Tag 55
oder: wie sich ein Buttermesser wieder wie Flusen anfühlte
Am Abend war Flusen schon wieder ein bisschen zugänglicher.
So nicht direkt „alles ist gut“, eher dieses vorsichtige Auftauen, als würde jemand nach einem heftigen Streit kurz in die Küche kommen, sich ein Glas Wasser nehmen und so tun, als wäre das alles nicht passiert. Ein Blick. Ein kleines Näherkommen. Ein Hauch von Kontakt.
Am nächsten Morgen habe ich dann etwas gemacht, das entweder sehr klug oder sehr ich war.
Ich habe ihn mit zu einem Führungskräfte Workshop genommen.
Die Teilnehmenden hatten darum gebeten, und ich hatte schon einen Tag mit dieser Gruppe gearbeitet. Zwanzig Menschen, eine warme Atmosphäre, dieses konzentrierte Summen, das entsteht, wenn Menschen versuchen, gleichzeitig professionell und menschlich zu sein. Ich dachte: Das ist gut für Flusen. Er liebt Menschen. Er liebt es, mich zu begleiten. Er liebt Settings, in denen man ihn charmant findet.
Also habe ich es gemacht.
Und es war… als hätte jemand bei ihm einen Schalter umgelegt.
Flusen war wieder Flusen.
Dieser gut gelaunte, charmante Hund, der in solchen Räumen so perfekt hört, als hätte er heimlich eine Ausbildung als Seminarassistent gemacht. Er war folgsam, aufmerksam, irgendwie immer in Bereitschaft, als würde er jeden Blick einsammeln und daraus kleine Aufgaben basteln.
Will to please ist bei ihm nicht nur eine Eigenschaft.
Es ist ein ganzer Motor.
Einer, der schnurrt, sobald Menschen da sind.
Die Gruppe war überglücklich. Flusen schlenderte durch den Raum wie ein Star, der keine Eile hat, weil er weiß, dass sowieso alle gucken. Eine Teilnehmerin sagte mal, er sei cool, weil er nicht geht, sondern über den Teppich schlürft.
Schlürfen ist genau das richtige Wort.
Nicht rennen, nicht stolzieren, eher dieses lässige Gleiten, als würde er sagen: Ich bin zufällig hier, aber ihr dürft euch gern freuen.
Und ich saß da und hatte dieses doppelte Gefühl.
Erleichterung, weil ich ihn wiedererkenne.
Und ein leises Ziehen, weil ich merke, wie stark diese zwei Flusen Versionen nebeneinander existieren können.
Der „Eh alte, was willst du“ Flusen.
Und der „Sag mir, wie ich es richtig mache, ich mach es sofort“ Flusen.
Wie zwei Persönlichkeitsanteile, die sich abwechseln, je nachdem, ob es nach Nähe riecht oder nach Bühne.
Wieder zu Hause war er dann auch wieder mehr der Flusen, den ich kenne. Noch nicht ganz, aber deutlich. Als hätte der Workshop ihm geholfen, sich wieder zusammenzufinden. Oder sich wieder in eine vertraute Form zu falten.
Und gleichzeitig weiß ich, dass das Thema nicht weg ist.
Es ist nur gerade leiser.
Ich spüre, dass wir das Schritt für Schritt aufarbeiten müssen. Kleine Mini Steps, die ihm helfen, aus dieser Ambivalenz rauszukommen. Weg von der Maske. Weg von diesem Cool Sein, das manchmal nur eine Rüstung ist. Hin zu etwas Echtem.
Zu dem Punkt, an dem er auch schwach sein darf.
An dem er nicht immer glänzen muss.
An dem er sagen könnte: Du bist mir zu groß. Bitte lass mich.
Ohne dass er dafür erst ein Messer aus Blicken ziehen muss oder ganz verschwindet.
In meinem Kopf hat Flusen ein inneres Kind, das viel zu früh gelernt hat, dass Menschen eine Einladung sind. Eine Aufgabe. Ein Publikum. Eine Chance.
Vielleicht hat er nie wirklich „Nein“ gelernt.
Bei Menschen zumindest nicht.
Er wurde überall einfach so gestreichelt, schon immer. Ich erinnere mich an diese Szene, die sich heute fast absurd anfühlt: Eine Motorradfahrerin hält auf der Straße an, steigt ab, weil sie Flusen unbedingt streicheln muss, weil er so süß ist. Und er lässt es zu. Freudig. Vielleicht zu freudig. Als wäre sein Körper ein öffentlicher Platz, auf dem jeder kurz Pause machen darf.
Enjah ist da anders.
Enjah sagt Nein.
Enjah sagt es nicht immer laut, aber sie sagt es klar.
Und das ist interessant, weil es so viel über die beiden erzählt.
Enjah hat zu uns eine unfassbare Nähe aufgebaut. Mit uns ist sie weich. Vertraut. Verbunden. Bei anderen Menschen ist sie eher scheu. Selbst wenn sie freundlich sind, geht sie nicht einfach hin. Manchmal bellt sie sogar, so ein kleines „Nee, geh weg“, das klingt wie ein winziger Türsteher vor einem sehr privaten Club.
Sie verteilt Nähe wie eine seltene Pflanze.
Nur an ausgewählte Stellen.
Flusen verteilt Nähe wie Werbegeschenke.
Nimm zwei, ich hab genug.
Und ich frage mich, was dahinter steht.
Bei Enjah sehe ich ein inneres Kind, das sehr genau prüft, wer sicher ist. Das Bindung tief macht, aber nicht breit. Das Nähe wie ein Nest baut und Fremde erst mal draußen lässt.
Bei Flusen sehe ich ein inneres Kind, das gelernt hat: Wenn du lieb bist, wirst du geliebt. Wenn du gefällst, passiert dir nichts. Wenn du die Stimmung hältst, hält dich vielleicht auch jemand.
Das ist keine Schwäche.
Das ist eine Strategie, die mal sehr klug war.
Und jetzt, in manchen Momenten, wird sie zu eng.
Enjah hat in den letzten Wochen einen großen Sprung gemacht. Sie liebt Flusen. Sie hängt gefühlt an seinem Fang, wenn er in der Nähe ist, als wäre er ihr persönlicher Nordstern. Am liebsten würde sie alles so machen wie er. Seine Pausen. Seine Wege. Seine Art, Raum zu nehmen.
Und gleichzeitig steht sie sehr selbstbewusst vor ihm. Nicht klein. Nicht unterwürfig. Eher wie: Ich liebe dich, aber ich bin auch wer.
Das rührt mich, weil es so nach Entwicklung aussieht. Nach dieser Mischung aus Anlehnen und eigenem Stand, die sich bei uns Menschen oft erst Jahrzehnte später langsam zusammenbaut.
Bei Enjah gibt es gerade wenig große Themen. Das Geschirr lässt sie sich mittlerweile im Sitzen anziehen. Sie setzt sich hin und wartet, als hätte sie beschlossen, ab jetzt eine erwachsene Dame zu sein. Auch die Augenpflege geht viel besser. Ich kann mehr machen, ohne dass sie sich wehrt.
Nur im Spiel beißt sie schon mal.
Aber spielerisch.
Wie ein Kind, das beim Toben kurz überdreht, weil es testen will, wie viel Leben in so einem Moment eigentlich erlaubt ist.
Sie wird von Tag zu Tag explorativer. Sie testet unfassbar viel. Sie schaut dabei oft direkt zu mir, als würde sie sagen: Und was machst du, wenn ich das mache.
Dieser Blick ist so deutlich, dass ich manchmal fast lachen muss. Es ist, als hätte sie ein kleines Notizbuch in der Pfote und macht Häkchen.
Reaktion A, Reaktion B, Reaktion C.
Und ich versuche, so wenig wie möglich Nein zu sagen, damit das Wort seine Schärfe behält. Damit es nicht zu einem Hintergrundgeräusch wird, wie ein Kühlschrank, den man irgendwann nicht mehr hört.
Ich sitze da und sehe die beiden wie zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeits Typen auf vier Pfoten.
Enjah ist wie ein Feuer, das sich langsam an dich rantraut, wenn du still genug bist.
Flusen ist wie ein Scheinwerfer, der sofort angeht, sobald jemand den Raum betritt.
Und irgendwo dazwischen bin ich.
Mit meinem Wunsch, dass Flusen nicht nur leuchten kann, sondern auch landen.
Dass er nicht nur charmant sein muss, sondern echt.
Und dass dieses innere Kind in ihm irgendwann merkt, dass es nicht mehr gefallen muss, um sicher zu sein.