Tag 72. Der Snack Gap, der KI Hype und der Kampf um den Achtsamkeits Stuhl

Enjah hat heute Morgen nicht nur geklagt.

Enjah hat eine ganze Betriebsversammlung einberufen.

Mit Blickkontakt als Mikrofon und Empörung als Beamerfolie.

Sie steht vor mir wie eine Junior Consultant mit frischem KI Zertifikat und sagt: Ich sehe hier strukturelle Ungerechtigkeit.

Flusen liegt daneben, so ruhig, dass es schon wieder provokant ist.

Er wirkt wie der Senior, der seit Jahren die Systeme am Laufen hält und trotzdem bei jeder neuen Welle so tut, als wäre er eigentlich nur zufällig hier.

Ich sitze dazwischen und merke, wie mein Nervensystem automatisch in den Modus wechselt, den ich aus Unternehmen kenne.

Krisenmeeting.

Keine Agenda.

Zu viele Gefühle.

Und irgendwo ein Laminiergerät, das schon warm läuft.

Enjahs Sicht. Ich bin Zukunft, warum werde ich behandelt wie Praktikantin

Der Snack Gap. Oder. Wer hat hier bitte die Gehaltsbänder definiert

Enjah ist sich sicher, dass Flusen mehr bekommt.

Mehr Futter.

Mehr Leckerli.

Mehr Zuwendung.

Und sie sagt es nicht nur so, sie sagt es wie ein Gender Gap Bericht.

Als wäre Flusen der Kollege, der für denselben Job einfach mehr kriegt, weil er älter ist, ruhiger wirkt, männlich klingt, und weil man ihm irgendwie automatisch Kompetenz zutraut.

Sie ist schließlich in der Entwicklung, sagt sie.

Sie sei Wachstum.

Sie sei Potenzial.

Eine wandelnde Investition mit Fell.

Und trotzdem bekommt Flusen nach ihrer Rechnung die besseren Benefits.

Sie schaut auf ihn, als wäre er der Kollege mit Dienstwagen, Homeoffice Vertrag und zusätzlichem Urlaubstag wegen Seniorität.

Und sie.

Sie bekommt die Aufgabe, nicht hochzuspringen, während in ihr ein komplettes Feuerwerk wohnt.

Und dann kommt der Teil, der wehtut, weil er so menschlich ist.

Sie bewundert ihn.

Abgöttisch.

Sie liebt ihn.

Sie will so werden wie er.

Und gleichzeitig will sie alles, was er hat.

Seine Ruhe.

Seine Autorität.

Seinen Platz im Team, der nicht ständig erklärt werden muss.

Der Maulkorb. Flusens Dienstwagen mit Ledersitzen

Dann kommt ihr Hauptbeweisstück.

Der Maulkorb.

Handarbeit.

Maßanfertigung.

Sie nennt das nicht Sicherheitsausrüstung.

Sie nennt das Statussymbol.

Ein bisschen wie ein Firmenwagen in Mattschwarz, der zwar offiziell für Außentermine ist, aber trotzdem aussieht wie: Ich bin wichtig.

Und dann bekommt Flusen auch noch Futter, wenn er den Maulkorb trägt.

Das ist für Enjah doppelte Belohnung.

Erst bekommt er das coole Ding.

Dann bekommt er auch noch Bonus.

Und ich sehe richtig, wie sie innerlich die Betriebsrats Hotline wählt.

Der Rollenwechsel. Gestern KI. Heute Achtsamkeit. Morgen Vorstand

Gestern wollte Enjah Head of KI & Data sein.

Heute steht sie da und sagt: Eigentlich bin ich auch Head of Achtsamkeit und Bedürfnisbefriedigung.

Sie sagt das nicht so.

Sie sendet es.

Mit dem Selbstverständnis eines Juniors, der zwei Prompts geschrieben hat und jetzt überzeugt ist, dass er die komplette Abteilung ersetzen kann.

Flusen habe ja zwar eine über zwei Jahre lange Ausbildung gemacht.

Mit Prüfungen.

Und schon über fünfzig Einsätze.

Aber Enjah winkt das weg wie eine alte Excel Datei.

Erfahrung sei überbewertet.

Sie könne das einfach.

Ist doch klar.

Sie hat schließlich Gefühle.

Viele.

Sehr viele.

Und sie kann Bedürfnisse sehr deutlich kommunizieren, indem sie sich quer vor die Tür legt.

Wenn das kein Leadership ist, was dann.

Enjah schaut dabei so überzeugt, dass ich kurz überlege, ob ich ihr ein Namensschild drucken soll.

Head of Everything.

Mit Fell.

Ohne Geduld.

Flusens Sicht. Ihr nennt es Vorteil, ich nenne es Verantwortung

Wenn die Jungen KI rufen, stehen die Alten plötzlich wie Faxgeräte im Flur

Flusen betrachtet Enjah wie ein Mensch, der seit zwanzig Jahren im Unternehmen die Server am Laufen hält und jetzt hört: Wir machen das jetzt alles mit KI.

Wofür brauchen wir dich eigentlich noch.

Flusen ist kein Faxgerät.

Aber er hat diesen Blick, als hätte man ihm gerade den Stecker ziehen wollen, weil irgendwo jemand ein neues Tool entdeckt hat.

Und gleichzeitig ist es absurd, weil er gebraucht wird.

Nicht von mir.

Von Enjah.

Enjah liebt ihn abgöttisch.

Nicht als Kollegen.

Als Leuchtturm.

Als Ruhepol.

Als wandelnde Anleitung für das Leben im Nervensystem.

Sie hat gemerkt, dass Flusen besser diskutieren kann.

Dass er Grenzen setzen kann, ohne gleich ein Drama zu eröffnen.

Dass er mit uns Menschen verhandelt wie ein erfahrener Betriebsrat, der schon alles gesehen hat.

Und genau deshalb will sie seine Rolle.

Nicht weil sie sie kann.

Sondern weil sie ihn haben will.

Und Flusen spürt das.

Diese Mischung aus Bewunderung und Enteignungsphantasie, wie in Teams, wenn die Jungen sagen: Wir brauchen eure Erfahrung.

Und gleichzeitig meinen: Bitte räumt mal euren Schreibtisch.

Flusen fühlt sich nicht bevorzugt. Er fühlt sich belagert

Und jetzt kommt die Pointe.

Flusen findet Enjah nicht toll.

Nicht im Sinne von: Er hasst sie.

Eher im Sinne von: Sie ist anstrengend wie ein Meeting, das als kurze Abstimmung geplant war und dann plötzlich vier Stunden dauert, weil jemand Gefühle mitgebracht hat.

Aus Flusens Sicht bekommt Enjah mehr Liebe.

Mehr Aufmerksamkeit.

Mehr Erklärungen.

Mehr Geduld.

Mehr dieses ständige: Enjah, bitte, Enjah, komm, Enjah, nein, Enjah, doch.

Flusen liegt daneben und denkt: Ich bin so unauffällig, dass ich quasi unsichtbar bin.

Und genau das ist wieder so ein Unternehmens Ding.

Die, die funktionieren, werden selten gefeiert.

Sie werden vorausgesetzt.

Sie werden zur Infrastruktur.

Man merkt erst, was sie tragen, wenn sie ausfallen.

Oder kündigen.

Oder anfangen zu laminieren.

Heterogene Teams. Oder. Wenn alle sich benachteiligt fühlen, ist die Führungskraft schuld

Die Jungen denken, die Alten blockieren. Die Alten denken, die Jungen reißen alles um

Enjah glaubt, Flusen nimmt ihr die coolen Sachen weg.

Den Maulkorb.

Die Prämien.

Die Seniorität.

Sie sieht ihn als Gatekeeper, der auf einem Thron aus Erfahrung sitzt und sagt: Das haben wir schon immer so gemacht.

Flusen hingegen sieht Enjah als Abrissbirne mit Welpenlächeln.

Sie kommt rein, wirft Ideen wie Konfetti, fordert Titel, will Abkürzungen, hält Ausbildung für Folklore und nennt Erfahrung „optional“.

Beide fühlen sich im Recht.

Beide fühlen sich übersehen.

Beide sehen im anderen das Problem.

Und ich sitze dazwischen wie eine Geschäftsführung, die versucht, eine Transformation zu moderieren, während gleichzeitig das Tagesgeschäft brennt.

Der Klassiker.

Das Missverständnis ist die Währung

Das Verrückte ist.

Es geht nicht wirklich um Leckerli.

Leckerli sind nur die Währung, mit der wir hier Anerkennung bezahlen.

Der Maulkorb ist nicht der Maulkorb.

Er ist das Symbol.

Für gesehen werden.

Für wichtig sein.

Für ein Upgrade.

Für einen Platz im Team, der nicht nur niedlich ist.

Und Zuwendung ist nicht nur Zuwendung.

Sie ist Status.

Sie ist Sicherheit.

Sie ist die Frage: Bin ich hier wertvoll, auch wenn ich nicht perfekt bin.

Ich spüre, wie Enjah in mir dieses junge Teammitglied anspricht, das sich beweisen will.

Und Flusen dieses ältere Teammitglied, das müde ist, ständig erklären zu müssen, warum seine Kompetenz noch gebraucht wird.

Und ich sitze da, zwischen Dienstwagen Maulkorb und KI Größenwahn, und zahle die nächste Gehaltsrunde aus in der einzigen Währung, die hier wirklich knapp ist.

Nerven.