusen ein Anker
Enjah ist morgens wie ein Streichholz, das sich selbst anzündet.
Sie steht auf und die Welt ist sofort wieder möglich.
Nicht weil sie brav ist.
Sondern weil sie dieses Talent hat, aus einem Teppichkrümel ein Abenteuer zu machen.
Sie ist ein kleiner, pelziger Reminder, dass Leben nicht erst beginnt, wenn alles erledigt ist.
Flusen dagegen ist mein Gegenstück.
Er ist die Schwerkraft im Raum.
Dieses ruhige Gewicht, das sagt: Du musst gerade gar nichts beweisen.
Du darfst einfach sein.
Er liegt da manchmal so still, dass ich mich frage, ob er meditieren kann.
Und dann bewegt er ein Ohr und ich weiß: Er ist wach.
Er war nur kurz in sich drin, wie ein alter Professor, der nicht jede Diskussion mitmachen muss, um trotzdem recht zu haben.
Liebe ohne Vertrag, ohne Fußnoten
An Tieren liebe ich, dass sie keine Agenda haben.
Sie machen keine Beziehungspolitik.
Sie sammeln keine inneren Beweise.
Sie führen kein Protokoll über meine Schwächen, um es mir später an einem Dienstagabend mit müder Stimme vor die Füße zu legen.
Wenn ich traurig bin, wird das nicht kommentiert.
Wenn ich still bin, wird das nicht interpretiert.
Wenn ich überfordert bin, werde ich nicht aus der Verbindung entlassen.
Dann kommt Flusen und legt sich so nah neben mich, dass ich seinen Atem höre.
Wie Wellen.
Wie ein kleiner, verlässlicher Rhythmus, der sagt: Du bist noch da.
Und Enjah kommt dazu, als wäre Nähe eine Sportart, die man mit dem ganzen Körper macht.
Sie stupst, sie klebt, sie schiebt sich rein, als wäre mein Herz eine offene Tür und sie hätte VIP Zugang.
Manchmal nervt mich das.
Und dann liebe ich es genau dafür.
Sinn, der nicht diskutiert werden muss
Mit Tieren ist Sinn nicht philosophisch.
Sinn ist Wasser im Napf.
Sinn ist Leine in der Hand.
Sinn ist ein Blick, der sagt: Wohin gehen wir jetzt.
Und ich kann nicht gleichzeitig in meinem Kopf wohnen und einen Junghund durch die Welt führen.
Enjah zieht mich aus Grübelschleifen, als würde sie mich am Ärmel aus einem zu dunklen Kino ziehen.
Flusen zieht mich aus meinem Perfektionismus, indem er mich anschaut, als wäre mein Anspruch ein bisschen süß und sehr überflüssig.
Das ist das heimliche Wunder.
Sie holen mich zurück in die Gegenwart, ohne große Worte.
Nur mit Körper.
Mit Wärme.
Mit Gewicht.
Warum es so tröstlich ist und so gefährlich schön
Vielleicht ist das der Punkt.
Tiere sind ein Ort, an dem ich nicht performen muss.
Ein Ort, an dem ich nicht ständig die richtigen Sätze finden muss, um nicht missverstanden zu werden.
Ein Ort, an dem Konflikte nicht politisch werden, sondern klar.
Ein Knurren, ein Ausweichen, ein Stopp, dann ist wieder Spiel.
Nicht dieses menschliche Nachhallen, dieses Tagelang im Kopf Nachbauen von Szenen, bis sie sich endlich nicht mehr schmerzhaft anfühlen.
Und ja.
Wenn die Welt draußen laut ist, dann ist diese Tierliebe wie ein sicherer Keller, in dem eine Kerze brennt.
Ich verstehe, warum so viele von uns dahin gehen.
Ich gehe auch dahin.
Meine leise Wahrheit am Ende
Wenn Flusen sich abends so hinlegt, dass er meinen Fuß berührt, als müsste er mich erden, und Enjah nach dem letzten Superleckerli seufzt wie ein kleines Kind nach einem langen Tag, dann passiert etwas in mir, das ich nicht herstellen kann.
Ich werde nicht besser.
Ich werde echter.
Und ich glaube, das ist der Grund, warum Tiere für uns so wichtig sind.
Sie sind kein Hobby.
Sie sind kein Accessoire.
Sie sind dieser warme Beweis, dass Liebe existiert, ohne dass man sie sich verdienen muss.
Und manchmal reicht genau das, um wieder atmen zu können.