Tag 47: Warum Hunde völlig normal sind und wir es nicht aushalten

Ich weiß den Moment noch ganz genau.
Sommer.
Wochenende.
Terrasse.

Ich saß da und las
„Herrchenjahre – Vom Glück, einen ungezogenen Hund zu haben“ (Michael Frey Dodillet)
… und habe so gelacht, dass mir für einen Moment egal war, ob ich alles richtig mache.

Dieses Buch war keine Lektüre.
Es war eine Selbsthilfegruppe.
Mit Humor.
Und ohne Flipchart.

Perfekt für alle, die in der Hundepubertät anfangen,
nicht am Hund zu zweifeln
sondern an sich.

Die Hundeschulstunde, die mein Ego nachhaltig beschädigt hat

Abends.
Gruppenstunde.
Alle Hunde sollten Sitz machen.

Alle Hunde machten Sitz.
Mit mehr oder weniger innerem Protest.

Außer Flusen.

Flusen stand.

Ich sollte ihn ins Sitz bringen.
Meine Trainerin sagte ruhig:
Halte durch. Auch wenn du die ganze Stunde nichts anderes machst.

Also tat ich genau das.

Von außen war ich die Ruhe selbst.
Innerlich war ich ein brodelnder Topf aus
Scham
Wut
und dem Gedanken
Warum habe ich mir kein ruhiges Hobby gesucht?

Die Stunde ging vorbei.
Die Gruppe löste sich auf.
Und ganz am Ende
machte Flusen Sitz.

Nicht triumphierend.
Nicht provokant.
Eher so
Jetzt passt es für mich.

Ich lächelte.
Und wusste
das war eine Lektion.

Was wir eigentlich von Hunden erwarten und warum das völlig absurd ist

Wir wollen Hunde, die

sozialisierter sind als wir
empathischer als wir
geduldiger als wir
und bitte mit allen klarkommen

Mit allen Menschen.
Mit allen Hunden.
Immer.

Während wir selbst Nachbarn meiden,
Meetings hassen
und Menschen blockieren,
weil sie einmal schief geguckt haben.

Der Hund soll hören wie ein Mensch
fühlen wie ein Hund
lieben wie ein Hund
und reflektieren wie ein erwachsener Therapeut.

Und natürlich darf er niemals anecken.
Nicht bellen.
Nicht pöbeln.
Nicht nerven.

Am besten einfach existieren
ohne aufzufallen.

Der eigentliche Grund für unsere hohen Ansprüche

Es geht oft gar nicht um den Hund.

Es geht um uns.

Um Blicke.
Kommentare.
Diese ungefragten Sätze
die immer mit
Also ich würde ja…
anfangen.

Wir erziehen nicht selten
für das Publikum.

Damit niemand denkt,
wir hätten etwas nicht im Griff.

Dabei ist der Hund völlig korrekt unterwegs.
Nur sind wir nicht besonders entspannt.

Was mir dieses Buch wirklich geschenkt hat

Erleichterung.

Und Humor.

Nicht als Ablenkung.
Sondern als Erinnerung,
mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Flusen war nie falsch.
Nie kaputt.
Nie problematisch.

Er war einfach ein Hund.
Mit Meinung.
Mit Timing.
Mit Persönlichkeit.

Und ich war ein Mensch
mit sehr hohen Erwartungen
und einem erstaunlich empfindlichen Ego.

Vielleicht geht es gar nicht darum,
den perfekten Hund zu haben.

Sondern darum,
unsere eigenen Erwartungen
regelmäßig zu hinterfragen.

Und manchmal einfach zu lachen,
wenn ein Hund sich erst ganz am Ende setzt
und damit alles sagt,
was gesagt werden musste.