Tag 59: Vier Uhr morgens und mein innerer Boxenstopp

Flusen übernimmt den Frühdienst

Montag.

Puh, diese Montage.

Flusen war wieder um vier wach. Vor Enjah. Natürlich. Der Frühdienst im Haus ist offenbar fest an ihn vergeben. Wir konnten beide bis 4:30 Uhr ruhig halten, dann aufstehen. War ok. Ich meine, wenn man es romantisch sehen will, ist das ja fast eine Art stilles Morgengebet. Nur dass mein Gott „Kaffee“ heißt und mein Altar aus Leine, Jacke und dieser einen Socke besteht, die immer fehlt.

Fünf Kilometer und ein Codierkonzept später

Dadurch bekomme ich morgens natürlich sehr viel geschafft. Das ist der einzige Trost, den ich mir um vier Uhr selber glaubhaft verkaufen kann.

Wie immer fünf Kilometer mit Flusen. Dann schnell duschen, als wäre ich ein Formel 1 Boxenstopp. Und ich habe sogar eine Stunde was für die Uni machen können. Codierkonzept erstellt. Puh. Ich muss echt mal weiter kommen. Ich wollte eigentlich schon bei der Masterthesis sein, aber mein aktueller Stand ist eher: Ich bin noch im Vorspiel mit dem Inhaltsverzeichnis und tue so, als sei das schon Wissenschaft.

Der Tag, an dem der Kalender regierte

Meetings von 8:30 bis 17 Uhr

Dann war heute ein Tag nur mit Meetings. Ab 8:30 Uhr bis 17 Uhr. Mittags hatte ich tatsächlich eine Stunde Luft, so eine Art kleines Atemloch, das man sofort wieder mit Verantwortung zustopft, weil man es nicht aushält, wenn es kurz ruhig ist.

Fremde Männer im Garten und erstaunlich brave Hunde

Zusätzlich hatten wir Handwerker im Haus. Laut. Stress. Fremde Männer in unserem Garten. Krass.

Flusen und Enjah konnten aus dem Fenster gucken und beobachten, wie Leute Dinge tun, die nicht zu unserem System gehören. Das ist für Hunde ungefähr so wie für mich, wenn plötzlich jemand in meiner Küche steht und anfängt, an meinem Nervensystem herumzuschrauben.

Und trotzdem waren sie erstaunlich lieb.

Ich war fast misstrauisch. So lieb wie: Entweder passiert gleich was. Oder sie haben eine geheime Gewerkschaft gegründet und verhandeln gerade intern, ob heute Streik ist oder Kooperation.

Die gestresste Dagmar Aura als Trainingsmethode

Drei Kilometer nebeneinander, weil heute keiner sterben wollte

Mittags bin ich dann mit beiden raus.

Ich hatte keine Zeit, Enjah danach noch einzeln zu bespaßen, also dachte ich: Gut. Dann machen wir es jetzt halt so. Beide zusammen. Enjah an der kurzen Leine, weil überall Hasen und Rehe auf unserem Weg kreuzten, als hätten sie eine kleine Parade angemeldet. Flusen an der langen Schleppleine. Mein persönlicher Sicherheitsabstand in Nylon.

Und ich war maximal gestresst.

So gestresst, dass ich eine Aura hatte.

Nicht diese sanfte „Namaste“ Aura.

Mehr so eine „Ich rette gerade die Welt, bitte atmet leise“ Aura.

Man hätte sie sehen können. Wie eine dunkle Wolke aus To do Listen, die über mir schwebt und gelegentlich Blitze in Form von gereiztem Tonfall abfeuert.

Und genau das war der Punkt.

Beide haben es sofort gemerkt.

Dieses klare: Okay, heute ist nicht der Tag, um den Bogen zu überspannen.

Sie sind das erste Mal über drei Kilometer nebeneinander an der Leine gegangen. Nebeneinander. Wie ein vernünftiges Team. Wie zwei Hunde, die in der Lage sind, eine gemeinsame Firmenphilosophie zu unterschreiben.

Normalerweise ärgert Enjah irgendwann Flusen. Sie rennt in ihn rein, testet, schubst, stichelt, macht so Welpendinge, die aussehen wie: Ich liebe dich, ich will in dich reinbeißen, ich will wissen, ob du explodierst.

Heute nicht.

Ich habe ihr ein paar Mal signalisiert, dass heute nicht mit mir zu spaßen ist. Und sie hat es verstanden. Sie ging größtenteils an lockerer Leine, als hätte sie plötzlich eine innere Assistentin eingestellt.

Flusen dann auch. Irgendwann.

Und ich stand da mit dieser absurden Mischung aus Stolz und Selbstkritik.

Weil ich dachte: Aha. Wenn ich gestresst genug bin, benehmen sich alle.

Das ist jetzt nicht die Erziehungsmethode, die ich auf Tassen drucken wollte.

Aber es ist faszinierend. Was alles funktioniert, wenn es funktionieren muss.

Drei Stunden Tiefschlaf und mein kleiner Perspektivwechsel

Zurück haben dann beide was bekommen. Enjah bekommt ja noch drei Mahlzeiten und Flusen dann auch immer eine Kleinigkeit und dann haben beide drei Stunden geschlafen, tief und fest. Enjah hat dreimal den Platz gewechselt, aber mehr auch nicht, totmüde war sie, ich konnte dementsprechend hervorragend die Meetings durchziehen und habe teilweise sogar vergessen, dass sie im Raum ist und immer die Gefahr besteht, dass sie das ein oder andere Kabel anknabbert. Hat sie nicht.

Und dann kam mir zwischendrin dieser Gedanke, der immer kommt, wenn ich kurz still werde.

Ich musste heute mal wieder die Welt retten.

Meetings. Konzentration. Wichtig. Dringend. Kalender. Headset.

Und gleichzeitig: Wie unwichtig ist das eigentlich.

So what, ob ich in einem Meeting konzentrierter bin oder nicht. Ob ich eine gute Formulierung finde oder nicht. Ob ich die richtige Folie teile oder fünf Sekunden zu spät reagiere.

Für diese zwei Wesen bin ich alles.

Ich bin ihr Universum.

Ich bin der Planet, auf dem sie laufen. Ich bin der Himmel, unter dem sie schlafen. Ich bin die Hand, die entscheidet, ob der Tag spannend wird oder langweilig. Ob sie lachen, rennen, schnuppern, lernen. Oder ob sie nur warten, bis ich wieder aus meinem Bildschirm auftauche.

Mein Ton war gereizter heute, ja.

Auch das darf mal sein.

Ich bin kein Wellnesshotel. Ich bin eher ein Betrieb mit wechselnder Auslastung. Und manchmal, an Montagen, läuft die Kaffeemaschine heiß und die Geduld auf Sparflamme.

Aber vielleicht war das auch ein kleines Zeichen.

Dass die beiden genau wissen, wann sie besser nicht weiter testen.

Dass sie nicht nur Chaos sind, sondern auch fein. Dass sie merken, wann es eng wird. Und dass sie dann, ganz still, einen Schritt zurück machen.

Als würden sie sagen: Wir sehen dich.

Und ich sitze am Ende dieses Montags da und denke: Vielleicht ist das die eigentliche Arbeit.

Nicht die Meetings.

Nicht die Uni.

Sondern diese Kunst, im Alltag nicht zu vergessen, dass hier zwei kleine Lebewesen sind, für die mein gestresstes Ich nicht „nur gestresst“ ist, sondern das Wetter. Die Weltlage. Das ganze Universum.

Und morgen, wenn ich wieder denke, ich muss die Welt retten, werde ich vielleicht kurz aus dem Fenster gucken.

Da stehen dann wieder Hasen.

Und Rehe.

Und zwei Hunde, die mich anschauen, als wäre ich die wichtigste Sache, die je passiert ist.

Und ich werde mich wahrscheinlich wieder für das Meeting entscheiden.

Aber vielleicht mit einem kleinen, leisen Lächeln.

So eines, das sagt: Ich weiß schon. Eigentlich seid ihr das Wunder und auch meine ganze Welt. Zumidnest die, die wirklich wichtig für mich ist.