Tag 66: Kuschelverträge statt Ressourcenlogik
Zwei Universen, ein Türrahmen
Und dann komme ich nach Hause.
Und es ist, als würde ich in ein anderes Universum treten.
Ein Universum, in dem es tatsächlich kein Konzept von Ressource gibt.
Nur von Zugehörigkeit.
Nur von Wir.
Draußen gibt es ja diese merkwürdige Erwachsenenfantasie, man könne Menschen wie Bauklötze umstellen und das System bleibt stabil, weil man es nett formuliert. Man sagt dann Dinge wie Umstrukturierung, Neuausrichtung, Effizienz. Als würde das Nervensystem beim Wort Effizienz kurz nicken und sich wieder hinlegen.
Drinnen reicht schon ein fehlender Hund
Hier drin reicht schon, dass einer kurz fehlt.
Enjah wird kribbelig, wenn Flusen mal nicht da ist. Nicht beleidigt, nicht dramatisch. Eher wie ein kleines Radio, das plötzlich rauscht, weil die Frequenz weg ist. Sie sucht ihn, schaut, horcht, läuft ein paar Schritte zu viel, als könnte sie ihn durch Bewegung herbeizaubern.
Heile ist die Welt hier nur, wenn wir alle zusammen sind.
Das ist kein romantischer Satz, das ist ein Betriebssystem.
Unser Familiensystem in vier Rollen
Schlafzimmer als Schutzraum
Wir schlafen nur in einem Raum. Alle zusammen. Als wäre das Schlafzimmer unser kleiner Schutzraum, unser Nachtlager, unser Wir sind vollständig Vertrag, nur ohne Unterschriften und ohne diese Mails, die mit Ich hoffe es geht dir gut anfangen und mit Wir müssen leider enden.
Flusen liegt nachts extrem nah. Kontaktliegen wie ein Stempel. Wie ein Siegel. Und er träumt so viel, dass ich manchmal denke, er arbeitet nachts Schicht. Als würde er im Traum noch mal alle Fenster checken und nebenbei eine kleine Risikoanalyse erstellen, nur für den Fall.
Konfetti, Türsteher und Hausmeisterin
Enjah ist unsere Gute Laune Beauftragte. Sie hat diesen Job nie unterschrieben und macht ihn trotzdem mit vollem Einsatz, wie eine Praktikantin in Freude, die leider viel zu motiviert ist. Sie läuft durch die Wohnung und verteilt kleine Stupser, kleine Blicke, kleine Ideen. Sie ist der Konfetti Automat, nur ohne Papierkram und ohne Budgetfreigabe.
Flusen ist der Polizist. Er passt auf. Nicht streng, eher wachsam. Als hätte er einen inneren Türsteher, der sagt: Draußen darf Chaos sein, aber hier drin bitte mit Abstand und ohne plötzliche Bewegungen.
Ich bin die Strukturgeberin. Ich halte die Regeln, die Abläufe, die Ordnung, die man braucht, wenn man mit zwei Nervensystemen zusammenlebt, die manchmal gleichzeitig auf Sendung gehen. Ich bin so eine Mischung aus Verkehrsleitzentrale und liebevoller Hausmeisterin. Ich stelle Schilder auf, bevor jemand gegen die Wand läuft.
Und Annette ist der sichere Hafen.
Der Buddy.
Die Bitte einmal eine fette Portion Liebe Person.
Führung, die man nicht messen kann
Kein KPI, nur Klima
Wenn Annette da ist, wird das System weich. Es ist wie ein Sofa, in das man reinfällt und erst dann merkt, dass man den ganzen Tag die Schultern hochgezogen hatte, als würde man damit die Welt zusammenhalten.
Und ich sitze dann zwischen diesen vier Rollen und denke: Das ist ein System das funktioniert.
Nicht in der Art, die nach außen souverän aussieht und innen kalt ist.
Sondern das hier.
Dieses ständige Mitdenken.
Dieses Reagieren auf kleinste Schwingungen.
Dieses Wissen, dass ein System nicht aus Aufgaben besteht, sondern aus Körpern, die sich gegenseitig beruhigen oder hochfahren.
Licht, das bleibt
Wenn hier jemand fehlt, merkt man es sofort. Nicht als Kennzahl. Nicht als Lücke im Plan. Sondern als Stimmung im Raum. Als ein Blick zu viel zur Tür. Als ein Atemzug, der nicht ganz runterfällt.
Und niemand von uns würde dann sagen: Ist doch nicht schlimm. Wir würden zusammenrücken. Wie automatisch. Wie eine Herde, die sich enger stellt, wenn irgendwo im Gras etwas knackt.
Hier drin ist Zugehörigkeit keine Meinung.
Sie ist ein Körperzustand.
Ein Schlafplatz.
Ein Stück Fell am Bein.
Ein Polizist, der träumt.
Eine Gute Laune Praktikantin, die nie Feierabend macht.
Ein Hafen, in den man reinfällt.
Und ich.