Tag 70. Fristlos gekündigt. Von zwei Hunden mit Betriebsrat
Ich wache auf mit dem festen Vorsatz, heute perfekt zu sein.
Heute werden wir trainieren.
Heute wird gespielt.
Und ich werde eine ruhige, stabile, freundliche, souveräne, lächelnde Hundemutter sein, die morgens Atemübungen macht und die Welpenzeit nicht als Countdown der persönlichen Unzulänglichkeit betrachtet.
Ich sage das so überzeugt, dass mein innerer Kontrollraum schon Applaus bestellt.
Der Tagesplan. In meiner Version ein Hochglanzprospekt
Perfekt, bitte. Mit sauberer Leinenführung und ohne Seele im Weg
Ich sehe den Tag vor mir wie eine Produktpräsentation.
Enjah läuft neben mir, als hätte sie eine unsichtbare Wasserwaage im Rücken.
Flusen schaut entspannt in die Ferne, wie ein Hund aus einer Versicherungswerbung, der gerade für Stabilität unterschreibt.
Heute springt niemand hoch.
Heute bellt niemand.
Heute bettelt niemand.
Heute weckt mich niemand.
Heute wird im Garten nichts aufgenommen, nicht mal ein Grashalm aus Versehen, als würde der Garten plötzlich unter Denkmalschutz stehen.
Heute gibt es Leckerli in homöopathischen Mengen, so dosiert, dass ein Apotheker stolz würde.
Heute gibt es Hundekontakte, aber bitte in hübsch.
Stadt, aber bitte ohne Reize.
Unbekanntes, aber bitte ohne Überraschungen.
Ich will so sehr, dass es gelingt, dass ich schon beim Zähneputzen innerlich die Stoppuhr starte.
Ich gegen die Uhr. Die Welpenzeit als ablaufender Parkschein
Seit Tagen hängt dieses Gefühl über mir, als würde irgendwo ein Timer laufen.
Wertvolle Welpenzeit.
Jetzt noch schnell Impulskontrolle.
Jetzt noch schnell Frustrationstoleranz.
Jetzt noch schnell das mit dem Hochspringen.
Jetzt noch schnell das mit dem Betteln.
Jetzt noch schnell die Leine.
Ich spüre, wie sich mein Nervensystem dabei verhält wie ein überforderter Fluglotse, der gleichzeitig zwei startende Maschinen und einen Drachen steigen lassen soll.
Und ich merke, wie ich dabei nicht mehr nach Hunden gucke, sondern nach To Dos.
Ich bin morgens schon erschöpft vom Gedanken daran, was alles passieren könnte, wenn es nicht passiert.
Dann stehe ich im Flur. Und da liegt er.
Ein Umschlag. Mit Pfotenabdruck. Und einem sehr ernsten Ton
Dann stehe ich im Flur.
Und da liegt er.
Ein Umschlag.
Nicht irgendein Umschlag.
Ein Umschlag mit Pfotenabdruck.
Als hätte jemand in meinem Haus ein sehr ernstes Arbeitsrecht etabliert.
Ich hebe ihn auf, als würde er explodieren.
Er tut es nicht.
Er ist schlimmer.
Er ist laminiert.
Der Kündigungsbrief liegt zwischen Leine und schlechtem Gewissen
Ich lese.
hiermit kündigen wir, Enjah und Flusen, fristlos und mit sofortiger Wirkung die Zusammenarbeit im Projekt Haushalt.
Begründung: Arbeitsumfeld instabil. Führungskraft schwankt zwischen Drill Sergeant und zerknittertem Sofakissen. Zielvorgaben unrealistisch. Bonuszahlungen in Form von Leckerli unregelmäßig und intransparent.
Und dann kommt der Teil, der offenbar von Flusen formuliert wurde.
In sauberer Schrift.
Mit dieser stillen Sachlichkeit, die nach Lesebrille riecht.
Die Begründung. Oder. Wie man mich in acht Absätzen auseinanderfaltet
Die Führungskraft versucht täglich, aus zwei Hunden berechenbare Roboter zu machen.
Der Versuch, Spontanität abzuschaffen, wurde ohne Rücksprache mit der Belegschaft beschlossen.
Die Führungskraft hat einen widersprüchlichen Führungsstil.
Um 07.12 Uhr wird „mehr Ruhe“ gefordert.
Um 07.14 Uhr wird „mehr Training“ gefordert.
Um 07.16 Uhr wird „mehr Spiel“ gefordert.
Um 07.18 Uhr wird Genervtheit ausgestrahlt, weil die Belegschaft es wagt, als Hunde zu existieren.
Die Arbeitsbelastung ist unklar.
Es wird gleichzeitig gefordert, dass wir mehr Hundekontakte haben.
Und dass wir mehr Stadt erleben.
Und dass wir mehr Unbekanntes kennenlernen.
Und dass wir gleichzeitig ruhiger werden.
Die Führungskraft möchte, dass wir nie bellen, nie betteln, nie wecken, nie hochspringen, nie etwas aufnehmen.
Die Führungskraft wünscht zudem, dass wir Emotionen ausschließlich in angemessener Lautstärke und nach vorheriger Anmeldung zeigen.
Die Führungskraft leidet seit circa zwei Wochen unter innerem Zeitdruck und äußert diesen Druck als Blick.
Dieser Blick wirkt auf die Belegschaft wie eine Sirene, die leise ist, aber nicht aufhört.
Die Führungskraft behauptet, sie würde weniger Leckerli geben.
Gleichzeitig werden Leckerli aus pädagogischen Gründen, aus Trostgründen, aus Zeitgründen und aus „bitte jetzt einfach“ Gründen ausgegeben.
Wir fühlen uns in dieser Inkonsequenz gesehen, aber auch verwirrt.
Die Führungskraft hat Angst, dass die Welpenzeit endet und sie dann zu spät ist.
Dieses Gefühl wird täglich auf die Belegschaft übertragen, ohne dass die Belegschaft dafür eine Zulage erhält.
Die Belegschaft weist darauf hin, dass sie bereits lernt.
Im Alltag.
Im Mist.
Im Unperfekten.
Im Flur.
Im Garten.
Beim falschen Loch am Halsband.
Beim Heimkommen.
Beim Losgehen.
Beim Nicht Perfekt Sein.
Die Führungskraft hingegen versucht, Lernen als Plan zu organisieren und vergisst dabei, dass Leben nicht geschniegelt mitläuft.
Zum Schluss steht da noch ein Satz, der eindeutig von Enjah ist.
Große Buchstaben.
Ein bisschen schief.
Mit einem Fleck, der nach Speichel aussieht.
WIR WOLLEN AUCH MAL EINFACH NUR HUND SEIN.
Nach dem Kündigungsgrund. Oder. Was jetzt
Vorläufige Maßnahme. Bis der Betriebsrat tagt
Ich lege den laminierten Brief zurück in den Umschlag.
Flusen schaut mich an, als würde er gleich eine Verhandlung ansetzen.
Enjah schaut mich an, als wäre ich die Verhandlung.
Ich greife zur Leine.
Beide gehen mit.
Keiner sagt, ob das jetzt schon wieder Zusammenarbeit ist oder nur eine Übergangslösung bis zur nächsten Post.
Und ich frage mich, ob morgen im Flur ein Aufhebungsvertrag liegt.
Oder ein Angebot zur Wiedereinstellung.
Oder ob der Betriebsrat längst beschlossen hat, dass ich erst mal in die Probezeit zurück muss.