Tag 64: Weniger Party, mehr Rahmen und meine Lichtlein im Meetingraum
Hundeschule und die große Keks Frage
Dopamin als Konfetti Kanone
Wieder Hundeschule. Wieder Sitz, Platz, Leinenführigkeit. Wieder diese zwei Optionen, die sich anfühlen wie zwei Religionen.
Mit Keks.
Ohne Keks.
Und dann dieser Hinweis, der mir das ganze Thema einmal unter die Haut schiebt: Leckerli sind bei Aussies manchmal kein Werkzeug, sondern ein Raketenbooster. Dopamin hoch, Erwartung hoch, Erregung hoch. Sitz wird dann nicht zum Ruheort, sondern zur Startrampe. Platz wird zur gespannter Feder. Außen brav, innen Silvester.
Also übe ich ohne Leckerli. Nur über Rahmen, soziale Ansprache, Körpersprache.
Klappt okay.
Noch Luft nach oben.
Aber es fühlt sich an wie das, was ich eigentlich will: weniger Zuckervertrag, mehr Klarheit. Nicht „Wenn du tust, dann kriegst du“, sondern „So ist hier das Klima“.
Flusen im Arbeitsmodus, bitte nicht anfassen
Bei Flusen ist das ein Riesenthema. Er kann nicht mischen. Training ist bei ihm ein eigener Raum, mit Schild an der Tür: Bitte nicht stören, Gehirn kompiliert.
Streicheln ist dann nicht Liebe, sondern ein Pop up Fenster, das mitten in der Konzentration aufspringt. Er hasst es, wird sauer, geht weg, als hätte ich ihm mitten im Satz das Mikro aus der Hand genommen. Flusen ist in solchen Momenten nicht Hund, er ist Projekt. Und ich bin die, die ständig versucht, während des Projekts noch kurz eine Umarmung einzubauen.
Was habe ich nicht alles mit diesem Hund trainiert. Wie viele Ausbildungen wir zusammen gemacht haben. Flusen ist mein wandelndes Curriculum und manchmal auch mein persönlicher Beweis dafür, dass man sich mit genug Fleiß ein ganzes Nervensystem antrainieren kann.
Setzen, sechs für mein Lob
Ich rufe. Er kommt. Ich mache eine Gala.
Die Stunde war gut. Flusen hat super mitgearbeitet. Dann sollte ich ihn einmal zu mir rufen.
Er kommt.
Und in mir geht die Bühne auf. Scheinwerfer an, Orchester stimmt ein, ich werfe Rosen, als hätte er gerade die Welt gerettet und nicht einfach nur… seinen Namen ernst genommen.
Und dann die Trainerin, trocken wie ein Keks, der seit Dienstag in der Jackentasche wohnt: Setzen, sechs. Dass er zu dir kommt, ist normal. Kein Grund zur Freude. Ein bisschen mehr Arroganz bitte.
Arroganz.
Ich.
Ich musste kurz lachen, weil ich mich in dem Moment gefühlt habe wie jemand, der gebeten wird, bitte weniger Mensch zu sein. Und ich erinnere mich daran, wie in der anderen Hundeschule mal jemand sagte, sie fände es beeindruckend, wie oft ich lache und mich freue.
Ja.
Weil ich es meine.
Und gleichzeitig merke ich: Bei Flusen ist dieses „Gala für Normalität“ wahrscheinlich genau das, was ihn wieder hochzieht. Es macht aus einem klaren Rahmen ein emotionales Glücksspiel. Heute Konfetti, morgen Enttäuschung. Ein Jo Jo aus Begeisterung und Frust.
Mein Nervensystem kann Standing Ovations oder Buh Rufe
Und da steht dann meine eigene Macke ganz nackt in der Mitte.
Ich bin viel zu begeistert über Mini Dinge.
Und gleichzeitig viel zu frustriert über Mini Dinge.
Mein inneres Theater kennt selten den Mittelton. Entweder jubelt es, als wäre es ein Endspiel, oder es zieht die Vorhänge zu, als wäre alles verloren. Und Flusen guckt mich manchmal an, als wüsste er: Ah ja. Sie hat wieder Premiere.
Von der Leine ins Büro
Lichtlein statt Leuchtreklame
Der Transfer kommt von selbst, weil ich im Job ähnlich ticke.
Ich lobe schnell. Oft. Über Kleinigkeiten. Nicht strategisch, eher reflexartig. So als hätte mein Mund einen Bewegungsmelder eingebaut: Sobald jemand etwas Gutes tut, geht bei mir das Licht an.
Mein Mentor hat mal gesagt: Du zündest bei jedem ein Lichtlein an.
Das ist ein schönes Bild. Und es stimmt. Ich sehe im Gegenüber etwas und sage es. Ich halte es hoch wie eine kleine Kerze in einem Raum, in dem sonst oft nur Neonlicht flackert.
Nur ist mein Lichtlein manchmal so großzügig, dass es wirkt, als würde ich jede normale Höflichkeit feiern, als hätte jemand gerade einen Waldbrand gelöscht. Und dann wundere ich mich, warum alle so schnell erwarten, dass ich wieder klatsche. Man erzieht sich sein eigenes Publikum.
Seifenblasen mit Megafon
Und dann gibt es die Kollegen, die in jedem Gespräch mindestens dreimal sagen, wie genial sie sind. Wie unverzichtbar. Wie eigentlich nur sie gute Arbeit leisten.
Seifenblasen mit Megafon.
Groß.
Glänzend.
Laut.
Und ja, die haben Rollen, Positionen, Standing, Geld. Weil Lautstärke in manchen Räumen wie ein Aufzug ist. Du steigst ein, drückst auf „oben“ und alle denken: Aha, der gehört da hin.
Oben ankommen ist dabei manchmal nicht der Beweis von Tiefe, sondern nur von Schall.
Und wenn ich ehrlich bin, trifft mich das. Nicht weil ich auch so reden will. Sondern weil ich merke, wie sehr ich manchmal in der Gegenbewegung lande. Ich verteile Lob, als würde ich mich damit unsichtbar machen. Als würde ich sagen: Schaut bitte alle dort hin, ich bin hier nur die Technik.
Wohin ich schaue, werde ich
Nicht Kritikerin werden, nicht Clown bleiben
Epiktet hat diesen Satz, der mir heute wie ein Post it im Kopf klebt: Wohin du deine Aufmerksamkeit richtest, bestimmt, wer du wirst.
Und ich richte sie gerade zu oft auf das, was noch nicht gut ist. Beim Hund. Bei mir. Im Job. Dann werde ich genau das: die, die nie satt wird. Die, die immer noch einen Mangel findet, auch wenn der Tag eigentlich ein Geschenk war.
Und ich will auch nicht das andere Extrem sein. Nicht die, die aus Normalität eine Dauerparty macht, bis niemand mehr weiß, was eigentlich wirklich groß war.
Vielleicht ist das die Übung.
Weniger Konfetti.
Mehr Rahmen.
Mehr Mittelton.
Zwei Hunde, größtes Glück, und ich mittendrin
Und ich will mich wieder öfter daran erinnern, was ich nie bereut habe, trotz aller Prophezeiungen: dass wir zwei Hunde haben. Das war das größte Glück.
Vielleicht ist das hier alles derselbe Unterricht, nur in verschiedenen Klassenzimmern.
Hundeschule.
Büro.
Und ich. Selbstverständlich. Wie ein Licht, das nicht blinkt, sondern einfach bleibt.