Tag 39 Wenn Spiel ernst wird, Ernst spielerisch bleibt
und ein Welpe mir Eckhart Tolle erklärt

Heute war einer dieser Tage, an denen ich dachte:
Gut, dass wir filmen.

Nicht für Instagram.
Nicht für Beweiszwecke.
Sondern für uns.

Denn was zwischen Flusen und Enjah gerade passiert, ist genau diese feine Grauzone, in der viele sagen:
„Ach, die spielen doch nur.“
Und andere denken:
„Oh Gott, das eskaliert gleich.“

Und beides kann stimmen.
Oder eben auch nicht.

Spielen ist kein Zufall, sondern ein Dialog

Wir lassen Flusen und Enjah im Moment ganz bewusst zusammen spielen.
Nicht unbeaufsichtigt.
Nicht beiläufig.
Sondern aufmerksam.

Wir filmen, stoppen, schauen uns Sequenzen an.
Ja, das klingt übertrieben.
Ist es aber nicht.

Denn Spiel ist nicht harmlos.
Spiel ist Kommunikation.

Und gutes Spiel erkennt man nicht daran, dass es wild ist,
sondern daran, wie es sich reguliert.

Ein paar klare Marker, die heute wieder wunderbar sichtbar waren:

  • Die Rollen wechseln.
    Mal jagt Flusen Enjah.
    Mal Enjah Flusen.
    Niemand bleibt dauerhaft Opfer oder Täter.
  • Es gibt Mini-Pausen.
    Sekunden, in denen beide kurz innehalten.
    Luft holen.
    Neu ansetzen.
  • Enjah wird auch mal überrannt.
    Sie kullert, steht auf, schüttelt sich
    und rennt wieder freudig auf Flusen zu.
    Kein Rückzug. Keine Angst. Kein Einfrieren.
  • Sie lassen sich unterbrechen.
    Ein Wort. Ein Signal.
    Beide sind sofort ansprechbar.

Das ist kein Kampf.
Das ist Beziehung in Bewegung.

Spiel ist dann gesund,
wenn es jederzeit unterbrochen werden kann,
und danach nichts nachschwingt.

Alles andere ist kein Spiel.
Sondern eine Eskalation mit Tarnkappe.

Orientierung macht müde. Sehr müde.

Danach gab es wieder einen Orientierungsspaziergang.
Ohne Leine.
Mit Ignorieren.
Mit Richtungswechseln.
Mit Vertrauen.

Und jedes Mal staune ich aufs Neue,
wie anstrengend das für Enjah ist.

Nicht das Laufen.
Nicht das Schnüffeln.
Sondern dieses permanente Doppeltracking:

Welt erkunden
und gleichzeitig
mich im Blick behalten.

Zurückkommen.
Abgleichen.
Neu entscheiden.

Danach ist sie müde wie nach einer Nachtschicht.
Nicht überdreht.
Nicht frustriert.
Einfach leer im besten Sinne.

Alleine bleiben. Mit Literatur.

Später durfte Enjah für ein paar Minuten alleine in meinem Arbeitszimmer bleiben.
Ohne Box.
Mit Vertrauen.
Mit dem stillen Wunsch, dass nichts passiert.

Es passierte… nichts.
Lange nichts.

Ich dachte schon:
Wow. Reif. Erwachsen. Wunderhund.

Bis ich es hörte.
Dieses ganz leise, sehr konzentrierte Geräusch von… Papier.

Ich gehe rein.
Und sehe sie.

Enjah.
Mitten im Zimmer.
Vollkommen bei sich.
Und mit großer Hingabe beschäftigt mit genau einem Buch.

Von über zweihundert.

Eckhart Tolle.
„Jetzt! Die Kraft der Gegenwart.“

Zerkaut.
Durchlebt.
In jeder Faser verkörpert.

Ich habe selten so gelacht.
Und mich selten so ertappt gefühlt.

Während ich darüber nachdenke,
wie ich nächstes Jahr bewusster leben möchte,
entscheidet sich ein Welpe für genau dieses Buch
und lebt es radikaler als ich je könnte.

Meine Jahresidee. Ganz unspektakulär.

Ich habe mir heute beim Laufen überlegt,
was ich mir fürs kommende Jahr wünsche.

Keine großen Vorsätze.
Kein Selbstoptimierungsprogramm.

Nur das:

Meine Emotionen früher bemerken.

Nicht analysieren.
Nicht erklären.
Nicht verändern.

Einfach wahrnehmen.

Denn ich habe bemerkt
dass Flusen und Enjah meine Emotionen lange vor mir registrieren.

Wenn Hunde übernehmen, was eigentlich mein Job ist

Ich habe mit Flusen dieses Jahr mehrere Situationen erlebt,
die mich nachhaltig wachgerüttelt haben.

Ich laufe morgens.

Immer die gleiche Strecke.
Gleiche Uhrzeit.
Gleicher Fahrradfahrer.

Normalerweise:
Ruhe. Warten. Schnüffeln. Sitzen.

Während wir kurz reden. Der Fahrradfahrer und ich. Über dies und das.

Und dann plötzlich:
Zug an der Leine.
Pöbeln.
Explosion.

Warum?

Nicht, weil sich außen etwas geändert hätte.
Sondern, weil innen etwas gekippt war.

Ich war genervt.
Ich hatte keine Lust auf Reden.
Keine Lust auf Smalltalk.
Keine Lust auf Menschen.

Flusen hat das geregelt.
Für mich.

Seit mir das bewusst ist, sage ich es offen.
Ich laufe weiter.
Ich setze Grenzen.

Nicht für ihn.
Für mich.

Denn Hunde sollten keine emotionalen Stellvertreter sein.

Wenn ich unausgeglichen bin,
wird Flusen anstrengend.
Nicht aus Bosheit. Sondern weil er mich nicht mehr versteht.

Und Enjah?
Sie wird es genauso lernen.

Mein Job. Nicht ihrer.

Mein Wunsch fürs nächste Jahr ist schlicht:

Früher merken,
wann etwas in mir kippt.

Nicht, um perfekt zu reagieren.
Sondern, um Verantwortung zu übernehmen.

Denn eines ist klar:

Flusen und Enjah müssen nicht mein emotionales Gleichgewicht herstellen.
Das ist allein mein Job.

Sie zeigen mir zuverlässig,
wenn ich es vernachlässige.

Und manchmal,
wenn ein Welpe ein Buch zerbeißt,
das von Gegenwart handelt,
ist das vielleicht keine Zerstörung.

Sondern eine Erinnerung.

Jetzt ist alles, was wir haben.