Tag 46 Nichtwissen, Orientierung und mein innerer Kontrollfreak mit Stirnlampe

Ich habe mir Rat geholt.
Nicht aus Panik.
Nicht aus Hilflosigkeit.

Also gut.
Vielleicht ein kleines bisschen aus Hilflosigkeit.

Es ging um Flusen und Enjah.
Um diese scheinbar winzigen Fragen, bei denen man erst merkt, dass sie wichtig sind, wenn man nachts um drei wachliegt und denkt, dass man gerade das emotionale Fundament seines gesamten Rudels zerstört hat.

Wie lange spielen lassen.
Wann unterbrechen.
Wann laufen lassen.
Wer korrigiert wen.
Wann eingreifen.
Wann bloß nicht.

Also nichts Großes.
Nur alles.

Nichtwissen ist kein Mangel, sagt mein Verstand sehr souverän

Ich weiß, dass ich kein Hundepsychologe bin.
Flusen war mein erster Hund.

Nach drei Jahren habe ich viel gelernt.
Ausbildungen.
Weiterbildungen.
Beobachtungen.
Erfahrungen.

Ich weiß, wie sich Kompetenz anfühlt.
So ein bisschen.

Und trotzdem fühlt sich das hier an wie ein Reset-Knopf, der ohne Rückfrage gedrückt wurde.

Zwei Hunde.
Ein Welpe.
Anderes Geschlecht.
Andere Dynamik.

Alles wieder auf Anfang.
Willkommen zurück im ersten Semester.

Theoretisch kann ich das gut aushalten.
Nichtwissen ist kein Mangel.
Nichtwissen ist ein Zustand.

Ich sage solche Sätze sogar sehr überzeugend.
Mit ruhiger Stimme.
Mit innerer Haltung.

Orientierung ist ein Grundbedürfnis, sagt mein Nervensystem deutlich lauter

Dann kamen diese Rückfragen des Experten.
Gute Fragen.
Sehr gute Fragen.

Und mein Inneres machte sofort etwas sehr Klassisches.

Oh.
Nein.

Nicht dieses dramatische Nein.
Eher dieses leise
Aha. Ich mache also gerade alles falsch.
Dabei waren es nur Rückfragen, um unser System zu verstehen.
Keine Urteile.

Dennoch. Plötzlich war da Angst.
Nicht panisch, aber zäh.
Die Art Angst, die sich unter die Bettdecke schleicht und sagt
Schlafen kannst du später. Wir müssen jetzt alles durchdenken.

Ich sah vor meinem inneren Auge eine Art Zukunftsdokumentation.

Titel
Wie alles schiefging, weil Dagmar es in Woche drei falsch gemacht hat.

Flusen später emotional beschädigt.
Enjah mit Themen.
Ich mit dem Satz
Hätte ich mal früher anders reagiert.

Und das alles, weil ich Fragen gestellt habe.

Mein Nervensystem wollte Orientierung.
Jetzt.
Sofort.

Bitte ein Schild.
Bitte eine klare Regel.
Bitte jemand, der sagt
Mach es genau so, dann passiert nichts.

Kontrolle trägt Tarnkleidung und ich falle jedes Mal darauf rein

Was dann kam, kenne ich gut.

Der Wunsch, es richtig zu machen.
Nicht gut.
Nicht ausreichend.
Richtig.

Ich wollte innere Ablaufpläne.
Wenn sie spielen länger als X, dann Y.
Wenn Flusen guckt, dann eingreifen oder nicht.
Wenn Enjah schnappt, dann genau drei Sekunden warten, tief atmen und… was eigentlich.

Ich wollte Sicherheit.
Und nannte es Verantwortung.

Dabei war es Kontrolle.
Meine Lieblingsillusion.

Diese Art Kontrolle, die sich sehr erwachsen anfühlt,
aber eigentlich nur Angst mit Klemmbrett ist.

Flusen macht mir da wenig Hoffnung.

Er spielt.
Er stoppt.
Er guckt.
Er geht weg.
Er kommt wieder.

Enjah genauso.
Nur in der Geschwindigkeit eines Flipperautomaten.

Und ich stehe daneben und versuche, aus etwas Lebendigem eine Excel-Tabelle zu machen.

Mein innerer Dialog nachts um halb vier

Ich lag wach und dachte
Du hast gefragt, um es besser zu machen.

Und gleichzeitig
Du hast gefragt, und jetzt weißt du zu viel.

Ohne die Fragen hätte ich einfach weitergemacht.
Mit Bauchgefühl.
Mit Erfahrung.
Mit einer gewissen naiven Zuversicht.

Jetzt war da Unsicherheit.
Verunsicherung.
Diese fiese Mischung aus
Ich könnte es gut machen
und
Was, wenn ich es nicht tue.

Und ich merkte
Das Schwierige ist nicht das Nichtwissen.

Das Schwierige ist dieses Zwischen.

Der leise Wunsch nach weniger Bewusstsein

Manchmal wünsche ich mir, ich würde es einfach so machen wie ich denke.

Nicht, weil das objektiv besser wäre.
Sondern, weil es sich ruhiger anfühlt.

Weniger Fragen.
Weniger Stimmen.
Weniger innere Expertenrunde um drei Uhr nachts.

Aber ich weiß auch
Das ist nicht mein Weg.

Das wäre Selbstberuhigung.

Und Selbstberuhigung fühlt sich gut an
trägt aber selten lange.