Tag 56 und 57
160 Kilometer für 45 Minuten Selbstbildkorrektur
Wie ich das Wort „kombinieren“ missbrauche
Wer fährt 160 Kilometer für 45 Minuten Hundeschule.
Ich.
Ich sage das so, als wäre es eine ganz normale Sache, die normale Menschen tun, so wie Brot kaufen oder Zähne putzen. Dabei ist es eher so, als würde ich für eine Viertelstunde Wahrheit einmal quer durch ein kleines Bundesland pilgern.
Wir haben es natürlich schöngerechnet.
Wir kombinieren.
Also 90 Minuten.
45 Minuten Enjah, 45 Minuten Flusen.
So klingt es weniger nach Wahnsinn und mehr nach einem ausgeklügelten Bildungsauftrag für unser Familiensystem.
Nebenbühne mit Hauptrollen
Die Expertin vom Bootcamp bietet nämlich auch ganz normale Hundeschule an. Ganz normal heißt in diesem Fall: nicht normal. Sondern eher wie die kleine Nebenbühne eines großen Theaters, auf der trotzdem die entscheidenden Szenen gespielt werden.
Wir haben beschlossen, das ein paar Wochen zu machen. Mal schauen, ob wir vor allem Flusens Themen damit weiter aufdröseln können. Enjah geht jetzt mittwochs und samstags. Ich gehe praktisch auch mit. Nur dass ich dabei nicht sitze und zuschaue, sondern permanent innerlich neu sortiert werde.
Enjah ohne Keks
Zuckerguss trifft Holzhammer
Das erste, was mich getroffen hat, war die Methode.
Ich habe keinen einzigen Keks gegeben.
Keinen.
Nicht mal so einen winzigen Krümel.
Ich stand da mit meinen Leckerlibeuteln im Herzen und fühlte mich plötzlich nackt. In der anderen Hundeschule arbeiten wir viel mit Konditionierung, Keksen, Lob, diesem warmen „Ja fein“, das sich wie Zuckerwatte über alles legt.
Hier: soziale Ansprache, Körpersprache, Leine.
Mehr Holzhammer als Zuckerguss.
Und es war faszinierend, wie schnell mein Gehirn anfing, Vergleiche zu bauen, wie ein schlecht programmierter Algorithmus mit Bindungsangst.
Das kleine Schulkind in mir meldet sich
Enjah durfte dreimal frei laufen. Und wieder war sie eher zurückhaltend. Sie ist keine, die in eine Gruppe reinrauscht wie eine Konfettikanone. Sie steht eher am Rand und scannt. Wie ein kleiner Bodyguard, der noch nicht weiß, wen er eigentlich beschützen soll.
Einmal wurde sie bedrängt und mir rutschte raus: „Ist nicht schlimm.“
Und dann kam der Rüffel der Trainerin.
Niemals Mitleid. Nicht reden. Die anderen zur Seite packen. Alles andere bestärkt nur Unsicherheit.
Sie war nicht die Bootcamp Expertin, sondern eine andere Trainerin. Barscher. Krasser. So eine Stimme, bei der mein inneres Schulkind sofort den Rücken gerade macht und gleichzeitig denkt: Mist, ich hab schon wieder falsch geatmet.
Ich stand da und hatte diesen absurden Moment, in dem ich mich saublöd fühlte, weil ich empathisch mit meinem Hund gesprochen habe. Als hätte ich gerade im Matheunterricht „fühl dich gedrückt“ gesagt.
Flusen auf der Obstwiese
Sicherheitsrat der Duftflaggen
Dann kam die zweite Stunde.
Flusen.
Und ich sage es, wie es ist: wow.
Herausfordernd.
Beim Freilauf durfte er nicht mitlaufen, weil nicht klar ist, ob er im Zweifel beißen würde. Ich glaube es nicht. Aber ich kann es nicht garantieren. Und ohne Maulkorb ist das kein „wir probieren mal“. Das ist eher russisches Roulette, nur dass am Ende jemand Blut auf der Obstwiese hat.
Und ehrlich gesagt habe ich, während ich die anderen Hunde beim Freilauf beobachtet habe, schon gedacht: Och. Eigentlich reicht das doch schon als Training.
Er hat es geschafft, zuzugucken, ohne auszurasten.
Er ist sogar neben mir sitzen geblieben.
Er saß da wie ein kleiner Zen Meister mit flauschigem Nervensystem und hat die laufenden Hunde beobachtet, als würde er sagen: Ich könnte jetzt. Mache ich aber nicht. Gern geschehen.
Ich war so beeindruckt, dass ich innerlich schon den Heimweg angetreten habe.
So ein leises: Wir haben alles gesehen, wir haben alles gelernt, wir fahren jetzt nach Hause, bevor das Universum merkt, dass es uns gerade gut geht.
Und dann merkte ich, was eigentlich los war.
Nicht Flusen war der Grund, warum ich dachte, es reicht.
Ich war der Grund.
Ich hatte einen Heidenrespekt vor diesen zwanzig unterschiedlichen Hunden in jeder Größe, Form und Temperamentsrichtung. Zwanzig Hunde klingt niedlich, bis man daneben steht und merkt, dass zwanzig Hunde sich anfühlen wie eine Sitzung des Sicherheitsrates, nur dass alle Delegierten eine eigene Duftflagge mitbringen und keiner sich an die Tagesordnung hält.
In meinem Kopf waren das nicht zwanzig Hunde.
Das waren zwanzig Möglichkeiten, wie es schiefgehen könnte.
Und ich war kurz sehr nah dran, die klassische Feiglings Lösung zu wählen: freundlich lächeln, irgendwas murmeln von „wir müssen noch schnell“, und dann in Zeitlupe Richtung Parkplatz verschwinden, so unauffällig wie ein Elefant mit Quietschspielzeug.
Aber Flusen saß da.
Ruhig.
Neben mir.
Und ich hatte plötzlich dieses unangenehme Gefühl, das nur entsteht, wenn der Hund mutiger wirkt als ich.
Flusen hat es unfassbar gut gemacht.
Er war angespannt, ja. Seine Rute hat ihn verraten. Dieses kleine Zittern im Hinterkopf des Körpers, diese feine Linie zwischen „ich schaffe das“ und „ich könnte auch komplett ausrasten, nur um sicherzugehen“.
Diplomat mit Muskelkater
Aber er war Musterschüler.
Leinenführigkeit wie aus dem Bilderbuch. Sitz und Platz, während die anderen, zum Glück an der Leine, direkt an ihm vorbei laufen durften. Er blieb sitzen, sogar als ich mich entfernt habe.
Ich war so stolz, dass ich kurz überlegte, ob ich ihm ein Zeugnis drucke.
Sehr gut in Selbstkontrolle.
Sehr gut in Impulskontrolle.
Befriedigend in innerer Ruhe, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein.
Und während ich da stand, kam mir ein Gedanke aus der Menschenwelt, der mich überrascht hat.
Diese zwei Hundeschulen sind wie zwei Führungsstile.
Die eine arbeitet über Motivation und Belohnung. Du willst etwas, du bekommst etwas. Das ist freundlich, transparent, weich. Es baut Verhalten auf wie ein Bonusprogramm. Sammle Punkte, bekomme Kekse.
Die andere arbeitet über Rahmen und soziale Ordnung. Du musst nichts bekommen, um zu folgen. Du folgst, weil der Rahmen klar ist. Weil Beziehung auch Grenze ist. Weil es eine Form gibt, in der du sicher bist.
Und ich merke, wie ich mein Leben lang eher die erste Art war.
Ich bin die, die mit Keksen führt.
Mit Freundlichkeit, Erklären, Verständnis, einem kleinen inneren Leckerli Beutel, aus dem ich ständig „Du machst das gut“ verteile, auch an Erwachsene, auch an mich selbst, auch an Menschen, die mich gerade geschnitten haben.
Und jetzt stehe ich da mit Flusen und sehe: Manche Systeme brauchen nicht mehr Belohnung, sondern mehr Klarheit. Nicht mehr Zucker, sondern mehr Form.
Nicht härter.
Nur eindeutiger.
So wie in Teams, in denen alle nett sind, aber keiner entscheidet. Da wird es irgendwann unruhig, passiv aggressiv, chaotisch. Nicht weil jemand böse ist, sondern weil der Rahmen fehlt, an dem sich alle orientieren können. Und dann übernimmt irgendwer. Meistens der Lauteste. Oder der, der am meisten Angst hat, dass alles kippt.
Flusen übernimmt manchmal genau so.
Nicht weil er Chef sein will.
Sondern weil er nicht erträgt, dass niemand Chef ist.
Und wenn ich das auf die Obstwiese übertrage, sehe ich ihn plötzlich wie einen Manager, der eigentlich introvertiert ist, aber trotzdem jede Krise moderieren muss, weil sonst alle durcheinander reden. Ein stiller Mensch in einer zu lauten Rolle. Und dann kommt der Muskelkater.
Weil Selbstkontrolle Energie frisst.
Weil höflich sein Arbeit ist.
Weil nicht ausrasten manchmal mehr Kraft kostet als ein Marathon.
Und vielleicht ist das der Punkt, der mich gerade am meisten tröstet.
Dass Flusen nicht „komisch“ ist, wenn er danach dicht macht.
Dass er vielleicht einfach nur… erschöpft ist vom Funktionieren.
Ich fahre also 160 Kilometer für 45 Minuten Hundeschule.
Und komme zurück mit einem Hund, der auf einer Obstwiese zwischen zwanzig Delegierten sitzt wie ein braver Diplomat.
Und mit mir, die langsam begreift, dass das eigentliche Training nicht im Sitz und Platz liegt.
Sondern in der Frage, wie viel Rahmen ich geben kann, ohne mich zu versteifen.