Tag 63: Darf ich auf einen Hund wütend sein
Der Spaziergang, der kurz perfekt war
Frieden auf vier Pfoten
Es war einer dieser Spaziergänge, bei denen ich kurz dachte: Ach. So fühlt sich Frieden an.
Enjah und Flusen frei. Sie schnüffeln am Rand, warten auf uns, wenn wir zu langsam sind, schnüffeln an denselben Stellen, als hätten sie einen gemeinsamen Terminkalender mit „Geruch des Tages“ eingetragen. Alles leicht. Alles rund. Sogar ein bisschen Spiel, dieses kleine Funkeln zwischen ihnen, das aussieht wie: Wir sind jetzt einfach mal nett.
Zacki, Jackpot, Pavlov
Und dann läuft Flusen weg.
Nicht so ein paar Meter. Nicht so ein „ich guck mal kurz“.
Er läuft über das Feld, als hätte jemand in ihm einen Schalter umgelegt von Familienhund auf Wildfilm. Enjah hinterher.
Ich rufe unser Abrufwort.
Zacki.
Dieses Wort ist bei uns nicht einfach ein Wort. Es ist ein Versprechen. Ein Jackpot. Ein pavlovscher Liebesbrief. Flusen hat es über drei Jahre täglich gehört, mindestens einmal. So oft, dass er normalerweise schon speichelnd ankommt, als hätte sein Körper den Jackpot längst vorab bestellt.
Enjah kommt.
Flusen nicht.
Wenn Sorge zur Wut wird
Landstraße im Kopfkino
Er läuft weiter, hinter Vögeln her, und in meinem Kopf zieht plötzlich ein Bild auf, das viel lauter ist als der ganze Spaziergang. Eine Landstraße, gut befahren, ungefähr einen Kilometer entfernt. Wir stehen auf einem kleinen Hügel und sehen sie. Sehen irgendwann ihn. Auf der anderen Seite.
Und ich spüre, wie in mir etwas nach oben schießt.
Nicht elegant.
Eher wie eine Rakete aus Sorge.
Er läuft sogar zweimal rüber. Und ich sehe schon alles, was hätte passieren können, wie eine Reihe von Fotos, die man nicht sehen will.
Irgendwann kommt er zurück. In einem riesigen Bogen, als wäre das alles ganz normal. Als hätte er eben kurz ein wichtiges Meeting gehabt.
Ich nehme ihn wortlos an die Leine.
Und ich bin wütend.
So unfassbar wütend.
Gefühl plus Urteil
Und dann kommt diese Frage, die ich an solchen Tagen hasse, weil sie so klug klingt und gleichzeitig so menschlich ist:
Darf ich auf einen Hund wütend sein.
In der Gewaltfreien Kommunikation gilt Wut nicht als Primärgefühl. Wut ist eher so ein Mischgetränk. Ein Gefühl plus ein Urteil. Meistens kippt da ein unterfülltes Bedürfnis rein: Sicherheit. Kontrolle. Verlässlichkeit. Und oft hängen auch alte biografische Fäden dran, die sich in Momenten wie diesen plötzlich straff ziehen.
Wenn ich ehrlich bin, war mein Primärgefühl Sorge.
Pures, nacktes, kaltes Sorgen.
Und dann kam das Urteil.
Projektion, Autonomie und das alte Bedürfnis
Ich war eigentlich wütend auf mich
Weil ich ein Bauchgefühl hatte, kurz vorher. Dieses leise „hm… vielleicht doch anleinen“. Und dann kam meine andere Stimme, die gern so tut, als sei sie entspannt und souverän: Quatsch. Läuft doch perfekt.
Und jetzt, im Nachhinein, stand ich da mit dieser Szene auf der Straße und dachte: Siehst du. Siehst du.
Wut war plötzlich wie ein Finger, der irgendwohin zeigen musste.
Und weil es einfacher ist, wütend auf Flusen zu sein als auf mich, habe ich die Wut erst mal auf ihn gelegt. Wie ein zu schwerer Mantel, den ich jemand anderem umhänge, weil ich ihn selber nicht tragen will.
Der gleiche Film bei meinem Vater
Und dann merke ich, wie ähnlich sich meine Wut anfühlt, wenn ich an meinen Vater denke. Der bei Glatteis raus muss, um zu prüfen, ob es wirklich so glatt ist, wie ich sage. Als würde meine Wahrnehmung erst gültig, wenn er sie mit seinen eigenen Knochen bestätigt.
Ich sehe ihn dann schon fallen. Und ich werde wütend, weil er es trotzdem macht. Weil seine Autonomie so extrem ist, dass sie sich manchmal wie Lebensmüdigkeit anfühlt. Und ja, auch das ist wieder: Sorge plus Urteil.
Bleib
Vielleicht ist die ehrlichere Frage nicht: Darf ich wütend sein.
Sondern: Was brauche ich, wenn ich so wütend bin.
Mehr Sicherheit. Mehr Training. Mehr Demut vor meinem Bauchgefühl. Weniger Idealismus, dass Liebe bedeutet, dass nichts passieren darf.
Ich habe heute einen Hund gerufen, der nicht kam.
Und ich habe eine Wut gespürt, die sich anfühlte wie ein Schrei: Bleib.
Vielleicht ist Wut manchmal nur Sorge, die keine andere Sprache findet.