Tag 61: Herabschauender Hund, heraufschauendes Ego
Morgenyoga für Fortgeschrittene
Flusen faltet den Himmel
Flusen macht morgens diesen Stretch, als würde er den Himmel auf links drehen. Vorderpfoten nach vorn, Hinterteil hoch, Rücken lang, dann dieses Ausatmen wie ein kleiner Motor, der endlich rund läuft.
Enjah macht das Gleiche, nur in der Welpen Version. Nicht Dehnung, eher ein dramatisches Bühnenbild. Sie klappt sich auf wie ein Taschentuch im Sturm und guckt dabei so, als hätte sie Yoga erfunden und ich wäre die, die es falsch schreibt.
Achtsamkeits Bla Bla und mein innerer Laserpointer
Duftkerze trifft PowerPoint
Achtsamkeit ist für mich dieses Wort, das klingt wie eine Duftkerze, die dir ungefragt ins Leben rollt. Dann sollst du „einfach nur atmen“ und mein Gehirn startet eine PowerPoint über alles, was schiefgehen könnte. Mit Animationen. Und Laserpointer. Und jemandem in mir, der ernsthaft fragt, ob wir dazu nicht gleich noch einen Maßnahmenplan machen.
Ich bin nicht der Lotussitz Typ. Ich bin der Yoga in Bewegung Typ. Langsam, konzentriert, so präzise, dass mein Kopf kurz nicht mehr nebenbei die Welt rettet. Das ist mein Trick: Ich schalte meinen Geist nicht aus, ich beschäftige ihn wie ein Kleinkind mit einem Schraubenzieher Set.
Und manchmal wird es still in mir. So wie in einem Bahnhof, wenn plötzlich alle Züge ausfallen und niemand mehr weiß, wohin mit seinem Tempo.
Open Mindset, Closed Mindset und die Baustelle im Kopf
Türen auf, Türen zu, Wege im Gehirn
Dann kommt dieses Mindset Ding. Closed mindset ist die innere Tür, die zufällt und sagt: So bin ich halt. Ende der Durchsage. Open mindset ist die Tür, die knarzt, aber aufgeht: Vielleicht kann ich das lernen. Vielleicht bin ich noch nicht da, aber ich könnte es werden.
Und Neuroplastizität ist im Grunde der Bauarbeitertrupp dahinter. Je öfter ich eine Spur laufe, desto breiter wird sie. Der Katastrophen Express in meinem Kopf fährt nicht, weil er so schön ist, sondern weil ich ihn so oft genommen habe. Achtsamkeit ist dann dieses winzige Umleitungsschild: Ach guck. Wir sind schon wieder auf Gleis Panik. Wollen wir heute mal Gleis Atmen probieren.
Warum Hunde das alles nicht brauchen
Und die Hunde. Die stehen daneben, machen ihren Herabschauenden Hund, schütteln sich einmal durch und sind fertig mit dem Thema Bewusstsein. Kein Meta Programm, kein innerer Podcast, kein „spannend, dass ich gerade denke“. Die sind nicht Zen. Die sind einfach Hund. CSI Wildwiese statt Meditation, Rücken gut statt Selbstoptimierung.
Und am Ende ist es vielleicht wirklich egal, ob ich das sauber definiere oder ob mein Open Mindset heute glänzt. Hauptsache, es geht einem gut. Hauptsache, der innere Bahnhof ist manchmal kurz leise.
Vielleicht ist das hier gar kein Achtsamkeitstext, sondern nur ein sehr langer Versuch, mir einzureden, dass ich nicht einfach neidisch bin, weil Flusen jeden Morgen erleuchtet aussieht und ich beim Zähneputzen schon eine PowerPoint halte.