Tag 45 Das Leben erklärt sich nicht. Und Klarheit ist wahrscheinlich eine Illusion.

Jahresanfang.
Diese Zeit, in der alle plötzlich Klarheit wollen.

Klarheit über Ziele.
Über Entscheidungen.
Über sich selbst.

Ich habe diesen Begriff früher geliebt.
Klarheit klang nach Ordnung.
Nach innerem Aufräumen.
Nach diesem Gefühl von
So. Jetzt hab ich’s.

Heute stolpere ich darüber.

Was ist Klarheit eigentlich.

Ein Zustand.
Ein Versprechen.
Oder nur ein sehr überzeugendes Gefühl.

Ich kenne dieses Gefühl gut.
Es kommt manchmal morgens.
Oder nach Gesprächen.
Oder nach langen inneren Schleifen.

Dieses
Ah. Verstanden.

Und dann gehe ich in den Garten.

Ich sage ruhig zu Flusen:
Komm.“

Er schaut mich an.
Freundlich.
Wach.
Aufmerksam.

Und bleibt stehen.

Nicht aus Versehen.
Nicht aus Missverständnis.
Sondern mit einer Präzision, die fast philosophisch wirkt.

So, als würde er sagen:
Deine Klarheit ist angekommen.
Meine Entscheidung auch.

Klarheit fühlt sich in solchen Momenten erstaunlich fragil an.

Szenen aus dem echten Leben mit Fell

Noch schöner wird es mit Enjah.

Ich lege ihre Decke aus.
Mit dieser inneren Haltung von
Das ist jetzt klar geregelt.

Enjah schaut die Decke an.
Schaut mich an.
Setzt sich exakt daneben.

Millimetergenau.

Technisch falsch, innerlich brillant

Und ich merke:
Meine Klarheit hatte gerade ein Ablaufdatum von ungefähr zwölf Sekunden.

Was mich an diesem Begriff zunehmend irritiert, ist etwas anderes.

Sobald wir Menschen eine Entscheidung getroffen haben,
verengen wir unseren Blick.

Radikal.

Plötzlich sehen wir überall Beweise dafür,
warum genau diese Entscheidung richtig war.

Artikel.
Sätze.
Gespräche.
Gedanken, die uns freundlich zunicken.

Unser Gehirn liebt das.
Es hasst innere Widersprüche.
Und es ist unfassbar gut darin,
uns selbst zu bestätigen.

Objektivität ist dabei optional.

Wenn Entscheidungen anfangen, uns zu bestätigen

Ich beobachte mich selbst dabei.
Sehr zuverlässig.

Ich entscheide etwas.
Und danach sammle ich Argumente
wie Flusen Stöcke.

Alles wird geprüft auf
Passt das zu meiner Entscheidung?

Was nicht passt,
wird ignoriert, relativiert oder freundlich weggeräumt.

Das fühlt sich dann nach Klarheit an.
Ist aber oft nur Selbstberuhigung in schickem Gewand.

Und dann kommen wieder die Hunde.

Flusen, der mir zeigt,
dass Verhalten nicht linear ist.
Dass drei Jahre Erfahrung nichts garantieren.

Enjah, die mit einer Selbstverständlichkeit alles infrage stellt,
was ich gerade für klar hielt.

Zwei Hunde, null Geduld für meine Gewissheiten

Sie sind großartig darin,
jede innere Gewissheit
in Echtzeit zu testen.

Nicht theoretisch.
Nicht freundlich.
Sondern praktisch.

Vielleicht ist das der Punkt.

Vielleicht gibt es Klarheit nur als Moment.
Als kurzes inneres Gleichgewicht.

Und wir machen daraus viel zu gern
eine feste Wahrheit.

Das Leben scheint daran wenig Interesse zu haben.

Es widerspricht.
Leise.
Hartnäckig.

Mit Blicken.
Mit Nicht-Kommen.
Mit Neben-der-Decke-Sitzen.

Vielleicht ist das ein guter Impuls für den Jahresanfang.

Nicht nach Klarheit zu suchen.
Sondern nach Beweglichkeit.

Nach der Fähigkeit,
eine Entscheidung zu treffen
ohne sie innerlich zu betonieren.