Tag 49: Ich prokrastiniere gerade sehr erfolgreich
oder warum ich Bücher über Prokrastination lese, statt eine Hausarbeit zu schreiben
Ich sollte eigentlich schreiben.
Eine Hausarbeit.
Zum Thema Qualitätssicherung und Erklärbarkeit in der Datenwissenschaft.
Allein dieser Titel wirkt schon so motivierend,
dass mein Gehirn sofort beschlossen hat,
dringend etwas anderes zu tun.
Zum Beispiel nachzudenken.
Oder zu planen.
Oder ein Buch über Prokrastination zu lesen.
Ich habe inzwischen mehrere.
Gelesen.
Markiert.
Innerlich beklatscht.
In der Zeit hätte ich locker eine Hausarbeit schreiben können.
Oder ein kleines Haus bauen.
Mit Garten.
Mein innerer Dialog beim Nicht-Anfangen
Stimme 1, sehr organisiert
„Wir brauchen erst einen guten Plan.“
Stimme 2, sehr kritisch
„Einen besseren. Den jetzigen fühle ich noch nicht.“
Stimme 3, sehr ehrlich
„Wenn wir jetzt anfangen, könnten wir merken, dass wir keine Lust haben.“
Stimme 4, ganz leise
„Oder Angst.“
Ich plane gern.
Ich liebe Pläne.
Ich mache nicht einen Plan für eine Hausarbeit.
Ich mache jeden Tag einen neuen.
Mit neuer Struktur.
Neuen Farben.
Neuer Hoffnung.
Es ist erstaunlich,
dass ich in meinem Leben jemals etwas abgeschlossen habe.
Ich bin nicht perfektionistisch. Ich bin faul.
Das sage ich jetzt einfach.
Ohne psychologisches Feigenblatt.
Ich bin faul.
In vielerlei Hinsicht.
Ich finde Ausreden.
Sehr gute sogar.
Mit Argumenten.
Mit Kontext.
Mit Systemtheorie.
Ich könnte meine Prokrastination locker erklären.
Neurobiologisch.
Motivationspsychologisch.
Existenzialistisch.
Aber wenn ich ehrlich bin,
sitze ich manchmal einfach da und denke
„Nee.“
Und dann denke ich
„Das darf man nicht denken.“
Also denke ich etwas Schlaueres.
Zum Beispiel
„Ich arbeite gerade an meiner inneren Klarheit.“
Hunde prokrastinieren nicht.
Flusen liegt da.
Wenn er müde ist, schläft er.
Ohne Planung.
Ohne Schuldgefühl.
Enjah steht auf.
Hat Energie.
Macht etwas.
Manchmal das Falsche.
Oft zu viel.
Aber sie ist drin.
Im Leben.
Kein Hund sitzt rum und denkt
„Ich gehe später spazieren, wenn ich motivierter bin.“
Sie gehen.
Oder sie gehen nicht.
Und keiner schreibt danach ein Buch darüber.
Vielleicht ist Prokrastination kein Problem, sondern ein Schutz
Je länger ich darüber nachdenke,
desto weniger glaube ich,
dass ich meine Prokrastination loswerden will.
Ich will nur,
dass sie mich nicht so schlecht fühlen lässt.
Vielleicht ist sie einfach mein Weg,
mich vor etwas zu schützen,
das ich gerade nicht tragen will.
Vor der Einsamkeit des Schreibens.
Vor der Endgültigkeit eines Anfangs.
Vor dem Moment,
in dem aus Möglichkeit Realität wird.
Solange ich nicht anfange,
ist alles noch offen.
Das ist tröstlich.
Qualitätssicherung, Erklärbarkeit und mein sehr menschliches System
Ironischerweise soll ich über Erklärbarkeit schreiben.
In der Datenwissenschaft.
Über Modelle,
die nachvollziehbar sein sollen.
Über Systeme,
die man verstehen können muss.
Und sitze hier
mit meinem eigenen System,
das völlig intransparent arbeitet.
Input
Hausarbeit
Output
Bücher über Prokrastination
Tee
Gedanken
Neue Pläne
Keine Erklärbarkeit.
Keine Reproduzierbarkeit.
Nur ich.
Enjah macht. Flusen lässt. Ich denke.
Vielleicht ist das mein eigentliches Muster.
Enjah handelt.
Flusen reguliert.
Ich denke.
Viel.
Und nenne es manchmal Reflexion,
manchmal Vorbereitung
und manchmal einfach
„Ich bin gerade noch nicht so weit.“
Vielleicht wäre ein bisschen mehr Enjah gut.
Einfach anfangen.
Unperfekt.
Zu früh.
Und ein bisschen mehr Flusen.
Pausieren, ohne mich dafür zu verurteilen.
Ich schreibe diesen Text statt der Hausarbeit
Das ist jetzt der Punkt,
an dem es peinlich ehrlich wird.
Ich schreibe diesen Text,
weil er Beziehung hat.
Er schaut mich an.
Er reagiert.
Er lebt.
Die Hausarbeit tut das nicht.
Noch nicht.
Vielleicht schiebe ich keine Aufgaben auf.
Vielleicht schiebe ich Leere auf.
Und vielleicht ist das okay.
Für heute.
Jetzt gleich.
Fange ich an.
Wirklich.
Also gleich gleich.
Nach diesem Absatz.