Tag 42 Wenn Regeln wichtiger werden als Beziehung

Ich heiße Flusen.
Und ich hatte ein Leben.

Ein gutes.
Überschaubares.
Mit Regeln, gutem Futter und dem beruhigenden Gefühl,
dass alles funktioniert,
weil ich alles im Blick habe.

Dann kam sie.
Enjah.

Sie kam nicht rein.
Sie explodierte ins Haus.

Klein.
Schnell.
Mit Augen, die ständig fragen
und einem Körper, der Antworten überspringt.

Ich wusste sofort:
Das wird Arbeit.
Nicht diese niedliche Art Arbeit.
Sondern die Sorte,
bei der man innerlich schon die Leiche plant,
während man äußerlich ruhig atmet.

Ich stellte mich hin.
Ich stellte mich breit.
Ich stellte klar.

Niemand fragte mich.

Dagmar sagte Dinge wie
„das wird schon“
„wir beobachten erst mal“
„bleib ruhig“.

Ich WAR ruhig.
So ruhig, dass ich innerlich brannte.

Enjah bewegte sich falsch.
Sie blieb stehen, wenn man geht.
Sie ging, wenn man steht.
Sie atmete an Stellen,
an denen man gefälligst Abstand hält.

Ich blockte.
Ich knurrte.
Ich erklärte.

Sie lernte nichts.

Dagmar dachte.
Oh Gott, wie sie dachte.
So laut, dass ich Kopfschmerzen bekam.

Sie probierte.
Sie griff ein.
Sie ließ los.
Sie griff wieder ein.

Ich wusste irgendwann nicht mehr,
ob ich zuständig bin
oder sie.

Also übernahm ich.
Wie immer.

Ich regelte Blicke.
Ich regelte Wege.
Ich regelte Nähe.
Zwischendurch plante ich Enjahs Beseitigung.
Nicht konkret.
Eher konzeptionell.
Man muss Optionen haben.

Dann wurde alles noch schlimmer.
Mehr Regeln.
Mehr Trennung.
Mehr Kontrolle.

Ich durfte nichts mehr klären.
Gleichzeitig erwartete man von mir,
dass ich ruhig bleibe.

Ich blieb ruhig.
Innerlich schrieb ich Testamente.

Die Spaziergänge wurden schlimm.
Nicht für mich.
Für Dagmar.

Sie roch nach Anspannung.
Nach diesem
„Ich halte das alles zusammen“ Geruch.

Das macht Hunde nervös.
Mich besonders.

Und dann passierte etwas Seltsames.

Dagmar hörte auf, alles zu halten.
Nicht abrupt.
Eher zögerlich.
Als hätte sie Angst,
dass ohne ihre Kontrolle
alles auseinanderbricht.

Ich spürte das.

Und zum ersten Mal
legte ich mich hin.

Nicht aus Erschöpfung.
Aus Erleichterung.

Enjah blieb.
Ich wartete auf den Knall.
Er kam nicht.

Wir schliefen.
Im selben Raum.

Ich mit einem Auge offen.
Nur aus Prinzip.

Später spielten wir.
Kurz.
Laut.

Ich drohte innerlich mit Mord,
regulierte äußerlich aber erstaunlich souverän.

Sie hörte.
Manchmal.

Ich hörte auch.
Mehr, als mir lieb ist.

Heute liegt sie da.
Atmet.
Bewegt sich manchmal immer noch falsch.

Aber ich muss nicht mehr alles regeln.

Und das
ist neu.

Ich bin kein Polizist mehr.
Eher so etwas wie
ein pensionierter Sicherheitsbeamter
mit guten Instinkten
und schlechten Erinnerungen.

Ich hätte sie nicht getötet.
Wahrscheinlich.