Tag 88
Viermal nass und noch nicht mal aus Spaß
Der Tag begann damit, dass ich viermal nass geworden bin.
Nicht romantisch nass.
Nicht Film nass.
Sondern dieses nass, bei dem man kurz überlegt, ob die Jacke überhaupt noch eine Jacke ist oder nur ein nasses Argument.
Erste Runde mit Flusen.
Regen.
Flusen läuft, als hätte er heimlich einen Vertrag mit dem Wetter.
Je schlechter, desto besser.
Ich dagegen hatte nach fünf Minuten diesen Blick, den sonst nur Menschen haben, die im Supermarkt merken, dass sie den Geldbeutel im anderen Mantel gelassen haben.
Zweite Runde mit Enjah.
Regen.
Enjah findet Regen ungefähr so spannend wie Konfetti.
Sie springt da rein, als würde irgendwo im Nassen ein Preis versteckt sein.
Und ich laufe daneben wie eine Frau, die sich selbst beim Leben zuschaut und leise denkt: Das war nicht der Plan.
Dann einkaufen mit meinem Pa.
Vor dem Laden.
Regen.
Diese Art Regen, die nicht fällt, sondern dich persönlich auswählt.
Als hätte er eine Liste mit Namen und meiner steht da viermal drauf.
Nach dem Einkauf.
Regen.
Ich war irgendwann so durch, dass ich angefangen habe, innerlich mit dem Himmel zu verhandeln.
So richtig unseriös.
Nur noch bis zur Ampel, bitte.
Ich verspreche auch, ich werde ein besserer Mensch.
Ich nehme alles zurück, was ich je über das Wetter gesagt habe.
Zwei Stunden arbeiten und dann der Arzt
Dann schnell zwei Stunden arbeiten.
So kompakt, dass mein Gehirn sich anfühlte wie ein Tab, den man aus Versehen geschlossen hat und dann hektisch wiederherstellen will.
Danach mit meinem Pa zum Arzt.
Kein Regen mehr.
Dafür Wartezeit.
So eine Wartezeit, die langsam an dir hochkriecht wie eine Katze, die beschlossen hat, dass dein Schoß jetzt ihr Lebensprojekt ist.
Und natürlich ausgerechnet an dem Tag, an dem ich ein Coaching hatte.
Ich saß da und spürte, wie in mir eine innere Uhr auf Speed lief.
Tick tack, Enjah, Tick tack, Eltern, Tick tack, Coaching, Tick tack, warum mache ich das alles.
Und irgendwie hat es trotzdem geklappt.
Früh genug zurück.
So knapp, dass ich kurz dachte, ich müsste dem Universum eine Dankeskarte schreiben.
Flusen zu den Eltern, Enjah eigentlich nicht
Flusen bleibt bei meinen Eltern.
Das ist eingespielt.
Das ist Tradition.
Das ist ein kleines Ferienlager für ältere Herren mit Würde.
Enjah kann eigentlich noch nicht zu meinen Eltern.
Viel zu wild.
Sie wuselt.
Sie hört aktuell nur auf uns.
Und bei meinen Eltern gibt es zu viele Dinge, die man nicht anspringen sollte, wenn man will, dass alle am Ende des Tages noch im selben Winkel zur Erdoberfläche stehen.
Mein Pa ist nicht mehr der stabilste Turm.
Meine Ma ist unsicher zu Fuß.
Und manchmal liegt irgendwo etwas auf dem Boden, das nicht da liegen sollte.
Tabletten zum Beispiel.
Das klingt so harmlos, bis man plötzlich ein Junghundmaul vor sich hat, das die Welt grundsätzlich als Snack Idee interpretiert.
Außerdem.
Wenn Flusen und Enjah zusammen toben, dann ist das kein Spiel.
Das ist ein Bürgerkrieg mit Kuscheleinlagen.
Die Spezialbetreuung und meine Sekunde Panik
Also brauchte Enjah Spezialbetreuung.
Adresse rausgesucht.
Hinfahren.
Und dann.
Adresse stimmte nicht.
Ich hatte die falsche.
Meine Schuld.
So ein Moment, in dem man sich selbst kurz von oben sieht, wie man da steht und denkt: Ich bin beruflich zuständig für Struktur, richtig.
Und privat bin ich eine Person, die nicht mal einen Ort findet, an dem ein Hund kurz sein kann.
In meinem Kopf ging sofort das Katastrophenkarussell an.
Enjah im Auto lassen.
Zu lang.
Zu riskant.
Enjah doch zu meinen Eltern.
Coaching absagen.
Alles in Sekunden.
So eine Entscheidung, wie man sie sonst nur trifft, wenn man merkt, dass die Tiefkühlpizza gleich vom Fahrrad fällt.
Also ab zu meinen Eltern.
Und meine Eltern haben sich gefreut wie blöd.
Mein Pa hatte morgens noch gesagt, bring sie doch beide, wir schaffen das schon.
So dieser väterliche Optimismus, der klingt, als hätte er noch nie mit einem Junghund zusammengelebt, der aus Luft und Ideen besteht.
Ich habe das Haus gescannt.
Wie ein Security Mensch.
Boden.
Ecken.
Sofakante.
Nichts gefunden.
Ein paar Instruktionen.
Und dann bin ich losgefahren.
Mit einem sehr unguten Gefühl im Bauch.
So ein Gefühl, als hätte ich einen wichtigen Brief abgeschickt und jetzt fällt mir ein, ich habe die Adresse falsch geschrieben.
Coaching, obwohl mein Kopf bei den Hunden bleiben wollte
Ich war fest davon überzeugt, dass ich mich keine Sekunde auf die Klientin konzentrieren kann.
Dass ich da sitze, nicke, professionell gucke und innerlich nur denke: Bitte, bitte, bitte, spring niemanden um.
Und dann war ich nach fünf Minuten drin.
Wie wenn ein Film anfängt und man merkt, der zieht einen rein, egal wie sehr man vorher noch auf dem Handy rumfummelt.
Sie erzählte.
Und ich saß da und spürte dieses Spannungsfeld, das sie gerade aushalten muss.
Beruflich.
Privat.
Und alles gleichzeitig.
Es war unfassbar.
Nicht im Sinne von spektakulär, sondern im Sinne von tragend.
Wie sie das trägt.
Wie klar sie bleibt.
Wie viel Haltung ich da rausgehört habe.
Und ich dachte kurz diesen Satz, den man nicht denken sollte, weil er pathetisch ist, aber er war einfach da.
So ein Mensch wie sie ist selten.
Und von Minute zu Minute merkte ich, dass ich ihr gar nicht helfen kann.
Nicht, weil ich schlecht bin.
Sondern weil sie selbst extrem gut ausgebildet ist.
Selber vom Fach.
Sehr reflektiert.
Da war kein Bedarf an klugen Impulsen.
Da war eher Bedarf an Raum.
Also habe ich zugehört.
Richtig zugehört.
Und ich habe mich dabei plötzlich an Carl Rogers erinnert.
Nicht als Theorie.
Eher als Bild.
Wie er irgendwann gemerkt hat, dass das Entscheidende nicht der geniale Satz ist, sondern die Art, wie jemand da ist.
Rogers hat diese Form von Therapie geprägt, die man heute oft personenzentriert nennt.
Er hat beschrieben, dass Veränderung eher dann möglich wird, wenn da jemand sitzt, der wirklich empathisch ist, echt ist, und der die Person nicht dauernd bewertet, sondern ihr so etwas wie unbedingte Wertschätzung anbietet.
Nicht als Lob.
Eher als Grundhaltung.
So eine Atmosphäre, in der man nicht dauernd beweisen muss, dass man okay ist.
Und er hat das nicht als nettes Beiwerk gesehen, sondern als Kern des Ganzen.
Dieses Dasein.
Dieses Verstehen.
Dieses Nicht Formen.
Ich saß da und dachte: Genau das passiert gerade.
Ich mache nichts Spektakuläres.
Ich halte nur den Raum, damit sie sich selbst hören kann.
Und das ist im Coaching für mich nicht Luxus, sondern Basis.
Wenn ich den Menschen vor mir nicht wirklich treffe, sondern nur Lösungen anbiete, wird es schnell eine Art Beratungsverkauf.
Schön verpackt.
Aber leer.
Hier war es nicht leer.
Hier war es so voll, dass es mich berührt hat.
So sehr, dass ich kurz aufpassen musste, nicht selbst weich zu werden an der falschen Stelle.
Am Ende war sie extrem dankbar.
Und ich habe sie sogar gefragt, ob ihr das wirklich geholfen hätte, weil ich kurz dachte, vielleicht war das nur mein Gefühl.
Sie strahlte mich an und sagte: Ja, absolut.
Wir haben weit überzogen.
Und ich hatte vorher noch gedacht, ich muss pünktlich raus, keine Minute länger wegen Enjah.
Tja.
Mein Gehirn kann sehr überzeugend sein, wenn es Angst hat.
Der erste Anruf danach
Das Erste, was ich nach der Session gemacht habe, war zu telefonieren.
Ob alle überlebt haben.
Ob alles gut ist.
Und ja.
Alles gut gegangen.
Ich hätte weinen können vor Erleichterung.
So eine Erleichterung, die plötzlich im Körper sitzt wie warme Suppe.
Zu Hause sind beide umgefallen vor Müdigkeit.
Sie hatten es natürlich ausgenutzt, die ganze Zeit toben zu dürfen.
Hier dürfen sie das nicht.
Ruhe ist gerade das Wichtigste.
Und ich weiß, das wird eine Woche dauern, bis Enjah dieses ausgedehnte Festival wieder ausgeglichen hat.
Aber in dem Moment war es mir egal.
Hauptsache beide gesund.
Hauptsache meine Eltern nicht gefallen.
Und dann noch die Eule
Und dann kam abends noch der Hammer.
Im Garten.
Dunkel.
Diese Solarlampen, die alles so beleuchten, als wäre man in einer sehr sparsamen Theaterinszenierung.
Ich höre ein Tierlaut.
Ich kenne den schon, ich habe den schon öfter gehört und immer überlegt, was das ist.
Und dann sehe ich es.
Eine riesige Eule.
Sie kam im Sturzflug auf Enjah zu.
So schnell, so lautlos, so groß, dass mein Gehirn einen Moment brauchte, um überhaupt ein Wort dazu zu finden.
Enjah stand da wie eingefroren.
Dieses riesige Wesen vor ihr, und sie war plötzlich nicht Praktikantin, nicht Rakete, nicht Chaos.
Nur still.
Ich hatte einen kurzen Schockmoment und dann habe ich sehr laut Hey gerufen und in die Hände geklatscht.
Die Eule bog links ab und war weg.
Ich stand da und mein Herz machte Dinge, die ich normalerweise nur aus Thrillern kenne.
Danach ist Enjah keinen Millimeter mehr von meiner Seite gewichen.
Als hätte sie beschlossen: Gut, Chef, ich habe verstanden, du bist mein Sicherheitsdienst.
Und ich dachte: Ach du liebe Zeit.
Du bist ein Baby.
Und ich bin gerade wirklich zuständig.
Wir sind dann bald ins Bett.
Beide bekamen noch ein Superleckerlie.
Und ich lag da und hörte dieses schwere Hundeatmen und dachte, wie absurd dieser Tag war.
Viermal nass.
Ein falscher Ort.
Ein richtiges Gespräch.
Eine Eule als Abendprogramm.
Und mittendrin ich.
Immer wieder kurz überfordert.
Und trotzdem.
Am Ende des Tages waren wir alle da.
Alle heil.
Alle zusammen.