Tag 73. Wenn ich ein Hund wäre.

Manchmal spiele ich dieses kleine Gedankenexperiment.

Ich tausche kurz die Rollen.

Ich werde Hund.

Wenn ich ein Hund wäre

Ich wäre Flusen mit Megafon und einem sehr empfindlichen Gerechtigkeitssinn

Ich wäre nicht diese souveräne Hundeseele, die alles freundlich wegatmet.

Ich würde pöbeln.

Jeder Hund, der mich schief ansieht, bekäme eine Beschwerde in Dolby Surround.

Ein Blickkontakt wäre bei mir keine Begegnung, sondern eine Grenzverletzung mit Opernprogramm.

Und ich würde dabei so gefährlich wirken, dass das Dorf flüstert: Hast du den gesehen.

Während ich innerlich nur denke: Ich will in Frieden laufen, ohne dass mich jemand anstarrt wie ein offenes WLAN.

Ich würde nur hören, wenn es sich lohnt

Mein Gehör wäre selektiv wie ein Chef, der nur auf Mails mit Betreff „Bonus“ reagiert.

Sitz.

Vielleicht.

Kommt auf die Verhandlungsbasis an.

Ich wäre opportunistisch bis in die Schwanzspitze, charmant wie ein Profi, aber nur, wenn der Deal stimmt.

Mein Blick würde sagen: Das ist mein Preis.

Ich würde laufen, dreckig sein und warm duschen wollen

Ich würde laufen, bis mein Kopf still wird.

Dann würde ich stehen bleiben, als wäre Pause ein Grundrecht.

Schlamm wäre mein Hobby, Staub mein Parfum, und wenn ich später dusche, dann bitte warm genug, dass ich kurz an ein Spa glaube.

Danach würde ich mich wieder wälzen, einfach um die Idee von Kontrolle nicht zu sehr zu verwöhnen.

Beim Futter wäre ich eigen und bei anderen Hunden wählerisch

Futter wäre für mich nicht Versorgung, sondern Identität.

Ich würde Napfinhalte prüfen wie ein Restaurantkritiker mit beleidigter Stirn.

Andere Hunde wären so mittel.

Manche ja, manche nein.

Ich würde Schlafen und Abstand feiern, als wären es exklusive Benefits.

Und dann würde mir auffallen.

Ich bin Flusen.

Nur mit mehr Drama in der Stimme.

Und an guten Tagen wäre ich Enjah

Dann wäre ich gefährlich fröhlich

Es gibt diese Tage, da bin ich leicht.

Verspielt.

Neugierig.

Da will ich niemandem was.

Da bin ich eher Enjah, die aus einem Spaziergang ein Feuerwerk macht und aus einem Grashalm einen Roman.

Nur sind diese Tage gerade selten.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Pöbeln so verführerisch ist.

Es ist Instant Espresso fürs Selbstbild.

Man wirkt sofort gefährlich, ohne überhaupt fühlen zu müssen.

Ich würde also pendeln.

Zwischen Enjah, wenn ich Luft habe.

Und Flusen mit Megafon, wenn ich sie verliere.