Tag 75. Wenn Flusen ich wäre
Heute darf Flusen Dagmar sein.
Ich stelle mir das vor und sehe sofort, wie mein ganzes System kurz aufatmet, als hätte endlich jemand den Feueralarm aus dem Kopf abmontiert.
Flusen würde nicht versuchen, mein Leben zu verbessern.
Er würde es entkomplizieren.
Mit der Konsequenz eines Hundes, der keine Angst davor hat, dass etwas „zu wenig“ sein könnte, solange es sich gut anfühlt und niemand stirbt.
Ich dagegen bin ja eher die Frau, die sogar beim Entspannen noch ein Entspannungsziel verfolgt.
Mit Kennzahlen.
Und einer inneren Qualitätskontrolle, die selbst bei Stille fragt, ob die Stille auch produktiv genug war.
Flusen als Dagmar. Die Welt im Energiesparmodus
Morgens kein Projektstart, sondern Existenz
Flusen würde aufwachen und nicht denken: Was muss heute alles passieren.
Er würde einfach aufwachen.
Das ist schon sein größtes Statement.
Er würde sich einmal schütteln, als wäre das sein gesamtes Therapieprogramm, und dann würde er erst mal prüfen, ob irgendwo Sonne auf den Boden fällt.
Wenn ja, würde er sich da hinlegen.
Und zwar so, als wäre Sonnenfleck nutzen ein Beruf mit Ausbildungsordnung.
Ich hingegen wache auf und mache aus einem Sonnenfleck sofort ein Sinnbild.
Was bedeutet es, dass ich ihn sehe.
Was bedeutet es, dass ich ihn nicht nutze.
Was bedeutet es, dass ich zu wenig Sonne in meinem Leben habe.
Flusen würde mich auslachen.
Sehr freundlich.
Mit Augen.
Termine? Ja. Aber nur, wenn sie nicht wehtun
Flusen würde meinen Kalender anschauen und ihn behandeln wie ein Buffet.
Er würde nicht alles nehmen.
Er würde sich das Leckere rausgreifen.
Und beim Rest würde er so gucken, als hätte ich ihn persönlich beleidigt, weil ich überhaupt dachte, man müsse das.
Er würde Absagen schreiben, die klingen wie ein gutes Gähnen.
Kurz.
Würdevoll.
Nicht verhandelbar.
Ich hingegen schreibe Absagen in meinem Kopf drei Tage vorher, sage dann doch zu, und verbringe den Termin damit, innerlich zu bereuen und äußerlich zu funktionieren.
Das ist mein Talent.
Funktionieren mit leiser Selbstaufgabe.
Flusen würde das nicht machen.
Flusen ist lustorientiert.
Und unlustvermeidend.
Und zwar so konsequent, dass es fast schon spirituell wirkt.
Flusen führt mich. Ohne Coaching. Ohne Powerpoint
Konflikte werden nicht gelöst, sie werden verlassen
Wenn irgendwo Spannung aufkommt, würde Flusen als Dagmar nicht diskutieren.
Er würde gehen.
Nicht beleidigt.
Nicht passiv aggressiv.
Einfach weg.
Wie ein Profi im Thema Selbstschutz.
Ich hingegen bleibe oft stehen, weil ich glaube, man müsse Dinge aussprechen, klären, sortieren, sauber machen, am besten mit einem emotionalen Staubsauger und einem Protokoll.
Ich bin die Frau, die ein Konfliktgespräch vorbereitet, als würde sie eine Mondlandung moderieren.
Flusen würde den Raum verlassen, bevor ich „Agenda“ sagen kann.
Und dann würde er sich irgendwo hinlegen.
Und ich würde merken, dass das Leben trotzdem weitergeht.
Unverschämtheit.
Gefühle werden nicht analysiert, sie werden verdaut
Flusen würde meine Gefühle behandeln wie ein Kauknochen.
Man nimmt sie.
Man hält sie kurz.
Man bewegt sie.
Und irgendwann lässt man sie fallen.
Ich dagegen halte Gefühle wie antike Vasen.
Ich drehe sie.
Ich betrachte sie gegen das Licht.
Ich frage mich, woher sie kommen und ob sie zu meinem restlichen Interieur passen.
Und während ich noch darüber nachdenke, ob meine Traurigkeit eher aus Kindheit oder aus Überforderung stammt, hat Flusen längst gegähnt, sich gestreckt und ist wieder okay.
Das ist nicht Verdrängung.
Das ist Verdauung.
Und ich beneide ihn dafür, wie unromantisch gut er darin ist.
Flusen als Dagmar wäre auch bei mir gnadenlos ehrlich
Er würde mein „zu viel Denken“ als Geräusch einstufen
Ich stelle mir vor, ich sitze da und fange an, kompliziert zu werden.
So wie ich das kann.
Ich würde sagen: Ich glaube, ich muss das noch mal systemisch betrachten.
Ich glaube, ich sollte erst mal die Dynamik verstehen.
Ich glaube, ich müsste einen Plan machen.
Und Flusen würde einfach blinzeln.
Langsam.
Dieser Blick, der sagt: Das ist nur dein Kopf.
Nicht die Realität.
Dann würde er vermutlich aufstehen, zum Kühlschrank gehen und sich davor setzen.
Nicht weil Hunger die Antwort auf alles ist.
Sondern weil der Körper manchmal schlauer ist als mein Denken.
Und weil bei Flusen Prioritäten gelten.
Erst Grundbedürfnisse.
Dann alles andere.
Ich hingegen habe manchmal Prioritäten wie ein schlecht sortierter Wäschekorb.
Oben liegt „Selbstoptimierung“, darunter „Schuldgefühl“, darunter „Ich sollte mehr“, und ganz unten irgendwo „Essen“.
Flusen würde das umdrehen.
Und ich würde wahrscheinlich aus Protest erst mal ein Buch darüber lesen.
Er würde mich einfacher machen. Und ich würde das fast beleidigend finden
Denn das ist der Punkt.
Flusen würde mein Leben einfacher machen und ich würde mich kurz fragen, ob ich dann überhaupt noch ich bin.
Ich bin ja auch ein bisschen stolz auf meine Komplexität.
Ich trage sie wie ein Designer Mantel, der zwar schwer ist, aber gut aussieht.
Flusen würde mir den Mantel ausziehen und sagen: Du brauchst den nicht.
Und ich würde vermutlich antworten: Doch, das ist Teil meiner Persönlichkeit.
Und Flusen würde wieder blinzeln.
Und sich dann hinlegen.
Und genau dadurch würde er gewinnen.
Am Ende wäre Flusen Dagmar. Und ich wäre kurz still
Flusen als Dagmar würde sehr wahrscheinlich öfter zufrieden sein.
Nicht weil alles perfekt wäre.
Sondern weil Zufriedenheit bei ihm keine Belohnung für Leistung ist, sondern ein Zustand, den man sich nimmt, wenn gerade nichts brennt.
Ich würde ihm dabei zusehen und mich wundern, wie kompliziert ich eigentlich bin.
Wie sehr ich aus einem ganz normalen Tag ein inneres Schachspiel mache, bei dem ich gleichzeitig alle Figuren bin und am Ende trotzdem verliere.
Wenn Flusen ich wäre, würde er mein Leben nicht retten.
Er würde einfach genießen.