Führung, die keine mehr ist
Wenn die Rolle wichtiger wird als der Raum
Ich frage mich wirklich oft, warum wird jemand Führungskraft.
Und ich meine nicht diese Version mit Verantwortung, Haltung, den Laden zusammenhalten.
Ich meine diese andere Version, die ich gerade zu oft sehe.
Führung als Bestandswahrung.
Wie ein Mensch, der sich an seinen Titel klammert wie an eine Rettungsboje, während daneben das Boot langsam vollläuft.
Da wird dann Servant Leadership gerufen wie ein Werbespot aus dem Off.
Und im selben Atemzug wird der Raum so eng, dass Mitarbeitende innerlich schrumpfen, ohne dass es jemand merkt.
Schweigen wird als Zustimmung gelesen.
Ein verzweifeltes Grinsen als alles gut.
Und oben sitzt jemand im Meeting, Brust raus, Blick wichtig, als hätte er gerade persönlich den Fortschritt erfunden.
Dabei ist es oft nur Luft.
Sehr viel Luft.
Mit PowerPoint.
Manchmal fühlt sich das an, als säße da ein Pfau auf einem Stapel Agenden und würde sich selbst applaudieren, während im Team die echten Dinge passieren.
Die unangenehmen.
Die stillen.
Die mit Konsequenzen.
Die echten Führungskräfte tragen Turnschuhe
Und dann gibt es diese andere Sorte Führung.
Die steht nicht auf dem Organigramm, die steht in der Küche, im Flur, im Chat, im echten Leben.
Da ist jemand im Team, der merkt, wenn es einem schlecht geht.
Der ohne Drama organisiert.
Der den Knoten löst, bevor er zum Seil wird.
Der da ist, wenn jemand kippt.
Nicht weil es glänzt, sondern weil es nötig ist.
Diese Menschen tragen keine Krone.
Die tragen eher Turnschuhe.
Und Augenringe.
Und eine leise Kompetenz, die nicht danach riecht, gesehen werden zu wollen.
Wenn ich daran denke, muss ich immer an Flusen denken.
Flusen ist kein Chef im Sinne von laut.
Flusen ist Chef im Sinne von anwesend.
Wenn Enjah hochdreht, macht er nicht Politik.
Er macht Grenze.
Ein Blick.
Eine Körperdrehung.
Ein Stopp, das nicht schreit und trotzdem sitzt.
Und dann ist wieder gut.
Keine Nachträge.
Keine stille Rache.
Kein späteres Jahresgespräch mit dem Thema: Damals, als du mich genervt hast, habe ich innerlich eine Akte angelegt.
Flusen führt, weil er den Raum hält.
Nicht weil er ein Schild trägt.
Enjah dagegen ist die kleine Neue, die mit voller Begeisterung in alles reinrutscht.
Sie ist wie eine Kollegin, die am ersten Tag die Kaffeemaschine umstellt und dabei wirklich überzeugt ist, dass sie der Kultur gerade einen Gefallen tut.
Und weißt du, was Flusen nicht macht.
Er sitzt nicht in einem Kreis und erklärt allen, dass er Führungskraft ist.
Er demonstriert es nicht.
Er macht es.
Und das ist der Punkt, der mich so nachdenklich macht.
Politik ist nur ein Ersatz für Nähe
In manchen Organisationen wirkt Führung auf mich wie ein Kostüm.
Schöne Worte außen, harter Griff innen.
Und der eigentliche Job ist nicht führen, sondern oben Eindruck machen.
Nach oben zeigen.
Nach unten erklären.
Und dazwischen ganz viel Selbstschutz.
Als wäre Führung ein Balkon, von dem man runterruft: Wir sind ein Team.
Und unten stehen Menschen und denken: Ja, aber wer trägt hier eigentlich gerade wen.
Wenn ich das sehe, werde ich manchmal wütend.
Nicht laut.
Eher diese Wut, die wie ein heißer Stein im Bauch liegt und sagt: Ihr merkt nicht mal, was ihr anrichtet.
Mitarbeitende frieren ein.
Werden leiser.
Arbeiten wie mit angezogener Handbremse.
Nicht weil sie keine Lust haben, sondern weil der Raum nicht mehr sicher ist.
Und oben interpretiert man das als: Läuft doch.
Als würde man Nebel für Rückenwind halten.
Bei Hunden passiert das nicht.
Enjah tut nicht so, als wäre alles gut, wenn es nicht gut ist.
Flusen tut nicht so, als wäre es ihm egal, wenn er einen Rahmen braucht.
Die zwei streiten, ja.
Sie testen, ja.
Sie spielen Machtspielchen, klar.
Aber es ist wenigstens ehrlich.
Man weiß, woran man ist.
Und genau das fehlt mir oft in diesen Meetingräumen mit geschwollener Brust und wichtigem Blick.
Da wird geführt, aber niemand fühlt sich gehalten.
Und ich sitze da und denke, vielleicht ist das die unbequeme Frage.
Ob manche Menschen Führung wollen, weil sie Menschen mögen.
Oder weil sie Status mögen.
Und ob man den Unterschied nicht daran erkennt, wer nach den anderen guckt.
Und wer nur nach sich.