Tag 41 Eine Spielsequenz namens Leben

Im Moment gibt es für mich kaum etwas Schöneres,
als Enjah und Flusen beim Spielen zuzusehen.

Nicht, weil es besonders niedlich wäre.
Sondern, weil es so unfassbar präzise ist.

Es ist wie eine Choreografie,
bei der ich nie weiß,
wie der nächste Moment aussieht.

Bewegung entsteht aus Blickkontakt.
Aktion wird Reaktion.
Tempo wechselt.
Nähe kippt in Abstand.
Und dann wieder zurück.

Beide sind vollkommen vertieft.
Keine Ablenkung.
Kein Zögern.
Kein Nachdenken über den nächsten Zug.

Ihre Augen treffen sich.
Und in diesem Bruchteil einer Sekunde entscheidet sich alles.
Wer jagt.
Wer ausweicht.
Wer innehält.

Manchmal rennt Enjah los,
voller Energie,
ohne Plan.
Und wird überrollt.

Sie kullert,
steht auf,
schüttelt sich
und läuft wieder an.

Ein anderes Mal hat sie gelernt.
Ein kleiner Haken.
Ein kurzes Zögern.
Ein neuer Weg.

Lernen in Echtzeit.
Ohne Analyse.
Ohne Selbstvorwurf.
Ohne Drama.

Und ich sitze daneben
und denke:
Genau so fühlt sich Leben an,
wenn man es nicht zerdenkt.

Ein ganzes Leben passt in diese Spielsequenz.

Der vorsichtige Beginn.
Das Beobachten.
Das erste Ausprobieren.
Die erste Überforderung.
Das erste Scheitern.

Beruflich.
Zwischenmenschlich.
Im Erwachsenwerden.

Man rennt los.
Mit Überzeugung.
Mit Mut.
Mit dem Gefühl,
dass das schon irgendwie geht.

Und dann kommt etwas Größeres.
Ein System.
Ein Mensch.
Eine Realität,
die einen schlicht überrollt.

Man liegt kurz da.
Verwirrt.
Vielleicht beschämt.
Und dann steht man wieder auf.

Probiert es anders.
Mit mehr Erfahrung.
Mit weniger Tempo.
Oder mehr.

Irgendwann wechseln die Rollen.
Wie im Spiel.

Die, die eben noch gejagt haben,
werden vorsichtiger.
Die, die geführt wurden,
übernehmen.

Im Beruf.
In Beziehungen.
Im Leben.

Und sehr spät,
viel später als wir denken,
kippt es noch einmal.

Die, die Vorbilder waren,
werden fragil.
Brauchen Schutz.
Pflege.
Geduld.

Wie Flusen,
der das Spiel heute noch liebt,
aber anders.

Gesetzter.
Wachsamer.

Und Enjah,
die genau daran wächst.

Nicht durch Erklärungen.
Sondern durch das gemeinsame Spiel.

Vielleicht ist das der Grund,
warum uns Leben manchmal wie Kampf vorkommt.

Weil wir vergessen,
dass Spiel nicht harmlos ist.
Und innerer Kampf nicht feindlich sein muss.

Beides braucht Pausen.
Blicke.
Rollenwechsel.

Und vielleicht ist genau das der Moment,
den wir am 1. Januar spüren.

Dieses kurze Innehalten.
Dieses Anschauen.
Bevor es wieder losgeht.

Bevor wir bereit sind,
wieder mitzuspielen.