Tag 40 Zwischen Zittern und Aufstehen
Gestern war Silvester.
Heute ist Neujahr.
Und selten lagen Abschied und Neubeginn so dicht beieinander wie diesmal.
Der späte Nachmittag bei meinen Eltern war leise.
Nicht traurig im klassischen Sinne.
Eher diese stille Melancholie, die entsteht, wenn man zusammensitzt und weiß:
Zeit ist kein abstraktes Konzept mehr, sondern etwas sehr Konkretes.
Meine Eltern werden älter.
Man merkt es nicht an großen Worten, sondern an kleinen Bewegungen.
Am vorsichtigen Aufstehen.
Am erleichterten Seufzen, wenn die Schmerzen heute ein bisschen weniger sind.
Man ist einfach zusammen.
Mehr braucht es nicht.
Und dann sind da Flusen und Enjah.
Die einzigen im Raum, die vollständig im Moment sind.
Die nicht wissen, dass sie ein paar Stunden später Angst haben werden.
Die einfach da sind.
Mit wedelnden Schwänzen und einer Selbstverständlichkeit, die fast weh tut.
Die Nacht, die niemand braucht
Wir hatten alles vorbereitet.
Verbarrikadiert.
Abgedunkelt.
Rückzugsorte geschaffen.
Und trotzdem war Flusen unfassbar ängstlich.
Dieses Böllern kann er gar nicht.
Er hat gezittert, als hätte sein Körper vergessen, wie man still steht.
Er wusste nicht wohin mit sich.
Hat versucht, sich in die kleinsten Ecken zu drücken.
Ein archaischer Instinkt, denke ich.
Wenn es draußen laut und unkontrollierbar wird, such dir den kleinsten, sichersten Raum.
Enjah dagegen war erstaunlich ruhig.
Sie hat viel gekuschelt.
War nah.
Als hätte sie beschlossen, dass Nähe heute die beste Strategie ist.
Irgendwann war es vorbei.
Wir haben diese tierunwürdige Nacht überstanden.
Und ich saß da und dachte:
Wie absurd ist das eigentlich, dass wir den Jahreswechsel mit Angst, Lärm und Ausnahmezustand feiern.
Mein größtes Glück 2025
Ich habe gestern darüber nachgedacht, was mein größtes Glück im Jahr 2025 war.
Die Antwort kam sofort.
Enjah.
Ich glaube nicht an Zufälle.
Dieser kleine Welpe ist nicht einfach passiert.
Sie bringt etwas mit, das mir im Alltag oft verloren geht:
Humor.
Leichtigkeit.
Witz.
Sie fällt.
Steht auf.
Rennt weiter.
Ohne lange innere Nachbesprechung.
Das tut auch Flusen gut.
Dem kleinen Nerd.
Der alles ernst nimmt.
Der denkt, bevor er springt.
Der Dinge abwägt.
Er hat schon Biografie.
Schon Erfahrungen.
Schon Erinnerungen, die sagen:
Das könnte schwierig werden.
Und trotzdem versucht auch er, das Beste aus seinem Leben zu machen.
Auf seine Art.
Vorsichtiger.
Drei Generationen, ein Wohnzimmer
Dann meine Eltern.
Die froh sind, wenn sie Besuch haben.
Wenn sie Flusen Leberwurstbrote geben dürfen.
Wenn Enjah an ihnen herumknabbert.
„Ist doch nur Nagen“, sagt mein Vater lachend.
Und man merkt, wie gut ihm diese Lebendigkeit tut.
Wie für ein paar Sekunden alles andere in den Hintergrund rückt:
die Sorgen,
die Schmerzen,
das Wissen um die Endlichkeit.
Vielleicht ist das das Leben.
Nicht entweder oder.
Sondern alles gleichzeitig.
Das langsame Abschiednehmen.
Und das unbedarfte Vorwärtsstürmen.
Das Zittern in der Ecke.
Und das Wiederaufstehen.
Und jetzt ist da dieses neue Jahr
Nichts ist klar.
Alles wird anders als gedacht.
Die einzige Konstante ist die Unberechenbarkeit.
Wer hätte vor einem Jahr gedacht,
dass wir dieses Silvester mit einem weiteren Hund verbringen würden.
Nicht einmal der Gedanke war da.
Und genau das tröstet mich.
Dass das Leben nicht planbar ist.
Dass es immer wieder Überraschungen bereithält.
Dass zwischen Angst und Glück oft nur ein paar Stunden liegen.
Vielleicht geht es gar nicht darum, das Leben im Griff zu haben.
Sondern darum, da zu bleiben.
Auch wenn es laut wird.
Auch wenn es zittert.
Und weiterzugehen, wenn es wieder still wird.