Tag 52, 53 & 54: Eh alte, was willst du

Ich war im Aussi Bootcamp bei der Hundeexpertin, die ich seit Jahren online verfolge.

Ich habe jedes Buch gelesen. Mehrfach. Ich bin praktisch ein wandelnder Textmarker mit Leine in der Hand.

Und dann sitze ich wirklich vor ihr.

Sie ist nicht streng. Nicht Klemmbrett. Eher so, dass mein Kontrollbedürfnis kurz die Schuhe auszieht und sich auf den Boden setzt. Sie hört zu, als würde sie nicht nach Fehlern suchen, sondern nach dem Muster darunter. Während ich rede, merke ich, wie ich innerlich aufräume, als käme gleich Wohnungsbesichtigung. Schnell noch die Wäsche in den Ofen, lächeln, alles ist gut, nichts brennt.

Dann trifft sie Flusen.

Und Flusen wird höflich.

Nicht mein Flusen höflich, eher so vorsichtig höflich, als hätte er plötzlich gemerkt, dass hier jemand die unsichtbaren Regeln wirklich liest. Ich stehe daneben und fühle mich gleichzeitig gerührt und unsicher. Was passiert hier. Ich sehe eine Seite an Flusen die ich nicht kenne. Eine unfassbar authentische und verletzliche Seite. Und Benehmen, Höflichkeit, Demut.

Sehr schnell wird klar, worum es geht.

Nicht um Enjah. Enjah ist Welpe. Enjah ist krass. Enjah ist ein krasser Welpe. Und gleichzeitig ist Enjah nur ein Welpe. Ein Aussi-Welpe, alles wofür sie gezüchtet wurde in Reinform.

Und dann gibt es da noch diese Sache, die mich fast am meisten beruhigt hat, weil sie so unspektakulär gut ist, dass mein Gehirn sie am liebsten übersehen würde.

Die Kommunikation zwischen den beiden ist… perfekt.

Flusen ist Enjah gegenüber glasklar. Keine Messerspiele, kein Prollfilm, kein Aufplustern. Sondern Grenzen. Saubere, erwachsene Grenzen. Er sagt ihr, wenn es reicht. Er sagt es deutlich. Und ja, manchmal auch ziemlich unromantisch, so nach dem Motto: Ende Gelände, kleiner Wirbelsturm.

Aber genau das ist richtig.

Da ist nichts, was wir reparieren müssten.

Enjah ist vielleicht eine krasse Nummer, rassetypisch und auf ihre Art wie eine kleine Naturgewalt mit Kuschelgesicht. So ein Hund, bei dem man denkt: Wer hat dir eigentlich den Turbo freigeschaltet, und warum ohne Passwort.

Die Expertin fragt, was mein größter Wunsch mit den beiden ist.

Mein Traum ist peinlich simpel: mit beiden an einem Hund vorbeigehen, ohne dass mein Körper schon den Notfallkoffer packt. Meine Angst sitzt direkt daneben: Flusen eskaliert, gerät in den Tunnel, und Enjah kriegt etwas ab. Nicht absichtlich. Eher wie eine Tür, die zugeschlagen wird, während noch jemand im Rahmen steht.

Wir stellen eine Begegnung. Ich komme mit meinem vertrauten Drehbuch: Flusen pöbelt aus Unsicherheit, will weg, Abstand, raus hier.

Die Expertin schaut hin und sagt im Grunde: Ja. Und da ist noch was.

Flusen will hin.

Nur nicht wie ein Erwachsener, der Hallo sagt, sondern wie ein 17jähriger mit Lederjacke und Goldkettchen. Innen Bauchweh, außen Show. Sobald das Gegenüber nicht deeskaliert, zieht Flusen innerlich ein Messer. Kein echtes. Ein Beziehungsmesser. Dieses kalte Glitzern aus Blicken und Raum und Spannung, bei dem es nicht mehr um Kontakt geht, sondern um Klingen testen.

Und das Bittere ist: Er tut so, als wäre seine Klinge lang. Dabei ist es ein Buttermesser mit Drama Soundtrack. Er versucht Größe und verliert sich. Er kann den Raum nicht halten.

Im Wald üben wir echt. Keine Bühne. Begegnungen, wie sie kommen. Ich werde klarer, nicht härter. Wie eine Tür, die nicht wackelt. Und Flusen wird anders, sobald ich anders werde. Es klappt. Nicht perfekt. Aber so, dass mein Nervensystem kurz vergisst, dass es sonst gern sirenisiert.

Ein Bild der Expertin bleibt bei mir hängen, wie so ein kurzer Filmclip, den man nicht wegklicken kann.

Flusen macht das nicht nur bei anderen Hunden. Er macht es auch mit mir.

Er kommt auf mich zu, Körperhaltung Siebzehnjähriger. Arroganz in den Schultern, dieser Blick, als hätte ich ihn gerade bei etwas sehr Wichtigem gestört, wie zum Beispiel beim Atmen. Und dann liegt es plötzlich in der Luft, ganz ohne Worte, aber ich höre sie trotzdem.

Eh alte, was willst du. Hä. Ich will nichts von dir. Lass mich.

Und zack. Gespräch beendet.

Nicht so dieses natürliche Ende, bei dem man sich anlächelt und denkt, okay, wir sind durch. Sondern so ein Abbruch, mitten im Satz. Wie wenn jemand im Kino einfach das Licht anmacht, während der Plot gerade erst anfängt, Sinn zu ergeben. Und ich sitze da mit meinen offenen Fragen, mit meinen Halbsätzen, mit meinem Wunsch nach Verbindung, und Flusen ist innerlich schon längst aufgestanden und aus dem Raum gegangen.

Das tat weh.

Weil ich genau das schon so oft gedacht habe, nur eben in der stillen Ecke meines Kopfes, wo ich Dinge denke, die ich nicht denken will. Dass da manchmal so ein kleiner Halbstarker in ihm steckt. Einer, der nicht echt sein kann. Der nicht zeigen kann, was eigentlich los ist. Der eine Maske trägt, die nach Coolness aussieht und in Wahrheit nach Angst riecht.

Und dann dieses andere Bild, das sich darunter schiebt, viel leiser und viel schwerer.

Dass das, was wie Arroganz wirkt, eine Schutzstrategie ist. Dass hinter dem Pöbeln und diesem demonstrativen Rückzug etwas sitzt, das sich klein fühlt. Ein verletztes Kind, das irgendwann gelernt hat, dass Verletztheit gefährlich ist. Dass man sie besser verdeckt. Dass man lieber auf dicke Hose macht, bevor jemand merkt, wie dünn die Haut gerade ist.

Ich sehe ihn dann vor mir, nicht als großen Hund mit großen Ansagen, sondern als jemanden, der sich ständig größer machen muss, weil er sonst verschwinden würde. Der sich aufbläst, weil er nie lernen durfte, einfach zu sagen: Du bist mir zu groß.

Und eigentlich bräuchte dieses verletzte Kind genau die Erlaubnis, die ich ihm bisher nicht gegeben habe.

Die Erlaubnis, verletzlich zu sein, ohne dass sofort eine Show daraus werden muss.

Die Erlaubnis, so etwas zu sagen wie: Hey. Du bist mir viel zu groß. Kannst du mich in Ruhe lassen. Ich tu dir nichts. Wenn du mir nichts tust, ist Frieden.

Nicht als Kapitulation. Sondern als Wahrheit.

Das kann er nicht, also bleibt bleiben ihm nur zwei Optionen.

Exzessives Pöbeln.

Oder Rückzug.

Beides laut. Beides einsam.

Und dann der nächste Tag.

Psychischer Muskelkater.

Flusen hört nicht wenig, Flusen hört gar nicht mehr. Als hätte er gestern Gewichte gestemmt und heute streikt jeder Nerv. Er geht auf Distanz, schaut an mir vorbei, als hätte er beschlossen, ab jetzt solo zu sein. Und mein Kopf fängt an, Geschichten zu schreiben.

Was, wenn das jetzt so bleibt.