Tag 68. Loyalität, Dorfgeräusche und zwei Hunde als Spiegel
Ich sitze da und merke, wie ich innerlich zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig halte, als hätte ich aus Versehen eine lebendige Hantel bestellt.
Auf der einen Seite diesen uralten Reflex, mein System zu schützen. Wie eine mittelalterliche Burgfrau, die nachts nochmal die Zugbrücke hochzieht, nur für den Fall, dass irgendwo ein Nachbar auf die Idee kommt, eine Meinung zu haben.
Auf der anderen Seite dieses Bedürfnis nach Echtheit. Nach Luft. Nach dem Satz, der nicht geschniegelt ist. Nach dem Mut, nicht immer so zu tun, als wären wir eine Familie in Werbeprospektlicht.
Das Dorf ist ein Ohr
Wir hatten jetzt so eine Situation mit einer Person, zu der schon länger kein Kontakt mehr ist. Eine dieser Figuren, die nicht mal auf dich direkt zielen müssen, um dich zu treffen. Sie schießen nicht ins Gesicht, sie schießen in die Runde. Und sie schießen gern. Erst ein Urteil, dann ein Nachladen, dann noch ein Urteil, damit das erste Urteil auch wirklich recht behält.
Ich habe mitbekommen, wie jemand unsere Situation ihr gegenüber relativ unverschönt dargestellt hat.
Und in mir ging sofort ein inneres Waffenlager auf.
Die Kanonen, die ich selbst reiche
So ein Gefühl von: Wieso geben wir dem Feind auch noch die Kanonen. Wieso reichen wir die Munition hübsch verpackt mit Schleife und sagen: Bitte, hier, nimm, mach was draus.
Ich habe gemerkt, wie mich das wütend macht.
Nicht diese saubere, erwachsene Wut, die eine klare Grenze ist.
Mehr so ein heißes, zischendes Tier, das aus dem Bauch springt und sofort überall entlangrennt.
Wut, die eigentlich Angst trägt
Und dann, wie immer bei mir, die zweite Welle.
Die, die nicht mehr nach Angriff riecht, sondern nach Angst.
Warum ist mir das so wichtig, nicht verurteilt zu werden.
Vor allem nicht von Menschen, die mir eigentlich gar nicht wichtig sind.
Diese Frage ist so unangenehm ehrlich, dass ich sie innerlich am liebsten in eine Schublade stecken würde, die ich mit Klebeband zuklebe.
Aber sie bleibt da, mitten im Raum, wie Flusen, wenn er etwas beobachtet, das ihm nicht geheuer ist.
Flusen kann das sehr gut.
Dieses stille, fokussierte, hochprofessionelle Misstrauen.
Er steht dann da wie ein kleiner Türsteher an einer Dorfdisko und sagt ohne Worte: Ich entscheide, wer hier rein darf.
Und ich stehe daneben und denke: Ach, guck mal, wir sind uns ähnlich.
Weil ich auch Türsteherin bin.
Nur für Bilder.
Für das Bild von uns.
Für das Bild von mir.
Für das Bild meiner Familie.
Loyalität als Samtüberzug
Rational kann ich mir alles runterbeten.
Dass Leute reden.
Dass sie immer reden.
Dass ihr Urteil mehr über sie sagt als über uns.
Dass es sogar gesund ist, wenn dieses perfekte Familienmärchen endlich irgendwo einen Kratzer bekommt, weil es nie gestimmt hat.
Und trotzdem fühlt es sich an, als würde mir jemand mit schmutzigen Fingern über mein Familienwappen schmieren.
Das perfekte Bild als altes Schutzschild
Ich kenne das biografisch.
Dieses Gefühl, dass draußen alle denken sollen, wir seien die perfekte Familie.
Und drinnen war es eben Leben.
Nicht perfekt.
Nicht sauber.
Nicht immer freundlich.
Eher so wie ein Wohnzimmer, in dem gleichzeitig gekocht, gestritten, gelacht und überlebt wird.
Wenn ich darüber schreibe oder spreche, dann spüre ich manchmal sofort so etwas wie Verrat.
Als würde ich jemanden an die Hand nehmen und sagen: Komm, ich zeig dir mal, wo es bei uns weh tut.
Und da sitzt irgendwo in mir ein kleiner innerer Familienrat, der streng guckt und flüstert: Das macht man nicht.
Wenn Wachstum sich wie Verrat anfühlt
Das ist der Moment, in dem Loyalität nicht mehr wie Verbindung wirkt, sondern wie eine Entwicklungsbremse mit Samtüberzug.
So weich, so vertraut, so gefährlich.
Ich kenne das auch aus dem Coaching.
Nicht als Theorie, eher als diese wiederkehrende Szene.
Menschen, die in ihrem Leben auf einmal heller werden, freier, erfolgreicher, lebendiger.
Und genau in dem Moment kommt dieses Gefühl: Darf ich das.
Darf ich besser sein als meine Eltern.
Darf ich leichter leben.
Darf ich Dinge schaffen, die bei ihnen nicht möglich waren.
Und dann fühlt sich Wachstum plötzlich nicht nach Freude an, sondern nach Schuld.
Wie ein Kind, das heimlich ein Stück weiter nach vorn geht, und dabei ständig über die Schulter schaut, ob jemand es zurückpfeift.
Und oft steht da nicht mal jemand.
Oft pfeift nur ein alter Satz im Kopf.
So ein Glaubenssatz, der nicht laut ist, aber wirksam.
Nicht wie ein Plakat, eher wie eine Wasserader unter dem Haus.
Du siehst sie nicht, aber irgendwann ist die Wand feucht.
Bei mir ist es vermutlich so eine Mischung aus: Stell dich nicht bloß. Mach uns nicht schlecht. Sei loyal.
Und das Absurde ist, dass Loyalität sich hier nicht wie Liebe anfühlt, sondern wie Imagepflege.
Wie PR Arbeit für ein System, das eigentlich atmen dürfte.
Zwei Hunde, ein Urteil und mein altes Thema in Fellform
Und während ich das alles denke, geht es ausgerechnet um Hunde.
Das ist der Teil, der mich gleichzeitig zum Lachen und zum Kopfschütteln bringt.
Weil es gar nicht um die großen dramatischen Familiendinge ging.
Es ging um Enjah und Flusen.
Darum, dass sie nicht so viel zusammen spielen.
Dass Flusen weiterhin eifersüchtig ist.
Dass wir da noch einen Weg vor uns haben.
Jemand hat darüber gesprochen, als wäre es ein Statement über uns als Menschen.
Als wäre die Spielquote unserer Hunde eine Art moralischer Leistungsnachweis.
Ein Verein namens Fehlermanagement Dagmar e. V.
Und mein inneres System hat reagiert, als hätte jemand eine Akte geöffnet.
Ich habe mich so selbstkritisch gefühlt, als hätte ich einen Verein gegründet mit dem Namen: Fehlermanagement Dagmar e. V.
Plötzlich war da dieses Bild von mir, wie ich zwei kleine, hochsensible Fellwesen durchs Dorf trage wie zwei zerbrechliche Gläser.
Und alle stehen am Wegesrand mit Klemmbrettern.
Zu wenig gespielt.
Zu viel Eifersucht.
Zu viel Chaos.
Durchgefallen.
Familie als tägliche, unbeholfene Praxis
Enjah liegt derweil wahrscheinlich irgendwo und denkt: Ich bin ein Welpe. Ich bin die Definition von unfertigem Leben.
Flusen schaut wahrscheinlich sehr ernst und sagt: Ich bin ein Ersthund. Ich bin ein Gewohnheitstier. Ich fühle Dinge. Überraschung.
Und ich stehe dazwischen und versuche, aus zwei Nervensystemen ein Zuhause zu bauen.
Natürlich ist das nicht immer instagrammable.
Natürlich ist das manchmal roh.
Manchmal sind sie wie zwei Wetterfronten, die sich im Flur begegnen.
Manchmal ist es eher Friedensvertrag als Spiel.
Und ja, wir haben da noch einen Weg vor uns.
Aber warum trifft mich das Urteil von außen so sehr.
Vielleicht, weil es nicht nur um die Hunde geht.
Vielleicht ist es mein altes Thema in Fellform.
Dieses Gefühl, dass ich es nicht ertrage, wenn jemand von außen eine Geschichte erzählt, die ich nicht kontrollieren kann.
Weil Kontrolle früher wahrscheinlich Sicherheit war.
Weil das Bild nach außen früher vielleicht Schutz war.
Und weil ich es irgendwo noch glaube, dass ein schlechtes Urteil gefährlich ist.
Als würde es etwas kaputt machen.
Dabei macht es oft nur sichtbar, was ohnehin da ist.
Und Sichtbarkeit ist das, was Loyalität manchmal am meisten fürchtet.
Nicht weil sie böse ist.
Sondern weil sie Angst hat, dass Zugehörigkeit an Perfektion hängt.
Dass Liebe nur bleibt, wenn das Familienwappen glänzt.
Ich merke, wie ich mich an einer Schwelle bewege.
Zwischen dem Impuls, die Zugbrücke hochzuziehen und zu sagen: Niemand sieht hier irgendwas.
Und dem Impuls, die Tür aufzuschließen und zu sagen: Ja. Wir sind unterwegs. Wir sind nicht fertig. Wir sind echt.
Vielleicht ist das die eigentliche Loyalitätsfrage.
Bin ich loyal, wenn ich schütze, was nach außen gut aussieht.
Oder bin ich loyal, wenn ich dem System erlaube, menschlich zu sein.
Mit Rissen.
Mit Welpenchaos.
Mit Eifersucht.
Mit einem Flusen, der gerade nicht spielen will, sondern erst mal verstehen.
Mit einer Enjah, die so sehr Leben ist, dass sie manchmal wie ein kleiner Systemsprenger durchs Wohnzimmer läuft und dabei aus Versehen meine alten Sätze anstößt.