Tag 78. Wir kündigen nicht die Hundeschule. Wir kündigen das schlechte Verhältnis

Heute war so ein Tag, an dem man nicht mehr emotional diskutiert, sondern rechnet.

Nicht kalt.

Eher klar.

Wie wenn man nach einer zu langen Nacht am nächsten Morgen merkt, dass der Kater nicht vom Wein kommt, sondern von der Entscheidung.

Wir haben noch mal alles durchgekaut.

In Schleifen.

In Varianten.

In psychologisch sehr erwachsenen Sätzen.

Wir haben uns Gründe gebaut, um doch noch hinzugehen.

Und noch mehr Gründe gesammelt, um es sein zu lassen.

Und irgendwann lag er da, der gravierendste Punkt, nackt und unromantisch wie eine Rechnung auf dem Küchentisch.

Das Verhältnis stimmt nicht.

Zu viel Invest.

Zu wenig zurück.

Zu viel Geld, zu viel Zeit, zu viel Nachbeben im Nervensystem.

Und dafür zu wenig, was wirklich trägt.

Und mitten in dieser Diskussion war Flusen plötzlich wieder da, obwohl er gar nichts gesagt hat.

Er ist ja nicht der Typ für lange Gespräche.

Er ist eher der Typ für Handlung.

Am Samstag ist er ausgestiegen.

Er hat einfach nicht mehr mitgearbeitet.

Nicht trotzig, nicht laut, nicht dramatisch.

Er stand da, rute runter, Blick neutral, und sein ganzer Körper hat gesagt: Ich bin hier, aber ich bin nicht mehr dabei.

Das ist Flusens Art von Feedback.

Kein Vortrag.

Ein Stecker, der gezogen wird.

Und dann habe ich gemerkt, wie anders Enjah mit all dem umgeht.

Enjahs Blick. Feedback ist ein Buffet, ich nehme nur Dessert

Enjah sitzt da und guckt uns an, als wäre das alles eine sehr lange, menschliche Nebenhandlung mit schlechter Dramaturgie.

So wie wenn im Kino plötzlich Werbung kommt und man denkt: Aha. Spannend. Aber wann geht der Film weiter.

Sie ist dieses Wesen, das grundsätzlich davon ausgeht, dass sie alles richtig macht.

Und wenn jemand einen Fehler sieht, dann ist das in ihrem Weltbild vor allem ein Problem der Person, die so schlecht guckt.

Enjah ist nicht beleidigt.

Enjah ist souverän gleichgültig.

Nicht aus Kälte.

Aus Selbstverständnis.

Sie hat gelernt.

Sie hat gespielt.

Sie hat sich getraut.

Sie hat überlebt.

Und sie hat dabei diese unfassbar praktische Junghunde Mechanik.

Wenn etwas unangenehm ist, attribuiert Enjah das nach außen.

Also.

Der Fehler liegt da draußen.

Bei der Situation.

Bei dem Tonfall.

Bei dem Menschen.

Bei der Idee, dass Demut hier offenbar die Währung ist, mit der man überhaupt sprechen darf.

Das nennt man in der Psychologie externalisieren.

Nicht als Theorie.

Eher als Lebensstil.

Enjah guckt einmal kurz, entscheidet innerlich: Nicht mein Thema, und geht weiter.

Ich dagegen bin leider Team internalisieren.

Ich nehme das Unangenehme und stecke es mir in die Jackentasche.

Wie einen nassen Keks.

Und trage ihn den ganzen Tag mit mir rum und wundere mich, warum ich mich klebrig fühle.

Enjah würde das nie tun.

Enjah würde sagen, wenn sie sprechen könnte, mit diesem leicht überheblichen Junghundeblick, der nach Selbstwirksamkeit riecht:

Ihr könnt doch hingehen, wenn ihr wollt.

Oder nicht.

Ich bin Enjah.

Ich komme sowieso klar.

Und außerdem.

Wenn jemand nicht möchte, dass ich springe, dann soll er halt nicht so springbar sein.

Das ist ihre Logik.

Komplett unbrauchbar für Verträge.

Aber genial fürs Überleben.

Bei Enjah gibt es keinen Invest Return Vergleich.

Bei Enjah gibt es nur zwei Kategorien.

Macht Spaß.

Macht keinen Spaß.

Und wenn ein Mensch mit ihr herablassend redet, dann passiert etwas Magisches.

Sie macht daraus keinen Roman.

Sie macht daraus eine Szene.

Sie guckt.

Sie entscheidet.

Und dann ist sie weg.

Nicht beleidigt.

Nicht gekränkt.

Einfach offline.

Wie ein Smartphone, das sich bei schlechter Verbindung automatisch in den Flugmodus rettet.

Und dann spielt sie halt mit einem Blatt.

Oder mit dem Wind.

Oder mit der Idee, dass sie eigentlich die Chefin ist, aber uns aus Mitleid noch nicht entlassen hat.