Tag 71. Die Liste, der Betriebsrat und Enjahs Bewerbung als Head of KI & Data

Seit gestern weiß ich, dass ich nicht einfach mit zwei Hunden zusammenlebe.

Ich leite ein Unternehmen.

Mit Betriebsrat.

Mit Kündigungskultur.

Und mit einer Belegschaft, die Laminierung nicht als Basteln, sondern als Machtdemonstration versteht.

Heute Morgen mache ich das, was ich immer mache, wenn ich innerlich schwimme.

Ich schreibe eine Liste.

Natürlich.

Listen sind meine Art, dem Leben einen Klemmbrett Clip zu verpassen.

Wenn ich es aufschreibe, fühlt es sich an, als hätte ich es schon getan.

Und genau so entsteht sie.

Die Liste.

Die legendäre Liste von allem, was man gemacht haben muss, mit einem Welpen und Junghund.

Wobei Enjah, streng genommen, ja schon kein Welpe mehr ist.

Fünf Monate.

Also quasi Teenager mit Fell.

Ein Wesen, das morgens aufwacht und denkt: Regeln sind Vorschläge.

Und trotzdem sitze ich da und tippe so, als wäre ich die Projektleitung eines Raumfahrtprogramms.

Impulskontrolle.

Frustrationstoleranz.

Leinenführigkeit mit Richtungswechseln und stehen bleiben ohne Theater.

Rückruf auch dann, wenn die Welt gerade nach Abenteuer riecht.

Deckentraining und Ruhe auf Signal, obwohl ich innerlich selber noch auf Sendung bin.

Alleinbleiben in Mini Portionen, damit es nicht nach Verlassenwerden schmeckt.

Handling, Pfoten, Ohren, Maul, Bürste, Tierarzt, als wäre es ein Wellness Programm und nicht eine Zwangsjacke.

Ressourcen, Napf, Kauzeug, Spielzeug, Tauschspiele, damit niemand lernt, dass man Besitz nur mit Drama verteidigt.

Begegnungstraining mit Hunden und Menschen, und zwar so, dass Enjah nicht jede Seele anspringt und Flusen nicht versehentlich den Gangster mimt.

Umwelttraining, Stadt, Busse, Fahrräder, Kinder, Baustelle, Regenjacken, alles, was später plötzlich normal sein soll.

Frustration aushalten, wenn die Leine stoppt, wenn das Spiel endet, wenn ich Nein sage und es trotzdem Freitag ist.

Impuls bremsen, bevor der Körper schon läuft, also denken lernen, bevor springen.

Nicht bellen, nicht betteln, nicht wecken, wobei ich das bei Teenagern generell für ambitioniert halte.

Im Garten nichts aufnehmen, oder wenigstens lernen, dass ich der Tresorcode fürs Ausspucken bin.

Hundegruppe, freie Begegnungen, parallel laufen, Pause machen, wieder runterfahren.

Und bitte alles bis gestern, damit ich meine innere Panik beruhigen kann, die gerade so tut, als würde irgendwo ein Welpenfenster zugeschlagen und ich stünde draußen im Regen.

Ich drucke die Liste aus.

Ich falte sie.

Ich lege sie auf den Boden.

Wie ein Friedensangebot.

Wie ein Vertrag.

Wie ein sehr dünnes Stück Papier zwischen mir und meiner Überforderung.

Das Teammeeting. Obstwiese war gestern, jetzt ist Konferenzraum

Flusen kommt als Erster.

Er hat diesen Blick, der nach Achtsamkeitsseminar riecht.

Als würde er gleich fragen, ob ich meine Bedürfnisse heute schon gespürt habe.

Er setzt sich hin.

Ganz korrekt.

Head of Achtsamkeit & Bedürfnisbefriedigung.

So steht es in seinem imaginären LinkedIn Profil.

Er prüft die Liste, als würde er sie nicht lesen, sondern fühlen.

Dann macht er ein leises Schnauben, was bei Flusen so etwas ist wie ein dreiseitiges Memo.

Enjah kommt nicht.

Enjah inszeniert.

Sie taucht auf wie eine Powerpoint Animation mit Soundeffekt.

Sie landet neben der Liste, legt eine Pfote drauf und schaut mich an, als würde sie sagen: Ich habe auch Punkte.

Und dann.

Bevor ich überhaupt „Guten Morgen“ sagen kann, schiebt sie mir ihre Bewerbung rüber.

Nicht auf Papier.

Enjah arbeitet natürlich digital.

Sie guckt mich nur an und plötzlich habe ich den Eindruck, mein Gehirn wird gescannt.

Sie will eine Position im Team.

Nicht irgendwas.

Sie will die Position als Head of KI & Data.

Sie sagt das nicht.

Aber sie sagt das.

Mit diesem Blick, der aussieht wie ein Algorithmus auf vier Beinen.

Enjah, Head of KI & Data. Oder. Warum sie überzeugt ist, dass sie der Zukunft gehört

Enjah argumentiert nicht.

Enjah performt.

Sie zeigt mir ihre Skills direkt am lebenden Objekt, also an mir.

Datenbezogen, nur ohne Datenschutz

Sie ist das Wesen, das exakt weiß, wann ich schwach werde.

Nicht psychologisch schwach, sondern Leckerli schwach.

Sie analysiert meine Griffbewegung zur Jackentasche mit einer Präzision, die ich mir bei meiner Steuererklärung wünsche.

Sie erkennt Muster.

Montag.

Ich bin müde.

Dienstag.

Ich bin gestresst.

Mittwoch.

Ich denke, wir müssten mehr machen.

Donnerstag.

Ich kompensiere mit Keks.

Freitag.

Ich verspreche mir, weniger Keks.

Samstag.

Ich gebe mehr Keks, weil Wochenende.

Enjah speichert alles.

Enjah ist mein persönlicher Datenkrake, nur süß.

Und sie findet es unverschämt, dass ich so tue, als wäre das Zufall.

Künstliche Intelligenz, aber mit Kunst

Dazu kommt das Künstlerische.

Enjah ist ein Performance Piece.

Sie macht aus jeder Alltagsszene ein Ereignis.

Sie kann auf drei Arten sitzen, die alle sagen: Ich bin unschuldig.

Sie kann mit einem einzigen Sprung die komplette Raumakustik verändern.

Sie kann Flusen am Ohr ziehen und dabei so aussehen, als hätte Flusen sie darum gebeten.

Und sie sagt damit: KI.

Künstlich.

Weil ich jeden Tag denke, das kann nicht echt sein.

Und intelligent.

Weil sie es jedes Mal wieder schafft.

Enjah behauptet, sie sei perfekt für diese Rolle, weil sie Daten sammelt, Muster erkennt und dann kreative Lösungen präsentiert, die sich für mich anfühlen wie Sabotage, für sie aber wie Innovation.

Sie ist quasi der Start up Geist in unserem Haushalt.

Disruptiv.

Unberechenbar.

Und leider sehr überzeugend.

Flusen stellt Forderungen. In seiner Version heißt das Bedürfnismanagement

Flusen dagegen ist nicht hier, um Karriere zu machen.

Flusen ist hier, um Grenzen zu setzen.

Er ist der Betriebsrat in Person, nur ohne Weste.

Und mit Enjah, sagt er, sei alles schwieriger geworden.

Nicht weil Enjah böse ist.

Sondern weil sie Leben ist.

Und Leben ist laut.

Und Leben hat Zähne.

Und Leben springt manchmal von Treppen auf Kollegen.

Flusen betrachtet meine Liste und ich spüre, wie er innerlich einen Stempel zückt.

Nicht genehmigt.

Forderung eins, weniger Projekt, mehr Pause

Er verlangt Pausen.

Nicht die Art Pause, bei der ich zwar sitze, aber innerlich immer noch Impulskontrolle übe.

Sondern echte Pause.

So Pause, dass sogar mein Gesicht weicher wird.

Er will, dass ich aufhöre, jeden Tag wie einen Prüfungstag zu behandeln.

Weil er merkt, dass ich dann schneller gereizt bin.

Und weil gereizt sein bei mir bedeutet, dass meine Stimme plötzlich nach Vorschrift klingt.

Und Vorschrift ist nicht das Klima, in dem Flusen gut funktioniert.

Ende. Vorläufig, bis das Protokoll freigegeben ist

Ich schaue auf die Liste und plötzlich wirkt sie weniger wie eine Landkarte, mehr wie ein Haftbefehl.

Enjah legt ihre Pfote drauf, als hätte sie sich gerade zur Datenhoheit bekannt.

Flusen atmet einmal tief, dieser eine Atemzug, der sich wie ein Warnhinweis anfühlt.

Und ich weiß nicht, ob wir heute einen Vertrag schließen oder ob ich gleich eine neue Laminierschicht im Flur finde, mit der Überschrift: Nachbesserung erforderlich.