Tag 9 – Sonntag: Wenn drei innere Stimmen und ein überdrehter Welpe ein Ensemble bilden
Die Nacht endete um 3 Uhr.
Nicht, weil der Wecker klingelte.
Sondern weil Enjah fand, dass es jetzt Zeit wäre, ihr kleines „Hallo-Wach“-Programm zu starten.
Also raus.
Dunkel. Kalt.
Ich halb wach, halb zombie.
Danach konnte ich natürlich nicht mehr einschlafen.
Um sechs war der Tag dann endgültig da.
Es ist Sonntag. Natürlich.
Flusen ging sofort wieder ins Bett, klug wie er ist.
Ich legte mich noch kurz dazu, während Enjah eine Minute so tat, als wäre sie ein Babyengel.
Eine Minute.
Und dann begann ihr Tagesprogramm:
Beiß-Marathon, Geschirrterror, Hyperaktivität und der Versuch, Flusen zu provozieren, bis der heilige Geist persönlich einschreiten müsste.
Nach drei Stunden Schlafpause (ihre, nicht meine) ging das Theater munter weiter.
Ich war müde.
Ich war dünnhäutig.
Ich war… kurz vor „Ich kann heute einfach nicht mehr“.
Und genau da meldeten sich meine drei inneren Stimmen.
Sie kamen wie ein Trio, das sich schon viel zu lange auf diesen Auftritt vorbereitet hat.
Stimme 1: „ICH HAB’S DIR GESAGT!“
leicht schrill, leicht triumphierend, seit Jahren treu an meiner Seite
„Also NIMM ES MIR NICHT KRUMM, aber… ich hab’s dir gesagt.
Ich habe es dir gesagt!!!
Zwei Hunde? Ein Welpe? Diese Rasse?
ICH HAB’S DIR GESAGT.“
Sie stand innerlich mit verschränkten Armen da, hob eine Augenbraue und feierte offensichtlich einen kleinen inneren Sieg.
Ich hingegen wollte einen Kaffee intravenös.
Stimme 2: Sir Ego
spricht wie ein englischer Butler, urteilt wie ein Richter, perfektionistisch wie ein Chirurg
„Madame…
dieses Verhalten ist selbstverständlich die direkte Folge mangelnder Struktur, fehlender Disziplin und einer gewissen… ähm… Emotionalität.
Ein perfekter Mensch hätte das früher erkannt.“
Sir Ego trägt innerlich einen smoking.
Und er hat IMMER ein Urteil parat.
Er liebt Perfektion, Ordnung, und Dinge, die sich an Regeln halten.
Welpen gehören nicht zu seinen Kernkompetenzen.
Aber kommentieren kann er sie natürlich trotzdem.
Stimme 3: Die Liebende
warm, ruhig, zeitlos
die Einzige, die die Wahrheit sieht
„Atme.
Schau sie an.
Sie ist überfordert.
Sie ist klein.
Sie kann nicht anders.
Und Flusen ist müde.
Und du bist müde.
Alles ist gut.
WIR SCHAFFEN DAS.“
Und dann:
„Schau hin, wie sie lernt.
Wie sie sucht.
Wie sie vertraut.
Du liebst doch Lebendigkeit.
Genau das ist sie.
Leben.“
Der Nachmittag: Dinosaurier-Drama und Nervenkostüm im Dauertest
Beim Spaziergang eskalierte plötzlich Flusen, völlig unnötig, wegen eines winzigen, uralten Minihundes.
Wahrscheinlich 200 Jahre alt.
Zahnarzttermin überfällig.
Gehör und Sehkraft vermutlich eingestellt.
Der kleine Opi schnüffelte seelenruhig weiter.
Flusen tat, als würde ein T-Rex auf uns zustampfen.
Sir Ego kommentiert natürlich sofort:
„Peinlich. Hochgradig peinlich.“
„Ich hab’s dir gesagt“ nickte.
Die Liebende aber lächelte:
„Er hat gerade selbst Stress. Alles gut.“
Der Abend: Der Punkt, an dem ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch saß
Zu Hause drehte Enjah komplett durch.
Nicht zu bändigen.
Vor Energie vibrierend.
Beißen, bellen, hochfahren, provozieren, alles gleichzeitig.
Und Flusen wurde immer schneller unwirsch.
Natürlich.
Er hat Grenzen.
Er ist nur ein Hund.
Ein Hund mit Gefühlen.
Ich war müde.
Sir Ego kommentierte alles streng.
„Ich hab’s dir gesagt“ lief zur Hochform auf.
Und die Liebende flüsterte:
„Durchhalten. Sie ist klein. Es wird gut.“