Tag 67: Der Postbote und die Religion des Superleckerlis
Es gibt Menschen, die sind einfach da
Ein anderes Universum in Gelb
Es gibt Menschen, die sind einfach da.
Und das reicht schon, um die Welt ein bisschen anzuheben, als hätte jemand heimlich an der Schwerkraft gedreht.
Bei uns ist das der Briefträger.
Ich schreibe Briefträger und es klingt, als wäre das eine Berufsbezeichnung aus einem anderen Jahrhundert. In Wahrheit ist es eine Rolle in unserem Familiensystem. Eine Art Nebenfigur, die regelmäßig die Hauptszene klaut.
Freundlich wie ein warmer Mantel
Unser Glück mit ihm ist wirklich unverschämt.
Er ist nicht nur freundlich. Nicht so dieses professionelle Service freundlich, sondern dieses echte, warme, menschliche freundlich. So freundlich, dass man danach kurz das Bedürfnis hat, auch zu anderen Leuten netter zu sein, einfach um den Kreislauf nicht zu unterbrechen.
Flusen und die heilige Köstlichkeit
Sommelier auf der Keksmesse
Und dann hat er vor einiger Zeit angefangen, Flusen jedes Mal, wenn er uns sieht, ein Superleckerli zu geben.
Nicht irgendein Keks.
So ein Keks, der wirkt, als wäre er in Goldfolie eingeschlagen, selbst wenn er es nicht ist.
Flusen ist ja wählerisch. Also, er würde nie ablehnen. Aber er macht diesen Moment, in dem er erst mal schnuppert wie ein Sommelier auf einer sehr kleinen Käsemesse. Was ist das. Wo kommt das her. Welche Noten. Ein Hauch von Himmel. Und dann nimmt er es, als hätte er gerade einen Vertrag unterschrieben, der da heißt: Ich liebe dich jetzt offiziell.
Das Gesetz der gelben Postautos
Das erste Mal erinnere ich noch genau. Sommer. Enjah war noch nicht bei uns. Wir treffen den Postboten beim Spaziergang und Flusen wollte unbedingt von ihm gestreichelt werden. So unbedingt, dass er sich benommen hat wie ein Teenager, der plötzlich glaubt, er hätte eine Berühmtheit entdeckt.
Danach wurde es Gesetz.
Wenn ein gelbes Postauto in den Straßen war, mussten wir gucken.
Ist es DER Postbote.
Und wenn es nicht DER Postbote war, war die Enttäuschung groß. Flusen hat dann diesen Blick drauf, der sagt: Das war nicht mein Mensch. Ich möchte bitte die Managerin sprechen.
Enjah, Pakete und die Nebenwirkungen von Freundlichkeit
Zu klein für Keks, nicht zu klein für Respekt
Und dann kam Enjah.
Als der Postbote Enjah das erste Mal gesehen hat, ist er schier umgefallen. Wie süß kann ein kleiner Hund sein. Enjah natürlich erstmal scheu, so „nein danke, ich bin nur zufällig hier, bitte schauen Sie nicht“. Und sie durfte noch kein Leckerli. Zu klein.
Und der Postbote hat das nicht einfach übergangen wie manche Menschen.
Er hat es ihr erklärt.
So richtig. Mit Stimme, mit Wärme, mit diesem Ton, der sagt: Ich respektiere dich, auch wenn du ein sehr kleines Wesen bist.
Nein, du bist noch zu klein dafür.
Klingeltraining war mal
Und vor ein paar Tagen dann klingelt er, weil er ein Päckchen für uns hat, und gibt beiden ein Superleckerli.
Zwei Hunde in einem Haushalt sind ja sowieso wie eine Sitcom, nur ohne Drehbuch. Und dann kommt dieser Mann und macht aus dem Alltag einen Feiertag. Und heute legt er noch einen drauf und sagt: Ein Paket konnte nicht zugestellt werden, ihr müsst das nicht abholen, ich bringe es euch später vorbei.
Jetzt mal ehrlich.
Wie viel Glück kann man mit seinem Postboten haben.
Natürlich hat das Nebenwirkungen.
Klingeltraining.
War mal.
Denn jetzt ist jedes Klingeln potenziell der Himmel. Jetzt ist jedes Geräusch im Flur eine Chance auf Gold.
Und Flusen erkennt Autos. Sehr gut sogar. Wenn ein Postauto an unserem Haus vorbeifährt, bin ich gespannt, ob er demnächst in den Flur rast, als hätte jemand „Jackpot“ gerufen.
Mit diesem Blick, der alles sagt.
Bitte sag mir, dass er es ist.
Bitte sag mir, dass Liebe heute wieder nach Keks schmeckt.
Und ich stehe dann wahrscheinlich daneben und denke:
So ist das also, besondere Menschen.
Sie bringen nicht nur Pakete.
Sie bringen eine kleine Erinnerung daran, dass Freundlichkeit wirklich existiert.
Und dass sie manchmal gelb ist.
Und nach Superleckerli riecht.