Tag 60: Die Ruhe ist verdächtig

Krimi ohne Leiche

Ich werde zur Ermittlerin in meinem eigenen Wohnzimmer

Es war ein normaler Tag.

Beide lieb.

Nichts Besonderes.

Und mein Gehirn hat sofort die gelbe Absperrband Rolle aus der Schublade gezogen. So innerlich. Es hat sie quer durchs Wohnzimmer gespannt und leise geflüstert: Hier stimmt was nicht.

Ich saß da und beobachtete zwei Hunde, die einfach nur… existierten. Atmen. Blinzeln. Rumliegen wie zwei zufriedene Sofakissen mit Puls.

Und ich dachte: Das ist zu ruhig.

Das ist keine Entspannung.

Das ist die Ruhe vor dem Sturm.

Das ist die Szene im Film, in der alle kurz lachen, bevor gleich irgendwer durch die Tür bricht.

Frieden fühlt sich für mich manchmal an wie ein Tippfehler

Diese Stille hatte etwas Unanständiges. Als hätte jemand im System die Alarmanlage aus Versehen ausgeschaltet und jetzt merkt man erst, wie laut es sonst immer ist.

Ich habe wirklich nach der Katastrophe gesucht.

Nicht weil ich sie wollte.

Sondern weil mein Nervensystem sie erwartet wie andere Leute den Wetterbericht.

„Heiter bis dramatisch.“

Das Personal im Kopf übernimmt

Mein innerer Projektmanager fängt an, Dinge zu erfinden

Und weil nichts passierte, musste irgendwer die Verantwortung übernehmen.

Also ich.

Beziehungsweise diese Version von mir, die bei Ruhe sofort in den Modus „Fehlersuche“ kippt, als wäre Frieden ein Bug.

Ich saß da und machte Inventur.

Ist Enjah zu still.

Ist Flusen zu entspannt.

Hat jemand irgendwo eine Socke gefressen.

Warum liegt da kein Chaos, wenn doch eigentlich immer irgendwo Chaos liegt.

Ich war kurz davor, die Hunde auf Updates zu prüfen.

„Bitte einmal neu starten, ich glaube, ihr hängt.“

Sicherheitskonzepte für eine Katastrophe, die sich nicht blicken lässt

Ich habe mental Kabel gesichert, die niemand angeknabbert hat.

Ich habe die Wohnung gescannt wie ein Flughafensicherheitsdienst, nur ohne Uniform, dafür mit Augenringen und dem festen Glauben, dass gleich etwas passiert, weil es zu schön ist, um echt zu sein.

Dabei war das einzige Geräusch… das Geräusch von nichts.

Dieses große, weiche Nichts.

So still, dass ich meine eigenen Gedanken beim Laufen hören konnte, wie Schritte in einer leeren Tiefgarage.

Die Hunde machen einfach weiter

Zwei Wesen mit „Heute ist frei“ im Blick

Und die beiden.

Die lagen.

Als hätten sie sich abgesprochen.

Als wären sie eine kleine Sekte der Gelassenheit.

Enjah mit diesem Welpen Gesicht, das sonst ständig irgendwo rein möchte, und heute so: Nein danke, ich bin ein Kissen.

Flusen mit dieser würdevollen Ruhe, die sagt: Ich könnte auch Theater, aber heute ist Ruhetag. Bitte respektieren Sie die Öffnungszeiten.

Ich habe sie angestarrt wie Menschen ein Lagerfeuer anstarren.

Fasziniert.

Etwas beleidigt.

Weil ich im Grunde dachte: Und was mache ich jetzt mit all meiner Bereitschaft.

Ich werde nervös von Frieden und das ist irgendwie… komisch

Normalerweise bin ich die, die sagt: Ich wünsche mir Ruhe.

Und wenn sie dann da ist, stehe ich davor wie vor einem teuren Geschenk und frage: Ist das wirklich für mich.

Ob da nicht ein Haken dran ist.

Ob man dafür irgendwo unterschreiben muss.

Ob es später eine Rechnung gibt.

Ich war kurz versucht, selbst etwas zu provozieren.

Nur ein kleines bisschen.

So ein winziger Plot, damit ich mich wieder auskenne.

Vielleicht lasse ich einfach demonstrativ einen Topf fallen.

Oder ich rufe aus dem Nichts „NEIN“, einfach um zu testen, ob alle noch reagieren.

Ich habe es natürlich nicht gemacht.

Ich bin ja erwachsen.

Also saß ich einfach da.

Mit meinem inneren Absperrband.

Mit meiner Taschenlampe.

Und mit zwei Hunden, die mich ignorierten, weil sie gerade damit beschäftigt waren, mir zu zeigen, wie Frieden aussieht.

Und ich… warte immer noch ein bisschen darauf, dass gleich jemand durch die Tür bricht.

Nur damit ich sagen kann: Aha.

Hab ich doch gewusst.