Tag 90: Zwischen Leberwurst und Leinenruck: Eine Liebeserklärung an den Mittelweg

Wohlfühltag mit Tunnel und der Erkenntnis, dass Richtig auch leicht sein darf

Gestern war ein Tag, an dem ich abends nicht das Gefühl hatte, ich müsste mein Nervensystem auswringen wie einen nassen Waschlappen.

Wir sind nicht zur Aussi Expertin gefahren, sondern zu unserer normalen Trainerin.

Und plötzlich war der Platz wieder ein Platz und kein Gerichtssaal.

Mit beiden ein bisschen Agility.

Bei Enjah ist das aktuell weniger Parcours und mehr Führung ohne Leine, weil sie für Sprünge noch zu klein ist.

Aber sie versteht den Tunnel.

Sie schießt da durch wie ein Torpedo mit Ohren, kommt am anderen Ende raus und schaut mich an, als hätte sie gerade die Olympiade gewonnen.

Flusen macht denselben Tunnel wie jemand, der einen Servicegang inspiziert.

Langsam, würdevoll, mit diesem Blick: Ich habe die Statik geprüft, alles korrekt ausgeführt.

Und dieses Durch, wenn sie durch einen Bogen laufen soll.

Sie macht das mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie heimlich in der Nacht das Handbuch gelesen und sich Notizen gemacht.

Ich stehe daneben und denke, wie sehr mein Herz entspannen kann, wenn niemand aus Training eine Charakterprüfung macht.

Fünf Hundewelten und die Frage, ob Pawlow heute noch durch die Ethikkommission käme

Auf dem Heimweg habe ich über diese Lager nachgedacht, die es beim Hundetraining gibt.

Und wie in den letzten fünfzig Jahren alles einmal durchs ganze Wohnzimmer gerollt ist.

Ich erinnere mich an den Hund vom besten Freund meines Pa, so ein Rottweiler Schäferhund Mischling.

Zwinger draußen, Hundehütte, drinnen mal kurz, aber sein Zuhause war draußen.

Heute wirkt das auf mich wie ein Foto aus einer Zeit, in der man Zuneigung mit der Terrassentür begrenzt hat.

Und dann die Geschichten mit Stromhalsband, weil der Hund jagen wollte.

Oder Ohren ankleben, damit es schön aussieht.

Da zieht sich in mir alles zusammen.

Die alte Schule: Wenn Gehorsam nur ein anderes Wort für Angst ist

Flusen würde den alten Ordnungsmensch anschauen, ruhig, höflich, innerlich schon auf stur gestellt.

So dieses stille: Ich arbeite jetzt nur noch nach Dienstvorschrift.

Seine Ohren leicht zurück, sein Körper da, aber seine Seele irgendwo im Pausenraum.

Enjah würde erst beeindruckt sein von der Lautstärke, dann eskalieren, dann beleidigt tun und dann trotzdem wiederkommen.

Weil sie noch nicht weiß, dass manche Menschen in ihrer Stimme keine Einladung tragen, sondern eine Drohung.

Die Schmerz Fraktion: Nein, einfach nein

Das Kapitel Schmerz als Methode.

Das ist für mich keine Welt, das ist ein Abgrund.

Ich merke sofort, wie meine Hand härter wird, wenn ich nur daran denke.

Und ich will nicht, dass meine Hand jemals der Ort ist, vor dem meine Hunde Angst haben.

Die Verhaltensbiologie ist da glasklar: Strafe unterdrückt Verhalten, lehrt aber nichts.

Außer Misstrauen.

Die Keks Philosophie: Liebe in Form von Nahrung und operante Konditionierung für Anfänger

Dann kommt meine Lieblingswelt, die mit Marker und Keksen.

Nicht als Bestechung, eher als Sprache.

Ein kleines: Ja, genau so.

Enjah blüht darin auf wie ein Kind, das endlich versteht, was das Spiel ist.

Wenn ich ihr Sitz sage und sie sitzt, kommt der Keks wie eine Konfetti Kanone.

Sie nimmt ihn, kaut zweimal, schaut mich an: Noch einer?

Als wäre jeder Leberwurst Happen ein Liebesbrief.

Flusen bleibt dabei würdevoll.

Er nimmt Kekse nicht gierig, er nimmt sie korrekt.

Als wäre er ein Beamter, der sagt: Vielen Dank, ich habe den Eingang bestätigt, bitte einmal abstempeln.

Manchmal legt er den Keks sogar kurz ab, um ihn in Ruhe zu begutachten.

So als müsste er prüfen, ob die Qualitätskriterien erfüllt sind.

Was die Behavioristen schon in den 1930ern wussten: Positive Verstärkung funktioniert.

Nicht weil der Hund manipuliert wird, sondern weil Erfolg sich gut anfühlt.

Ein Keks ist ein kleiner Erfolg, den man essen kann.

Liebe in Form von Nahrung, wenn man so will.

Die Romantik Fraktion: Wenn Beziehung zur Bürde wird

Und dann gibt es die, die sagen, wenn der Hund dich wirklich liebt, brauchst du nichts.

Die Keks Verächter.

Die sagen, Konditionierung sei Quatsch, Management sei Bestechung und nur wenn der Hund sozial bei dir bleibt, sei es Beziehung.

Ich sehe dann innerlich einen Menschen mit verschränkten Armen und einem Blick, der sagt: Liebe ohne Leberwurst oder gar nicht.

Das klingt schön.

Und manchmal stimmt es auch.

Wenn Flusen mich anschaut, ohne dass ich irgendwas in der Tasche habe, ist das wie ein stilles Abkommen.

Aber wenn daraus ein Dogma wird, wird es schief.

Dann wird aus Beziehung eine Prüfung.

Und Enjah ist gerade in einem Alter, da wäre das ungefähr so fair wie einem Kleinkind zu sagen, es soll bitte aus Liebe die Mathearbeit bestehen.

Neulich auf dem Hundeplatz: Eine Frau ruft ihren Hund, der rennt zu einem anderen Hund.

Sie ruft nochmal, dramatischer, enttäuschter.

Der Hund schaut kurz, denkt: Interessanter Hund hier, sorry Mama.

Sie zu mir: Der liebt mich wohl nicht genug.

Ich denke: Oder er ist ein Hund, und Hunde mögen Hunde, und das hat nichts mit Liebe zu tun, sondern mit Biologie.

Management: Das unterschätzte Genie

Und dann gibt es Management.

Abstand.

Bogen laufen.

Situation so bauen, dass sie gelingen kann.

Nicht Heldentum, eher Baustellenabsperrung.

Flusen liebt das.

Er mag Welten, die vorhersehbar sind.

Wenn ich ihn nicht in Situationen bringe, wo er sich entscheiden muss zwischen mir und seinem Nervensystem, bleibt er entspannt.

Enjah braucht es, wenn ihr Gehirn wieder zwölf Tabs offen hat und alle gleichzeitig Ton abspielen.

Gestern hat sie einen Schmetterling gesehen, dann einen Vogel, dann ein raschelndes Blatt.

Innerhalb von drei Sekunden.

Ich habe sie weggeführt, bevor ihr kleiner Kopf explodiert.

Und ich merke, wie beruhigend es ist, nicht immer den großen Beweis antreten zu müssen, dass ich alles kontrollieren kann.

Manchmal ist Führung einfach ein kluger Umweg.

Mein Mittelding, das nach Keksen riecht und nach Klarheit

Ich suche gerade mein Mittelding.

Ich will freundlich sein, ohne weich zu werden.

Ich will klar sein, ohne hart zu werden.

Ich will Kekse benutzen, ohne dass meine Hunde denken, ich sei ein wandelnder Snack Automat.

Und ich will Management, ohne dass ich mir innerlich erzähle, das sei Schummeln.

Ich bin kein Hund.

Ich will keine Gewalt.

Ich will auch nicht so tun, als wäre ich einer, nur weil Hunde sich untereinander mal korrigieren.

Wenn Flusen Enjah stoppt, ist das seine Sprache.

Er macht das kurz, deutlich, dann ist wieder Spiel.

Einmal hat Enjah ihm einen Kauknochen geklaut.

Er hat sie angeschaut, einmal kurz gebrummt, sie hat ihn zurückgelegt.

Fertig.

Kein Nachtragen.

Keine Politik.

Und ich schaue hin, halte den Rahmen, greife ein, wenn es kippt.

Und dann gehe ich mit ihnen weiter.

Mit der Idee, dass es nicht die eine richtige Methode gibt, die alle anderen entlarvt.

Sondern zwei Hunde, zwei Nervensysteme, ein Alltag, tausend Situationen.

Flusen, der Ruhe liebt wie andere Menschen Feierabend.

Enjah, die Leben ist und manchmal auch ein kleiner Unfall.

Und ich dazwischen, mit Keks in der Tasche, Klarheit im Blick und diesem leisen Wunsch, dass sie sich bei mir nicht richtig fühlen müssen, sondern sicher.