Tag 44 Warum Systeme sich nicht erklären lassen
Man kann sie nur erleben.
Das sage ich oft.
Fast beiläufig.
So, als wäre es ein Satz, den man irgendwo auf ein Flipchart schreibt und dann ist er erklärt.
Systemisch erklärbar.
Systeme stabilisieren sich.
Ungleichgewicht ist normal.
Alles richtig.
Alles wahr.
Und dann kommt Enjah.
Und plötzlich sitze ich mitten in meinem eigenen Lehrbuch und finde die Fußnoten nicht mehr.
Seit sie hier ist, bin ich in Dauerspannung.
Nicht panisch.
Eher so ein leises inneres Vibrieren, wie ein Handy auf lautlos, das ständig benachrichtigt wird.
Flusen ist wieder… speziell.
Pubertät 2.0.
„Komm“ heißt neuerdings:
„Ich habe dich gehört und mich bewusst dagegen entschieden.“
„Decke“ ist offenbar ein historischer Begriff.
Etwas aus der Zeit vor Enjah.
Ein Fossil.
Heute im Garten habe ich es ganz genau gesehen.
Flusen stand unten.
Ich oben.
Ich habe ruhig mit ihm gesprochen.
Er hat mich angesehen.
Aufmerksam.
Präzise.
Er wusste exakt, was ich wollte.
Und hat sich dann gedacht:
Nö.
Ich schwöre, in seinem Blick lag ein Hauch von
„Du hast den Flummi ins Haus geholt, jetzt leb damit.“
Natürlich ist das Quatsch.
Und natürlich macht es mich trotzdem nervös.
Mein geliebter Flusen.
Nie perfekt erzogen.
Aber zuverlässig unperfekt.
Und jetzt wirkt er, als wäre er kurz im Dinosaurierzeitalter abgebogen.
Was ist also los in unserem System.
Ich sage bei der Arbeit ständig, dass es reicht, wenn eine Person geht oder neu dazukommt.
Und zack.
Alles in Bewegung.
Hierarchien kippen.
Rollen verschieben sich.
Beziehungen ordnen sich neu.
Und ich verstehe das.
Theoretisch.
Beruflich.
Souverän.
Aber hier, zwischen Fell und Flummi,
verstehe ich plötzlich gar nichts mehr.
Ich finde Menschenkommunikation einfacher.
Haha.
Was für ein großartiger Witz.
Wenn etwas wirklich schwer ist, dann Menschen.
A sagen.
B machen.
C meinen.
Und D erwarten.
Hunde sind da ehrlich.
Brutal ehrlich.
Unfassbar berechenbar.
Wenn man ihre Sprache versteht.
Und genau da liegt das Problem.
Ich versuche alles gleichzeitig zu lesen.
Haltung.
Rute.
Ohren.
Fang.
Fluffigkeit.
Die subtile Bewegung eines Augenbrauenhaars.
Es ist zu schnell für mich.
Während die beiden sich mühelos verstehen.
Ohne Worte.
Ohne PowerPoint.
Ich filme viel.
Schaue mir Sequenzen immer wieder an.
Manchmal in Zeitlupe.
Weil das, was sie zeigen, für mich oft fast unsichtbar ist.
Und ich frage mich ernsthaft
ist das wirklich so schwer.
Dieses neue System.
Bei Flusen dachte ich nach drei Jahren
okay.
Jetzt hat er uns verstanden.
Jetzt sind wir berechenbar.
Ich dachte sogar noch früher, ich wüsste, wie er ist.
Und merke jetzt
ich wusste fast nichts.
Ich erlebe ihn neu.
Anders.
Feiner.
Reizbarer.
Lebendiger.
Dabei sind wir seit über drei Jahren ein System.
Oder waren es.
Und jetzt sind wir etwas anderes.
Genau deshalb verpuffen so viele Trainings.
Nicht, weil sie schlecht sind.
Sondern weil sie glauben, Systeme ließen sich erklären.
Man kann Regeln lernen.
Modelle verstehen.
Methoden anwenden.
Aber ein System verändert sich nicht, weil es verstanden wurde.
Sondern weil es erlebt wird.
Weil jemand bleibt, wenn es wackelt.
Weil jemand aushält, dass nichts mehr passt.
Weil jemand seine eigene Spannung spürt und trotzdem nicht flüchtet.
Ich sehe das hier jeden Tag.
Ungefiltert.
Unverhandelbar.
Zwei Hunde.
Ein neues Gefüge.
Und ich mittendrin, mit all meinem Wissen und erstaunlich wenig Kontrolle.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Systeme lassen sich nicht erklären.
Man kann sie nur erleben.
Und manchmal bellen sie dabei.