Tag 51: Andere Hunde sind Roboter mit Fell
und ich bin offenbar mit der Beta-Version unterwegs
Es gibt sie.
Diese Hunde.
Sie laufen ohne Leine an der Straße.
An der Straße.
Mit Autos.
Mit Leben.
Sie gehen Fuß,
als hätten sie einen eingebauten Laser,
der permanent die Wade ihres Menschen scannt.
Ohne Kommando.
Ohne Leckerli.
Ohne existenzielle Verhandlungen.
Ihre Menschen wirken entspannt.
Sie haben eine Hand frei.
Manche sogar beide.
Ich sehe sie oft mit Kaffee.
Oder am Telefon.
Oder einfach nur mit dieser lässigen Körperhaltung von
„Ich habe mein Leben im Griff.“
Und dann bin da ich.
Mit Flusen.
Und einer Leine,
die aussieht, als würde sie mich führen
und nicht umgekehrt.
Flusen ist jetzt über dreieinhalb Jahre alt.
Und zieht noch immer,
als gäbe es da vorne etwas sehr Wichtiges,
das ich offenbar nicht sehe.
Er jagt.
Er prüft.
Er diskutiert.
Hören tut er auch.
Theoretisch.
Praktisch funktioniert sein Gehör
wie mein Gehirn bei Formularen vom Finanzamt.
Ich weiß, dass da Informationen drin sind.
Sie kommen nur nicht zuverlässig an.
Wenn ich dann diese anderen Hunde sehe,
die bei Wild kurz gucken
und dann einfach weiterlaufen,
als wäre Jagd ein urbaner Mythos,
passiert etwas sehr Menschliches in mir.
Ich denke
Das kann nicht normal sein.
Entweder
bin ich unfähig
oder Flusen
oder diese Hunde sind keine echten Hunde.
Ich tendiere zur letzten Option.
Roboter mit Fell.
Mit einem geheimen Update.
Version 15.2
inklusive Straßenverkehrsmodul
und deaktiviertem Instinktspaket.
Anders kann ich mir das nicht erklären.
Und jetzt kommt der Teil,
den ich sehr gut kenne.
In dem Moment,
in dem ich mich schlecht fühle,
werde ich innerlich sehr kritisch.
Dann denke ich Dinge wie
„Also ich würde das ja anders machen.“
Oder
„Das ist aber auch gefährlich.“
Nicht laut.
Nur innerlich.
Das Schöne daran
es hebt mich sofort ein kleines Stück über andere.
Nicht viel.
Nur so viel,
dass es sich kurz besser anfühlt.
Psychologisch betrachtet ist das genial.
Ich muss nichts verändern.
Ich muss nur urteilen.
Andere abwerten
ist manchmal wie ein emotionaler Hocker,
auf den man sich stellt,
wenn man selbst gerade zu klein wirkt.
Mit großem Augenzwinkern gesagt
das tut kurzfristig erstaunlich gut.
Bis man merkt,
dass man immer noch friert,
und immer noch Winter ist
und immer noch montags.
Die Wahrheit ist
ich weiß, dass diese anderen Hunde
auch ihre Geschichten haben.
Ihre Baustellen.
Ihre Momente,
in denen sie nicht Roboter sind.
Ich sehe sie nur nicht.
So wie andere meine nicht sehen.
Sie sehen nicht die Leine,
die ich seit Jahren halte.
Nicht die Trainingsstunden.
Nicht die Zweifel.
Sie sehen nur den Hund,
der zieht.
Und vielleicht ist das der eigentliche Punkt.
Wir urteilen gern dort,
wo wir uns selbst unsicher fühlen.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Selbstschutz.
Flusen jedenfalls ist kein Roboter.
Er ist echt.
Mit Meinung.
Mit Instinkt.
Mit sehr eigener Idee von Tempo.
Und ich bin auch echt.
Mit Humor.
Mit Selbstzweifeln.
Und mit der Fähigkeit,
über mich selbst zu lachen,
wenn ich mal wieder denke,
dass alle anderen Hunde
offenbar besser programmiert wurden.
Vielleicht ist das kein Trainingskonzept.
Aber es ist ein guter Start
in eine neue Woche im Winter.
Mit Kaffee.
Mit Leine.
Und mit dem beruhigenden Gedanken,
dass Perfektion meistens nur aus der Entfernung so aussieht.