Tag 83. Sehr gefährlicher Arbeitsunfall mit Folgen

Schichtbeginn. Zwei Joggingstrecken und ein Kalender, der mich anlächelt wie ein Feind

Ich starte den Tag wie eine Projektleitung mit Sportprogramm und Selbstbetrug

Ich bin sehr früh raus.

Erst mit Flusen joggen.

Dann mit Enjah, kürzer, weil wir ja in drei Monaten mit beiden zusammen laufen wollen und ich so tue, als wäre das ein Trainingsplan und nicht eine Lebensaufgabe mit Leine.

Danach schnell fertig machen.

Rechner an.

Meetings bis zwölf.

Ein Teil davon moderieren.

Es klappt sogar.

Also objektiv.

Subjektiv bin ich schon um neun innerlich auf Reserve, weil das Team noch nicht wirklich im Einklang schwingt.

Zu unterschiedliche Arbeitsweisen.

Zu unterschiedliche Takte.

Und trotzdem sollen wir als Projektteam an einem Strang ziehen, als wäre das ganz selbstverständlich.

Aktuell fühlt es sich eher an, als hätten wir fünf Stränge und jeder ist überzeugt, dass seiner der eigentliche ist.

Ich sitze dazwischen, Projektleitung, und versuche freundlich zu bleiben, während mein Nervensystem heimlich eine Kündigung tippt.

Nicht laminiert.

Noch nicht.

Mittagspause. Kurz raus, kurz Luft, kurz so tun als wäre das genug

Enjah beginnt weiter zu denken als ich laufen kann

Mittagspause heißt: schnell eine Runde raus mit beiden.

Es klappt gut.

Und gleichzeitig merke ich, wie Enjah mehr explodiert in Richtung Welt.

Mehr Abstand.

Mehr eigenes Erkunden.

Mehr dieses junge Selbstverständnis, dass Hören eine Option ist und Nähe ein Angebot.

Ich sehe sie ein paar Meter weiter vorne und denke: Da wächst gerade Zukunft.

Und dann denke ich: Bitte nicht zu schnell.

Dann wieder Meetingmarathon.

Dann zu den Eltern.

Putzen, reden, Quality Time, vor allem für Flusen, der dort immer so aussieht, als hätte er heimlich ein zweites Zuhause mit einer weicheren Zeitrechnung.

Dann zurück.

Und natürlich müssen beide noch mal raus.

Beide sind drüber.

Nicht das aggressive drüber.

Das überdreht drüber.

Dieses „wir wissen selbst nicht, ob wir laufen oder schlafen wollen, also machen wir beides gleichzeitig in unserem Körper“ drüber.

Kurzer Spaziergang.

Unproblematisch.

Zurück.

Es ist 19 Uhr.

Vierzehn Stunden Power.

Und das erste Mal dieses Gefühl: Puh. Jetzt kurz Luft holen.

Und genau da passiert es.

Natürlich.

Weil das Leben Humor hat.

Oder weil es einfach immer an den Stellen passiert, an denen man sich endlich kurz fallen lässt.

Der Arbeitsunfall. Dreißig Sekunden unbeaufsichtigt, sieben Rosinen und mein Herz im freien Fall

Ich drehe mich um und die Katastrophe kaut bereits genüsslich

Ich lasse Enjah eine Minute unbeaufsichtigt.

Eher dreißig Sekunden.

Und zack.

Auf den Stuhl.

Rosinen geklaut.

Sieben Stück.

Ich erwische sie dabei, wie sie genüsslich kaut und schluckt.

Als hätte sie sich gerade ein sehr exklusives Bonusprogramm ausgedacht.

Zu spät.

Sieben Rosinen bei 7,7 Kilo können tödlich sein.

In meinem Kopf geht sofort alles an.

Alarmanlage.

Sirenen.

Katastrophenfilm.

Ich sehe plötzlich nicht mehr den Hund auf dem Stuhl.

Ich sehe Risiko.

Ich sehe Schuld.

Ich sehe diese eine kleine Unachtsamkeit, die sich sofort anfühlt, als hätte ich die Aufsichtspflicht über das Universum verletzt.

Und ich bin in Sekunden wieder im Unternehmensmodus, nur dass der Kunde diesmal mein Herz ist.

Notfallmanagement.

Sofort.

Keine Diskussion.

Kein Schönreden.

Nur handeln.

Zum Glück haben wir den besten Tierarzt der Welt.

365 Tage.

24 Stunden.

Für uns da.

30 Minuten entfernt.

Und in diesem Moment wäre ich auch drei Stunden gefahren, wenn es sein müsste.

Ich rufe an.

Sie sagen: Sofort kommen.

Ich packe Enjah ein.

Und während ich fahre, rede ich mit ihr, als könnte ich das Risiko mit meiner Stimme kleiner machen.

Die Praxis. Die Hölle heißt Übelkeit und sie ist viel zu groß für so einen kleinen Körper

Ich halte sie fest und merke, wie wenig Kontrolle ich wirklich habe

In der Praxis bekommt sie die Spritze, damit ihr übel wird.

Damit sie erbricht.

Damit die Rosinen rauskommen.

Und dann beginnt diese halbe Stunde, die sich anfühlt wie eine Ewigkeit in einer zu hellen Welt.

Sie würgt.

Sie erbricht.

Immer wieder.

Und ich sitze da und halte sie, als könnte ich mit meinen Händen das Unvermeidliche wegdrücken.

Irgendwann legt sie sich auf den Boden.

Schließt die Augen.

Und in mir wird es ganz still und ganz laut gleichzeitig.

Sie ist so tapfer.

So klein.

So sehr in ihrem Körper.

Und ich spüre diese Angst, die nicht panisch schreit, sondern schwer wird.

Diese Angst, die sagt: Das ist nicht nur ein Fehler.

Das ist ein Risiko.

Und ich liebe dieses Wesen.

Dann kommt die erlösende Spritze gegen die Übelkeit.

Und plötzlich ist da wieder Farbe in ihr.

Sieben Rosinen waren es wohl.

Und während ich innerlich noch zittere, passiert etwas, das mich gleichzeitig rührt und irritiert.

Enjah lässt sich von der Ärztin streicheln.

Sogar gern.

Die Ärztin verliebt sich sofort in sie.

Die zweite Arzthelferin auch.

Enjah dreht, kaum dass es ihr besser geht, ihren Charme auf, als hätte sie gerade einen sehr schlechten Moment gehabt und jetzt müsse sie das Raumklima reparieren.

Sie geht raus aus der Praxis, als hätte sie nur kurz einen Termin gehabt.

Als wäre das alles eine kleine Szene gewesen, in der sie kurz die Hauptrolle spielte.

Und jetzt ist sie wieder da.

Ganz.

Flusen im Vergleich. Lautes Leiden und leises Leiden

Der eine zeigt alles, die andere schläft sich durch den Alarm

Auf dem Heimweg denke ich an Flusen in dem Alter.

An seinen Notfall.

Wie er meine Brille gefressen hat.

Sauerkraut, wegen Glas, schnell zum Arzt, dieselbe Welt aus Angst und Funktionieren.

Nur Flusen hat gelitten wie ein Theaterstück.

Laut.

Deutlich.

Er hat gezeigt, wie schlecht es ihm geht.

Und seitdem hasst er diese Praxis.

Er braucht nur in der Nähe zu sein und geht in Widerstand.

Er nimmt dort keine Kekse.

Aus Prinzip.

Die sind böse.

Die wollen mich bestimmt vergiften.

Flusens Loyalität funktioniert in beide Richtungen.

Er merkt sich alles.

Enjah ist anders.

Enjah nimmt den Keks.

Enjah nimmt die Streicheleinheit.

Enjah nimmt die Bühne.

Und genau das macht mir plötzlich noch mehr Respekt.

Weil Enjah, wenn es ihr nicht gut geht, nicht unbedingt laut wird.

Sie sucht Nähe.

Sie schläft.

Sie macht sich klein.

Sie zeigt es leiser.

Und wenn das ihr Muster ist, dann heißt das für uns: Wir müssen genauer gucken.

Nicht auf Drama.

Auf Feinheiten.

Auf Schlaf, der nicht nur Schlaf ist.

Auf Nähe, die nicht nur kuschelig ist.

Auf dieses stille: Mir geht’s nicht gut, ohne dass ich es als Krise ins Zimmer stelle.

Heute habe ich das sehr deutlich gespürt, als sie bei mir auf dem Boden lag.

So ruhig.

So weg.

Und ich dachte: Bitte, bitte, bitte.

Nachwort. Ein Schock, eine Lektion und ein sehr kleines Glück

Manchmal ist Führung nur: reagieren, bevor es zu spät ist

Wir haben den Schock überstanden.

Und trotzdem fühlt sich der Tag an, als hätte er mich einmal komplett durchgeknetet.

Vom morgendlichen Jogging und Projektleitungstakt bis zu diesem Moment, in dem ich plötzlich in einer Praxis sitze und merke, wie dünn diese Schicht ist, die man Alltag nennt.

Im Unternehmen reden wir oft über Risiken.

Über Prävention.

Über Lessons learned.

Heute habe ich eine davon auf die brutalste, kleinste Art gelernt.

Nicht im Excel.

Auf einem Praxisboden.

Mit einem Welpenkopf an meinem Körper und meiner Hand an ihrem Fell.

Und gleichzeitig ist da dieses unglaubliche Glück, dass es Menschen gibt, die einfach da sind.

Die sofort sagen: Kommt.

Die handeln.

Die nicht diskutieren.

Die helfen.

Und dass es diese kleinen Wesen gibt, die einen Tag in eine Katastrophe kippen können.

Und ihn dann mit einem Blick wieder aufhellen.

Als wir rausgehen, ist Enjah schon wieder Enjah.

Ein bisschen eingebildeter vielleicht.

Weil sie natürlich wieder alle um den Finger gewickelt hat.

Und ich.

Ich bin einfach nur dankbar.

Und so müde, dass mein Nervensystem wahrscheinlich jetzt auch eine Spritze gegen Übelkeit bräuchte.

Nur eine, die sagt: Es ist gut.