Tag 43 Ich heiße Enjah. Und ich wollte nur dazugehören.

Ich kam an
und wusste sofort,
wer hier wichtig ist.

Nicht Dagmar.
Nicht das Haus.
Nicht die vielen neuen Gerüche.

Flusen.

Er war groß.
Ruhig.
Sicher.
So einer, der immer weiß, was zu tun ist.
So einer, auf den Dagmar stolz ist,
auch wenn sie es nicht ständig sagt.

Und der sofort entscheidet,
dass man selbst gerade nicht dazugehört.

Ich wollte sein wie er.
Oder zumindest:
dass er mich mag.

Am Anfang tat er so,
als wäre ich Luft.
Oder schlimmer:
Störung.

Ich war zu schnell.
Zu laut.
Zu nah.

Ich verstand das nicht.
Ich wollte doch nur dazugehören.

Also versuchte ich alles.

Ich habe ihm meine Spielsachen gebracht.
Alle.
Eins nach dem anderen.
Sorgfältig vor seine Nase gelegt.

Schau.
Das ist meins.
Du kannst es haben.
Ich teile.

Er hat nicht mal geguckt.

„Interessiert mich nicht.“
„Geh.“
„Du nervst.“

Ich lief extra schön an ihm vorbei.
Ganz langsam.
Sehr kontrolliert.
Fast erwachsen.

Er knurrte.

Okay. Neuer Plan.

Ich setzte mich.
Kurz.
Dann wieder aufstehen.
Dann doch lieber liegen.
Dann wieder aufstehen.

Vielleicht mag er Bewegung.
Oder Ruhe.

Ich habe viel Charme.

Ich setzte ihn ein.
Tag für Tag ein bisschen mehr.
Ein schiefer Kopf hier.
Ein vorsichtiges Wedeln dort.
Ein Blick, der sagt:
Ich bewundere dich sehr.

Er blieb unerbittlich.

Grenzen.
Immer wieder Grenzen.

Manchmal dachte ich:
Vielleicht hasst er mich.

Und dann, ganz kurz,
hat er einmal mit dem Schwanz gewedelt.

Nicht für mich.
Vielleicht.
Aber ich habe es gesehen.

Es war winzig.
Fast unsichtbar.
Aber es war da.

Ich habe mir gemerkt:
Da ist etwas.

Später haben wir gespielt.
Richtig gespielt.
Nicht dieses vorsichtige Menschen-Spiel.

Es war wild.
Schnell.
Ich bin gefallen.
Er hat mich überrannt.

Ich habe kurz gedacht:
Ups.
Ist das jetzt ernst?

Dann hat er aufgehört.
Ganz kurz.
Hat mich angesehen.
Hat mir Zeit gelassen.

Und ich wusste:
Das hier ist Spiel.

Es war anstrengend.
Und ein bisschen gruselig.
Und großartig.

Ich war tapfer.
Und er war fair.

Seitdem weiß ich:
Manche Beziehungen beginnen nicht mit Nähe.
Sondern mit Aushalten.

Ich mag Flusen.
Sehr sogar.

Ich glaube, mit ihm kann man tolle Sachen machen.
Wenn die Menschen nicht gucken.

Vielleicht gehen wir irgendwann zusammen auf Streifzug.
Oder jagen einen Hasen.
Oder sitzen einfach nebeneinander
und tun so, als wäre das alles schon immer so gewesen.

Ich lerne gerade,
dass Zugehörigkeit manchmal Zeit braucht.

Und Geduld.
Und den Mut, es immer wieder zu versuchen.

Auch wenn man sehr klein ist
und der andere sehr groß wirkt.