Tag 77. Der Tag, an dem Flusen und ich gleichzeitig kündigen
Samstag.
86 Kilometer pro Strecke.
Ich fahre zur Hundeschule wie andere Menschen zur Therapie, nur dass man dort nicht sanft gefragt wird, wie es einem geht, sondern angeschrien wird, wie man zu stehen hat.
Ich habe eine 12er Karte.
Das ist wichtig, weil es beweist, dass ich nicht nur lernwillig bin, sondern auch konsequent in der Disziplin Selbstüberlistung.
Die Hinfahrt. Ich mit Hoffnung, Flusen mit Arbeitsmoral
Flusen sitzt im Auto wie ein Mitarbeiter, der pünktlich ist, vorbereitet und innerlich schon die Präsentation sortiert.
Enjah sitzt daneben wie der Praktikant, der alles süß findet, aber keine Ahnung hat, worum es geht.
Und ich sitze vorne wie die Führungskraft, die sich vorgenommen hat, heute souverän zu sein, freundlich zu bleiben und nicht schon nach fünf Minuten innerlich die Fluchtwege zu scannen.
Wir kommen an.
Der Platz ist voll.
Dynamik überall.
Welpen.
Junghunde.
Menschen.
Und ich merke, wie mein Nervensystem sofort in den Modus schaltet, den ich sonst nur aus großen Meetings kenne.
Bitte keine Fehler machen, sonst wird es peinlich.
Welpenstunde. Oder. Wie ich lerne, dass „so nicht“ ein Lebensgefühl ist
Enjah macht es richtig gut.
Erst gucken.
Dann spielen.
Dann wieder gucken.
Und ich denke kurz: Ach.
Vielleicht wird das heute sogar schön.
Dann springt sie irgendwo hoch.
Ich sage Nein.
Enjah geht runter.
Sogar mit Blickkontakt.
Ich freue mich innerlich, so klein, so heimlich, wie man sich freut, wenn man im Supermarkt die richtige Kasse erwischt.
Und dann kommt der Ton.
So geht das nicht.
Du musst Demut erzeugen.
Was der Hund macht ist egal.
Wenn du nicht richtig kommunizierst kannst du auch deine Klappe halten.
Ich nicke.
Wie Menschen nicken, wenn sie gleichzeitig anwesend sein müssen und innerlich schon anfangen, die Worte später im Auto zu zerkauen.
Dann bellt Enjah einmal.
Ich korrigiere.
So nicht.
Stell dich vor den Hund.
Oberkörper oben.
Nicht bewegen.
Nicht über Leine.
Nur Körpersprache.
Ich fühle mich, als hätte ich versehentlich einen Kurs gebucht, der eigentlich „Fortgeschrittene Scham in freier Wildbahn“ heißt.
Ich verstehe nicht mehr viel.
Ich verstehe nur, dass ich gerade für Geld lerne, wie es sich anfühlt, falsch zu sein.
Rückruf mit Enjah. Oder. Die Zirkusnummer, bei der ich nicht klatschen darf
Ich rufe und Enjah kommt. Und dann werde ich wegen Freude ermahnt
Dann kommt Rückruf.
Die Trainerin sagt, Rückruf sei eine Zirkusnummer.
Etwas, das man sauber aufbaut.
Und dann sagt sie diesen Satz, der bei mir sofort innerlich Alarm auslöst, weil er so glatt klingt.
Sie brauche den Rückruf bei ihren Hunden maximal einmal die Woche.
Weil die einfach so toll hören.
Alles perfekt.
Ich nicke wieder.
Dieses Nicken, das ich inzwischen wie ein Beruf mache.
Nickende Dienstleisterin in eigener Sache.
Dann sollen wir einzeln den Rückruf üben.
Ich denke: Super, das können wir.
Ich rufe Enjah.
Enjah kommt.
Und ich freue mich.
Nicht in großen Gesten.
Nur so, wie man sich eben freut, wenn etwas klappt und man kurz das Gefühl hat, nicht komplett ungeeignet zu sein.
Und dann kommt es.
Ne, also doch nicht mit so viel Energie.
Doch nicht bei der Rasse.
Freude, wenn Enjah kommt, ist total falsch.
Ich stehe da und denke: Aha.
Ich bin froh, als die Stunde vorbei ist.
Nicht gelöst.
Nur entlassen.
Junghunde. Flusen steigt ein und steigt wieder aus
Heute sollte Flusen eigentlich zum ersten Mal in die Junghundegruppe.
Wir haben extra einen Maulkorb anfertigen lassen.
Handarbeit.
Maß.
Training.
Flusen akzeptiert ihn super.
Das ist sein Stil.
Flusen nimmt Dinge an, wenn sie Sinn ergeben.
Ich frage, ob er mit rein darf.
Erst: Weiß nicht, ich kenne Flusen ja nicht.
Dann: Lieber nicht, viele neue, wir machen erst mal eins zu eins.
Okay.
Das klingt vernünftig.
Nur fand dieses Eins zu eins dann nicht statt.
Und da merke ich, wie hart ich auf Verbindlichkeit reagiere.
Nicht, weil ich pingelig bin.
Nicht, weil ich Regeln liebe, sondern weil ich mich auf Menschen verlassen können möchte, wenn sie etwas zusagen.
Flusen ist lieb, obwohl die Dynamik auf dem Platz so groß ist, dass ich innerlich schon einen Antrag auf Ruhe stellen möchte.
Dann kommt der Moment.
Flusen hört nicht sofort auf Sitz.
Und plötzlich ist die Luft wieder so, als hätte jemand das Wort Fehler gerufen.
Zurück arbeiten.
So lange, bis er demütig ist.
Du MUSST deinen Hund lesen.
Er zeigt dir die ganze Zeit den Stinkefinger.
Das sagt sie mit dieser souveränen Arroganz, als wäre ich nicht Kundin, sondern ein Praktikumsprojekt.
Als würde sie nicht trainieren, sondern mich vorführen.
Und der Stinkefinger kommt in dem Moment nicht von Flusen.
Der kommt direkt aus ihrer Tonlage.
Ich stehe da und spüre, wie in mir etwas an die Tür klopft.
Nicht nett.
Nicht leise.
So ein klares: Mit welcher Berechtigung redet jemand so mit mir.
Und dann passiert das eigentlich Spannende.
Flusen macht nicht mit.
Er macht nicht mehr mit.
Nicht trotzig, nicht laut, nicht dramatisch.
Er steht einfach da.
Rute runter.
Blick ruhig.
Körper aus dem Gespräch ausgestiegen.
Wie ein Mitarbeiter, der gerade innerlich kündigt, weil ihn jemand vor versammelter Mannschaft vorführt.
Er setzt sich nicht.
Er diskutiert nicht.
Er macht einfach nicht.
Und ich merke, wie ich innerlich grinse, obwohl mir gleichzeitig zum Heulen ist.
Weil Flusen gerade das tut, was ich seit Beginn dieser Stunde innerlich tue.
Widerstand.
Nur ehrlicher.
Ich bin die, die noch höflich bleibt.
Flusen ist die Grenze.
Er ist der Satz, den ich nicht sage.
Er ist mein „Nein“ auf vier Beinen.
Die Rückfahrt. Der Vertrag, die Werte und die große Frage
Im Auto wird es still.
So still, dass ich merke, wie schlecht die Stimmung wirklich ist.
Nicht nur genervt.
So ein bisschen beschämt.
So ein bisschen leer.
Und gleichzeitig denke ich: Ja.
Die haben Ahnung.
Ich glaube, das funktioniert.
Demut, Unlustvermeidung, Lustgewinn, soziales Lernen.
Ich glaube, da ist viel dran.
Und trotzdem.
Es gibt etwas, das bei mir nicht verhandelbar ist.
Augenhöhe.
Freundlichkeit.
Respekt.
Wertschätzung.
Wenn das nicht da ist, macht mein Inneres dicht, egal wie schlau die Methode ist.
Dann bin ich nicht lernfähig.
Dann bin ich nur noch dabei.
So wie Flusen.
Körper da.
Seele weg.
Und dann liegt diese 12er Karte in meinem Kopf wie ein Vertrag, den ich unterschrieben habe, ohne die Fußnoten zu lesen.
Sieben Termine übrig.
Sieben Mal 172 Kilometer.
Neunzig Minuten hin, neunzig Minuten zurück, für neunzig Minuten gewaltvolle Kommunikation, die mich danach noch Stunden beschäftigt.
Und jetzt kämpfe ich mit mir.
Weil ein Teil von mir sagt: Fahr nicht mehr hin.
Zeit ist auch ein Wert.
Nerven auch.
Und ein anderer Teil sagt: Da, wo Widerstand ist, ist Entwicklung.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Vielleicht könnte es mir sogar egal sein, wie sie kommuniziert.
Reine Selbstauskünfte, würde ich meinen Klienten sagen.
Und klar, ich bin zu sehr Psychologin, um nicht sofort Hypothesen zu entwickeln, was da gerade bei ihr los sein könnte, wenn sie so über den Platz brüllt und Menschen klein macht.
Nur hilft mir das nicht.
Es macht es höchstens komplizierter.
Also sitze ich jetzt hier, mit dieser Karte, mit diesem Samstag im Körper, und denke: Mal sehen.
Bis nächste Woche Samstag sind ja noch ein paar Tage.