Tag 87

Wir haben Flusen befragt

Nach 87 Tagen haben wir Flusen mal gefragt, ob er Enjah zurückgeben würde, wenn er könnte.

Eine einfache Frage.

Eine, die man mit Ja oder Nein beantworten könnte.

Also theoretisch.

Praktisch sitzt da Flusen.

Ein Hund, der bei emotionalen Themen grundsätzlich erst mal eine Excel Tabelle im Kopf aufmacht.

Nach der Luca Geschichte und diesem ganzen Thema Platz und Aufmerksamkeit waren wir ziemlich sicher, dass Flusen sagen würde: Ja, sofort, packt sie ein, danke für nichts, ich brauche wieder Ruhe und meine Würde.

Flusen schaute mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob er lieber Quantenphysik oder Steuerrecht erklärt.

Dann räusperte er sich innerlich.

Und sagte sinngemäß: Ich habe dazu eine Liste.

Natürlich hat er eine Liste.

Die Liste der Gründe, warum Enjah weg muss

Er hat dreißig Punkte.

Dreißig.

Zwanzig davon sind gegen Enjah.

Ich fasse zusammen, wie es klang.

Sie ist zu laut.

Zu schnell.

Zu überall.

Sie zieht an meinen Ohren, als wären die interaktive Spielgeräte.

Sie akzeptiert keine Pausenansage von mir, als wäre ich ein Praktikant ohne Weisungsbefugnis.

Sie taucht in mein Leben wie ein Newsletter, den man nie abonniert hat, aber der trotzdem täglich kommt.

Sie ist ständig da.

Wie ein Pop up Fenster in meinem Nervensystem.

Manchmal beiße ich sie und vertue mich.

Dann ist es doch etwas fest.

Dann quietscht sie kurz, wie eine Fahrradhupe in der Tiefgarage.

Und dann macht sie eine Minute Pause, als wäre das ein offizieller Vorgang, und kommt wieder.

Als hätte sie gerade eine Entscheidung getroffen, die ich nicht mittragen durfte.

Auch nervig, sagt Flusen, sei, dass sie bei jeder Bewegung von ihm wirkt, als hätte er gerade ein Nobelpreis Zitat gesagt.

Dieses Anhimmeln.

Dieses Glänzen.

Dieses Ich finde dich wahnsinnig cool, bitte zeig mir, wie man atmet.

Er findet das natürlich völlig unangemessen.

Total.

Wirklich.

Ganz sicher.

Die zehn Gründe, warum Enjah bleiben soll

Dann kommt der Spannungsbogen.

Flusen macht eine Kunstpause.

So eine, bei der man merkt, er liebt diesen Moment.

Er liebt es, wenn alle warten.

Er liebt Macht.

Kleine Macht.

Nerdige Macht.

Und dann sagt er.

Es gibt auch zehn Punkte für Enjah.

Aber.

Diese zehn Punkte sind doppelt gewichtet.

Wer gut rechnen kann, sieht dann ganz klar: Enjah muss bleiben.

Ich habe gelacht.

Flusen nicht.

Er war sehr ernst.

Wie ein Controller.

Grund eins.

Zerrspiel macht mit Enjah besonders viel Spaß.

Nicht so ein halbherziges, sondern richtig.

So, dass er dabei kurz vergisst, dass er eigentlich genervt sein wollte.

Grund zwei.

Abends gibt es jetzt immer eine Schleckmatte.

Die ist neu.

Die gibt es erst, seit Enjah da ist.

Flusen sagt dazu nichts.

Er tut nur so, als wäre die Schleckmatte eine rein sachliche Verbesserung der Lebensqualität.

Kein emotionaler Zusammenhang.

Nur Logistik.

Grund drei.

Die Spaziergänge in der Mittagspause sind viel aufregender, weil Enjah immer irgendeinen Scheiß macht, der Dagmar ab und an aus der Fassung und dann zum Lachen bringt.

Flusen findet das wichtig.

Nicht offiziell.

Aber man merkt es.

Er mag es, wenn ich lache.

Er mag es sehr.

Er würde es nur nie so nennen.

Er nennt es vermutlich: positive Teamstimmung.

Grund vier.

Enjah legt sich oft auf den Rücken.

So Unterwerfung.

So Ich bin klein, du bist groß, bitte liebe mich.

Flusen sagt, das sei angenehm.

Weil es seinen Status bestätigt.

Und weil es ehrlich gesagt auch ein bisschen schmeichelt.

Er tut so, als wäre er über sowas erhaben.

Aber ich sehe ihn.

Ich sehe dieses kleine innere Aufrichten.

Dieses Ja, genau, so ist die Welt.

Grund fünf.

Er kann sie immer wieder beißen.

Das klingt furchtbar, aber in Flusen Sprache ist das Nähe.

Er darf grob sein, er darf ausprobieren, er darf Grenzen testen.

Und sie hält es aus.

Nicht stumpf, nicht dumm.

Sondern wie jemand, der sagt: Ich lerne hier gerade, ich bleibe dran.

Und das ist für Flusen ein Geschenk.

Weil Flusen oft so lebt, als müsste er alles alleine können.

Und jetzt ist da jemand, der einfach wiederkommt.

Der sich nicht übel nimmt.

Der sich nicht zurückzieht.

Der sagt: Okay, kurze Pause, weiter.

Grund sechs.

Enjah nimmt ihn nicht so ernst, wenn er Pause sagt.

Er findet das nervig.

Und gleichzeitig.

Wenn er dann ihren Blick sieht, lässt er sich immer wieder davon überzeugen, dass Sozialspiel doch cool ist.

Er hasst es, dass das stimmt.

Und liebt es.

Sehr.

Grund sieben bis zehn sind im Grunde Variationen von dem gleichen Thema.

Es ist lebendiger.

Es ist wärmer.

Es ist mehr los.

Und Flusen wirkt seit Enjah da ist weniger wie ein Einzelkämpfer mit Dienstplan, sondern mehr wie ein Hund mit einer kleinen Schwester, die ihn nervt, ihn anhimmelt, ihn herausfordert und ihn gleichzeitig irgendwie… weicher macht.

Und während Enjah schon wieder auf ihn zutapst, als wäre sie sein persönlicher Sonnenschein auf vier Pfoten, macht Flusen dieses winzige, kaum sichtbare Aufatmen und ich weiß: Er würde sie nie zurückgeben, er würde nur gern so tun, als wäre das seine Idee gewesen.