Tag 65: Live Kommentare aus der Hundekommentarspalte

Drei Menschen, drei Hunde, ein Sonntag und plötzlich Bühne

Mobile Einsatzgruppe mit Optimismus

Es waren drei Menschen und drei Hunde, also eigentlich ein kleiner Sonntagsspaziergang.

In meinem Kopf heißt das inzwischen: mobile Einsatzgruppe.

Wir liefen los mit dieser optimistischen Stimmung, in der man glaubt, heute passiert nichts. Drei Leinen, drei Thermoregulationssysteme, drei völlig unterschiedliche Biografien auf achtzehn Pfoten. Und ich, innerlich schon im Modus: Bitte einfach nur Wald. Bitte keine Kommentare. Bitte kein Social Media in Echtzeit.

Der tut nichts und andere Sätze, die Physik ignorieren

Der Klassiker mit Decke über Feuer

Natürlich kam er.

Der Freiläufer.

Der tut nichts.

Dieser Satz kommt immer so, als würde jemand eine Decke über ein Feuer werfen und erwarten, dass die Physik sich daran hält. Der tut nichts. Das ist keine Information, das ist ein Wunschzettel. Eine Behauptung in der Art von: Ich war nur kurz im Internet.

Der Hund tut sehr wohl etwas.

Er läuft.

Er beschleunigt.

Er kommt in unseren Raum.

In den Intimbereich, den Hunde genauso haben wie wir, nur dass wir Menschen aus irgendeinem Grund denken, Hunde hätten da so eine Art öffentliches WLAN. Alles darf rein. Jeder kann verbinden.

Wenn ein fremder Mensch mir auf dem Bürgersteig in den Rücken rempelt, dann dicht vor mein Gesicht tritt und sagt: Ich will nur spielen, dann schreibe ich keine Rezension über meine eigene mangelnde Gelassenheit. Dann sage ich: Entschuldigung, Abstand.

Bei Hunden ist das genauso. Nur dass sie nicht Entschuldigung sagen. Sie sagen es mit Körper. Mit Spannung. Mit Zähnen, wenn man ihnen keine andere Sprache lässt.

Der Moment, in dem mein Hund kommuniziert

Und dann passiert das, was immer passiert.

Mein Hund kommuniziert.

Und die Welt reagiert, als hätte er gerade ein Manifest veröffentlicht.

Die Kommentare fliegen rein.

Live.

Ungefiltert.

Wie eine Kommentarspalte, die man nie abonniert hat und die trotzdem jede Woche vor der Haustür steht.

Der will nur spielen.

Der ist ganz lieb.

Der tut wirklich nix.

Ach, lassen Sie die doch das klären.

Ich meine ja nur.

Hättest du mich gefragt.

Und ich stehe da, drei Menschen neben mir, zwei andere Hunde, Enjah irgendwo zwischen neugierig und höflich, Flusen im Modus Sicherheitsdienst mit schlechter Laune, und denke: Ja, hätte ich. Wenn ich hier gerade Zeit hätte, eine Meinungsumfrage durchzuführen. Aber mich fragt ja keiner. Ich bin beschäftigt, aus einem Sonntag keinen Unfallbericht zu machen.

Es gibt ja so was wie Hundeschulen

Das Beste ist, wie selbstverständlich manche Menschen sich berechtigt fühlen, in unser kleines System einzutreten, als wären sie Teil des Teams.

Und dann noch diese Blicke.

Diese Blicke, die in drei Sekunden einen ganzen Lebenslauf über mich schreiben.

Oh, die hat ihren Hund nicht im Griff.

Die braucht wohl mal Konsequenz.

Die müsste mal.

Die sollte mal.

Und ich werde dann innerlich sehr kreativ.

Ich stelle mir vor, ich laufe zurück und rufe ihnen hinterher: Entschuldigung, ich sehe gerade, Sie haben Ihre Seele nicht angeleint. Könnten Sie die bitte kurz zu sich nehmen. Die tut zwar nichts, aber sie springt Leuten ungefragt in die Privatsphäre.

Manchmal kommt auch der Bildungsauftrag.

Es gibt ja so was wie Hundeschulen.

Und ich bin jedes Mal wieder beeindruckt.

Echt.

So was gibt es.

Krass.

Wow.

Das ist ja toll.

Ich wusste nicht, dass mein Hund einfach nur einen Termin braucht, dann klickt er auf einmal auf Update und läuft ab da wie ein Schweizer Uhrwerk an anderen Hunden vorbei. Ohne Instinkt. Ohne Geschichte. Ohne Nervensystem. Einfach nur Software Patch.

Kommentarspalte in Wanderschuhen und der Maulkorb als Plot Twist

Vernünftige Schuhe an der Kreuzung

Ich habe mal beim Rennradfahren an einer Kreuzung den Hinweis bekommen, ich solle mir vernünftige Schuhe anschaffen.

Vernünftige Schuhe.

An einer Kreuzung.

Von einem Fremden.

Seitdem glaube ich, manche Menschen leben in einem inneren Livechat. Sie können nicht anders. Sie müssen kommentieren, sonst fühlen sie sich nicht existent.

Während wir da standen, stellte sich wieder diese absurde Logik ein, die ich inzwischen wie ein altes Lied mitsingen kann.

Der tut nichts.

Und ich sage inzwischen oft zurück, ganz freundlich, ganz ruhig, wie eine Durchsage im Zug, bevor es knallt: Meiner tut was.

Manchmal sage ich sogar: Meiner beißt.

Nicht weil ich drohen will. Sondern weil „bitte leinen Sie Ihren Hund an“ für manche Menschen offenbar ein Gedicht ist, das sie nicht verstehen. Aber „beißen“ ist ein Wort, das plötzlich jeder sprechen kann.

Würmer, Schulterzucken und das Wegwischen

Was mich müde macht, ist nicht mal die Unhöflichkeit.

Es ist diese Weigerung, zu antizipieren.

Zu verstehen, dass ein Hund nicht nur Hund ist, sondern Zustand. Tagesform. Erfahrung. Schmerz. Stress. Hunger. Hormone. Und ja, manchmal sogar Krankheit, die wir gar nicht sehen, weil Hunde Schmerzen oft nicht zeigen wie wir. Nicht mit Aua. Eher mit Anderssein.

Wenn ich sage: Bitte anleinen, er ist gerade grummelig, dann kommt ein Kommentar.

Wenn ich aus purer Verzweiflung sage: Er hat Würmer, bitte Abstand, dann kommt ein Schulterzucken.

Ach ja, haben ja alle irgendwie.

Nein.

Meine nicht.

Ich teste regelmäßig. Und wenn sie welche hätten, hätte ich längst gehandelt.

Aber das ist genau das Muster.

Dieses Wegwischen.

Dieses Ach komm, wird schon.

Bis es eben nicht wird.

Bis ein Hund, der nicht gefragt wurde, ob er gerade Nähe will, sehr deutlich zeigt, dass er keine will.

Und dann sind alle plötzlich überrascht, dass ein instinktgesteuertes Wesen Instinkt hat.

Maßanfertigung in „Bitte diskutieren Sie nicht

Ich habe jetzt einen Maulkorb.

Maßanfertigung.

Sieht so aus, als würde Flusen gleich eine Bank überfallen, obwohl er in Wahrheit nur gern in Ruhe schnüffeln würde, ohne dass ein fremder Hund ihm ins Gesicht springt.

Ich trainiere ihn gerade an.

Und ein Teil von mir freut sich auf den ersten Spaziergang damit.

Nicht weil ich Drama will.

Sondern weil ich neugierig bin, wie still die Kommentarspalte wird, wenn plötzlich ein Accessoire im Spiel ist, das „Bitte bleiben Sie auf Abstand“ schreit, ohne dass ich den Mund aufmachen muss.

Ich wette fast, es wird keine blöden Bemerkungen mehr geben.

Und wenn doch, dann werden es neue sein.

Oh Gott, ist der gefährlich.

Und ich werde wieder lächeln und denken: Ach, ihr Lieben.

Gefährlich ist nicht der Hund.

Gefährlich ist diese Überzeugung, dass die eigene Welt die einzige ist.

Wir sind zu dritt gegangen.

Drei Menschen, drei Hunde.

Ein kleines System, das funktioniert, wenn man ihm Raum gibt.

Und draußen, zwischen Wald und Wiese, läuft dieses andere System herum.

Das System aus Blicken, Urteilen, Sätzen, die so leicht gesagt sind wie „der tut nichts“, und so schwer wiegen können wie ein Stein im Magen.

Sonntag eben.

Schönes Wetter.

Und leider auch wieder offen: die Kommentarspalte.